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Atalanta Bergamo empfängt FC BayernWiderständig im Raubtierkapitalismus

Mit der Rückkehr zum hohen Pressing sorgt Atalanta Bergamo wieder für Furore in Europa. Mit dem FC Bayern kommt ein Gegner, der auch das Risiko liebt.

Hat großen Einfluss auf sein Team: Trainer Raffaele Palladino weist Atalanta Bergamo den richtigen Weg Foto: Gregorio Borgia/ap

Bergamo ist noch im Post-Dortmund-Rausch. Die Endorphinausschüttungen des 4:1-Erfolgs gegen die Borussia in den Playoffs der Champions League wirken nach. „Das beste Spiel, das ich jemals gecoacht habe“, erklärte Trainer Raffaele Palladino. Knapp 150 Spiele für drei Serie-A-Klubs hatte er bis dahin immerhin geleitet. Klubchef Luca Percassi hob das Spiel als historisch hervor. „Es rangiert nur knapp unterhalb des Sieges von Dublin“, verwies er auf den bisher größten Erfolg der Atalanta beim Gewinn der Europa League gegen Bayer Leverkusen vor zwei Jahren.

Am Dienstag (21 Uhr) kommt wieder ein Bundesligist. Und die Bayern sollten gewarnt sein. Zwar klafft eine riesige Lücke zwischen den Meriten der beiden Klubs. Der Rekordsieger der Bundesliga (34 Meistertitel) trifft auf einen Klub, der in Italien noch niemals Meister war, lediglich fünfmal die 2. Liga gewann und einmal Pokalsieger wurde. Auch finanziell ist der Abstand gewaltig. 248 Millionen Euro an Spielergehältern der Bayern stehen laut der Plattform Capology.com den knapp 63 Millionen Euro des Spielerkaders aus Bergamo gegenüber.

Pikant ist allerdings, dass in der Arena von Bergamo die Bayern auf einen Gegner treffen, der schon vor knapp einer Dekade einige der Elemente in den europäischen Fußball eingeführt hat, für die Bayern-Coach Vincent Kompany in Deutschland als Innovator gefeiert wird: das extrem hohe Pressing und die daraus folgenden riskanten 1:1-Duelle der Abwehrspieler. Die Nachmacher treffen also auf die Innovatoren.

Gut, der Begründer dieser Erneuerungen, Gian Piero Gasperini, ging im Sommer als Trainer nach Rom. Aber Nach-Nachfolger Palladino – er folgte auf das desaströse Intermezzo von Ivan Jurić mit nur zwei Siegen aus den ersten zwölf Partien der Saison – hat die alten Stärken wiedererweckt. Dem historischen 4:1 gegen die Borussia gingen unter anderem Siege gegen den Chelsea FC und Eintracht Frankfurt voraus. Palladino habe auf die richtigen Knöpfe gedrückt. „So haben wir uns wiedergefunden“, lobte Mittelstürmer Gianluca Scamacca die psychologischen Qualitäten des Neuen auf der Bank.

Unter Palladino wird wie einst unter Gasperini hoch gepresst. Das aggressive Flügelspiel hat er beibehalten. Als neue Elemente führte er den Spielaufbau von hinten, gern unter Einbeziehung von Torwarttalent Marco Carnesecchi, ein. Und das bisweilen hektische Offenspiel unter Gasperini ist jetzt technisch verfeinert. Die Pässe sollen zuerst sauber, aber immer noch schnell gespielt werden. Das Fußball-Magazin Rivista Undici hat Palladino wegen der Kombination aus Dynamik und Präzision schon mal das Prädikat „italienischer Guardiola“ verliehen. Am Samstag wurde er als „Trainer des Monats Februar“ in Italien ausgezeichnet.

Die besondere Qualität der Atalanta liegt aber in der Widerstandskraft. Immer wieder gelingt es, in der Schlussviertelstunde Partien umzubiegen. Sei es das 4:1 gegen Dortmund, das in der Nachspielzeit der regulären Spielzeit fiel und damit die Verlängerung obsolet machte. Oder das 2:2 im Hinspiel des Pokalhalbfinals gegen Lazio Rom vergangenen Mittwoch, das Mittelfeldakteur Yunus Musah mit einem Distanzschuss in der 89. Minute erzielte. „Wir geben niemals auf. Unser Geist ist es, bis zur letzten Sekunde zu kämpfen. Wir haben auch hier unseren Charakter, unsere Persönlichkeit gezeigt“, konstatierte Palladino.

Den nächsten Charakterbeweis lieferte am Samstag Mittelstürmer Scamacca mit einem Doppelpack zwischen der 75. und 79. Minute ab, der den 0:2-Rückstand gegen Udinese noch in ein Remis verwandelte.

Scamacca ist der jüngste in einer langen Reihe von Mittelstürmern, die bei Atalanta fitgemacht wurden für größere Aufgaben. Ob Italiens Nationalstürmer Marco Retegui, letzten Sommer für knapp 70 Millionen nach Saudi-Arabien gewechselt, Europa-League-Matchwinner Ademola Lookman, in der aktuellen Winterpause für 35 Millionen Euro an Atlético Madrid transferiert, oder Rasmus Højlund, vor drei Jahren für knapp 78 Millionen Euro von Manchester United erworben (und jetzt an den SSC Neapel verliehen) – all diese Spieler wurden in der Offensivschule der Atalanta veredelt und gewinnbringend verkauft. Die Neuen füllten dann die großen Fußstapfen ihrer Vorgänger gut aus. Vor allem Letzteres ist die hohe Kunst für Ausbildungsklubs im Raubtierkapitalismus Profifußball.

Künftig will Atalanta allerdings mehr. Mit dem US-amerikanischen Finanzier Stephen Pagliuca, Ex-Mitbesitzer des NBA-Klubs Boston Celtics, kommt frisches Geld nach Norditalien. Spiele wie jetzt gegen den FC Bayern sollen vom Höhepunkt zum Alltagsgeschäft werden.

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