AstraZeneca in Deutschland: Schnell prüfen und fortsetzen

Es ist wichtig, das Vertrauen in den Impfstoff zu erhalten. Doch die bisherigen Fälle reichen nicht, um AstraZeneca aus dem Verkehr zu ziehen.

Eine Frau mit Brille hält Impfampulle mit dem Covid19 Impfstoff AstraZeneca

Ein positives Image des AstraZeneca-Wirkstoffs sollte aufrecht erhalten werden Foto: Jochen Eckel/imago

BERLIN taz | Die Art des Problems mit dem AstraZeneca-Impfstoff bringt die Ent­schei­de­r*in­nen in der Politik in Bedrängnis – und zwar gerade, weil die Lage unklar ist. Die mögliche Nebenwirkung – eine Hirnvenenthrombose – ist so selten, dass auch eine Fortführung der Impfungen gerechtfertigt wäre. Sie ist andererseits aber auch hinreichend häufig, um sie nicht ignorieren zu können. Gerade wenn die Mitarbeit der Bevölkerung mittelfristig am wichtigsten ist, kann die politische Führung es sich nicht leisten, Vertrauen zu verspielen.

Ein Impfstopp tut daher vermutlich auch viel Gutes. Es signalisiert, dass Impfen kein Selbstzweck ist und der Gesundheitsschutz im Vordergrund steht. Dem Image des AstraZeneca-Wirkstoffs nützt es zudem nichts, einfach gegen vorhandene Zweifel anzuimpfen. Sie müssen bewertet und wenn möglich ausgeräumt werden.

Andererseits bedeutet ein Monat Verzögerung auch einen Verlust von Menschenleben und eine entsprechende Verlängerung der Lockdown-Folgen. Leider wird sich die Unklarheit jedoch kaum in einem so kurzen Zeitrahmen beseitigen lassen. Die Venenthrombose ist mit rund 1.000 Fällen pro Jahr auf eine Million Ein­woh­ne­r*in­nen eine häufige Kreislauferkrankung. Sie kommt jedoch normalerweise nur sehr selten in der Hirnvene vor. Der Zusammenhang von Ursache und Wirkung ist aber gerade in der Medizin nur schwer greifbar.

Sta­tis­ti­ke­r*in­nen hadern seit dem Anbruch des wissenschaftlichen Zeitalters damit, Zufälle von echten Wirkungen zu unterscheiden. Der Goldstandard ist hier das kontrollierte, klug angelegte Experiment. Phy­si­ke­r*in­nen haben es hier einfacher als Mediziner – es lassen sich meist recht einfach eindeutige Laborbedingungen herstellen. Doch ein Phänomen, das überhaupt nur in 0,001 Prozent der Testpersonen auftritt, lässt sich kaum fassen. In freier Wildbahn treten viele Störfaktoren auf.

AstraZeneca-Impfungen sollten fortgeführt werden

Auch Covid-19 löst Gerinnungsstörungen aus. Haben sich die Betroffenen vielleicht im zeitlichen Umfeld der Impfung infiziert? Den genauen Mechanismus zu entschlüsseln, mit dem der Vektor-Impfstoff ein Blutgerinnsel ausgerechnet in der Hirnvene auslösen soll, erfordert Detektivarbeit und kann Jahre dauern.

Dennoch: Die Impfungen gegen die Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) fortzuführen, hätte für Jens Spahn schon sehr gute Nerven erfordert. Schließlich wollen wir den Ex­per­t*in­nen am PEI auch dann glauben, wenn sie versichern, ein Impfstoff sei sicher. Wenn die gleichen Ex­per­t*in­nen vorsichtshalber zu einer Aussetzung raten, sollten wir das ebenso ernst nehmen. Doch selbst wenn sich ein Zusammenhang nachweisen ließe – wäre das ein Grund, auf den Impfstoff von AstraZeneca zu verzichten? Vermutlich nicht.

Die Impfung ist ohnehin freiwillig. Bei den auftretenden Fallzahlen gilt ein Impfstoff mit diesen Eigenschaften immer noch als sicher. Wenn die Impflinge gewarnt sind, können die Ärz­t*in­nen auf Symptome einer Thrombose schnell mit Blutverdünnern reagieren. In früheren Jahrzehnten lag die Messlatte für die Akzeptanz eines Impfstoffs sogar noch deutlich niedriger. Der Pockenimpfstoff, mit dem von 1967 bis 1977 praktisch die gesamte Weltbevölkerung geimpft wurde, hatte bei bis zu 50 von einer Million Geimpften lebensbedrohliche Folgen wie Gehirnhautentzündung.

Auch die einst gebräuchliche Schluckimpfung gegen Kinderlähmung hat in einem von einer Million Fällen die Krankheit ausgelöst, die sie eigentlich verhindern sollte. Heute würden diese Impfstoffe vermutlich keine Zulassung mehr erhalten, damals galt das Risiko als akzeptabel. Die Ansprüche sind heute zu Recht höher. Doch auch nach der derzeit gebräuchlichen Grippeimpfung werden Blutgerinnsel beobachtet. Sie scheint zudem eine seltene Entzündung der Nervenwurzeln zu begünstigen, das Guillain-Barré-Syndrom. Es tritt nach Angaben des PEI bei sechs von einer Million Geimpften auf. Das entspricht von der Größenordnung her der Häufigkeit, mit der jetzt in Deutschland die Blutgerinnsel nach der AstraZeneca-Impfung beobachtet wurden.

Solche Wahrscheinlichkeiten sind für den Einzelnen als Risiko nicht relevant. Die Annahme liegt also nahe, dass die Verwendung des Impfstoffs auf jeden Fall fortgesetzt wird – egal, ob es einen Zusammenhang gibt oder nicht. Alles andere wäre auch ein Desaster für die Pandemiebekämpfung.

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