Astrophysiker über außerirdisches Leben: „Intelligente Schildkröten sind auch etwas Lustiges“
Auf Planeten in anderen Planetensystemen gibt es dauerhaft flüssiges Wasser. Deshalb ist dort auch Leben möglich, sagt Wolfgang J. Duschl.
taz: Herr Duschl, wenn Sie als Astrophysiker von der Umgebung Schleswig-Holsteins sprechen, ist damit unser Sonnensystem gemeint?
Wolfgang Duschl: Das ist ja nur die nähere Umgebung. Ich werde meinen Vortrag mit der Entfernung von Kiel bis Ahrensburg beginnen. Und dann arbeite ich mich weiter bis zum Andromedanebel. Ich will dabei vor allem zeigen, wie in der Astrophysik Raum und Zeit zusammenhängen.
taz: Geht es also darum, dass sich nichts schneller als das Licht bewegen kann?
Duschl: Ja! Für die Entfernung von Kiel bis Ahrensburg brauchen das Licht oder eine Radiowelle weniger als eine Tausendstelsekunde. Bei den Funksprüchen der Flüge zu Mond waren es aber schon spürbare Verzögerungen. Am Tag des Vortrags wären das 2,7 Sekunden. Zum Mars ist es dann schon eine Viertelstunde und darum ist autonomes Fahren dort seit Jahrzehnten ein alter Hut. Das musste von Anfang an funktionieren, denn wenn ich für jede Antwort eine halbe Stunde brauche, kann ich keine Sonde mehr steuern.
Jahrgang 1958, ist Professor für Astrophysik an der Universität Kiel und wissenschaftlicher Leiter der Schleswig-Holsteinischen Universitäts-Gesellschaft. Seine Hauptarbeitsgebiete sind die Entwicklung sehr massereicher Schwarzer Löcher und die Atmosphären von Exoplaneten. Die Internationale Astronomische Union hat einen Asteroiden nach ihm benannt.
taz: Und was ist die nächste Station dieser Raum- und Zeitreise?
Duschl: Ich arbeite mich dann weiter zum am weitesten entfernten Objekt, das Menschen gebaut haben. Das ist die Sonde „Voyager 1“, die vor 49 Jahren losgeschickt wurde. Von ihr zu uns braucht das Licht schon fast einen Tag.
taz: Aber wird es nicht erst wirklich interessant außerhalb unseres Sonnensystems?
Duschl: Genau! Der nächste Stern Alpha Centauri ist etwas über vier Lichtjahre von uns entfernt. Und wenn uns dort jemand abhören würde, dann könnten die das hören, was bei uns vor vier Jahren passiert ist. Zum Andromedanebel sind es dann schon 2 Millionen Jahre. Und das ist in der Astrophysik die nächste kosmische Umgebung.
taz: Wenn es also irgendeine Art von Spiegelung im Kosmos geben würde, könnten wir darin unsere Erde vor Millionen von Jahren sehen?
Duschl: Ganz genau! Wir als Individuen können zwar keine Zeitreisen machen, aber wir können in die Vergangenheit des Kosmos blicken. Inzwischen können wir so über 13 Milliarden Jahre weit sehen.
taz: Bedeutet das nicht auch, dass wir die Geburt des Universums sehen müssten?
Duschl: Den Urknall können wir jetzt noch nicht sehen, denn in den ersten 300.000 Jahren war das Weltall so dicht, dass es wie ein dichter Nebel erscheint. Aber wir können da vielleicht bald doch hineinsehen – und zwar über Gravitationswellen, denn die gehen durch den Nebel fröhlich durch.
taz: Und woran arbeiten Sie als Astrophysiker gerade?
Duschl: Eines meiner Forschungsgebiete sind Exoplaneten – also Planeten, die um andere Sterne kreisen. Da ergibt sich natürlich die Frage, ob es dort eine „Erde 2.0“ gibt. Da haben wir inzwischen einige gefunden. Also nächste Frage: Gibt es dort auch Leben? Wir haben zwar noch kein Leben nachgewiesen, aber das könnte sich in absehbarer Zeit ändern.
taz: Und wie wollen Sie das anstellen?
Duschl: Es könnten zum Beispiel Stoffwechselprodukte nachgewiesen werden. Man kann nämlich die Atmosphären dieser Planeten durchleuchten. Ein Teil des Lichtes, das uns erreicht, geht ja durch die Atmosphäre. Und je nachdem, was da an Chemie drin ist, verändert sich das Licht. Aber am wichtigsten ist, dass es auf einem Planeten ständig flüssiges Wasser gibt. Und da haben wir schon einige gefunden.
„Schleswig-Holstein und Umgebung – kosmisch gesehen“ über Raum- und Zeitreisen sowie das Leben auf anderen Planeten, 11. Mai, 19.30 Uhr, Pater-Rantzau-Haus, Ahrensburg
taz: Fließendes Wasser ist also kosmisch gesehen nichts Außergewöhnliches?
Duschl: Wasser hat man sogar unter Bedingungen gefunden, an die man überhaupt nicht gedacht hat. Es gibt zum Beispiel Planeten, auf deren Hälften es jeweils nur Tag oder Nacht gibt. Und die Lehrbuchmeinung dazu war bis vor Kurzem, dass es auf der Tagseite extrem heiß ist und die Atmosphäre darum dort verdampfen muss. Aber wir in Kiel haben herausgefunden, dass die Atmosphäre unter diesen Bedingungen schnell zu rotieren beginnt. Dadurch findet ein Heiß-Kalt-Austausch zwischen Tag- und Nachtseite statt und es stellt sich heraus, dass dort angenehme Temperaturen von um die 25 Grad Celsius herrschen.
taz: Das können Sie so präzise bestimmen?
Duschl: Wir haben dazu sogar einen kleinen Wetterfilm gemacht, auf dem wir die Jetstreams sowie die Unterschiede zwischen den Polen und dem Äquator dargestellt haben. Dort wäre also Leben in unserer Form möglich, das aber wegen der starken Winde von über 300 Stundenkilometern nicht aufrecht gehen könnte.
taz: Aber das kann einem Käfer oder einem Fisch ja egal sein.
Duschl: Genau! Ich sage immer: Intelligente Schildkröten sind auch etwas Lustiges.
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