Arthur Schnitzlers Novelle in München: Else in Barcelona
Leonie Böhm bringt „Fräulein Else“ in München auf die Bühne. Sie schafft an den Kammerspielen ein großes, weil diskussionswürdiges Theater.
Filous haben es ihr schon angetan. Gleich in der ersten Reihe wird sie fündig. Endlich ein adretter Mann, der ein Selfie mit ihr macht. Dass der kokette Flirt jedoch ein schmaler Grat sein und kippen kann, ist Else nach ihrer tragischen Geschichte bewusst. Ihr Vater hatte sie nämlich in einem Brief darum gebeten, sich zwecks eines Schuldenerlasses doch ein wenig um Herrn von Dorsday zu kümmern, einen Typen, der vieles dafür geben würde, die Frau einmal nackt zu sehen. Auf die erste übergriffige Begegnung, die Assoziationen zu Weinstein und Epstein weckt, folgen Trauer, Zweifel und Wut. Einzig ihr Suizid in der Vorlage, Arthur Schnitzlers Novelle „Fräulein Else“, bleibt an den Münchner Kammerspielen aus.
Auch weil Julia Riedler, die 2025 zu Recht in Österreich zur Schauspielerin des Jahres gekürt wurde, in diesem Solostück von Anfang an cool, humorvoll, weitaus „empowerter“ als die literarische Figur auftritt. Da Regisseurin Leonie Böhm offenbar merkt, dass allein das Ringen der Protagonistin kaum eineinhalb mehrschichtige Stunden trägt, lässt sie ihre Darstellerin immer wieder ins Publikum treten, um zum Beispiel Geld zu sammeln. Dazwischen redet sie mit einem Herrn über Betäubungsmittel. Am meisten ragt – unter vielen Zurufen – eine Besucherin hervor (sie gehört nicht zum Theater!), die in Gesprächen nach der Inszenierung den Beinamen „Barcelona-Frau“ erhält.
Mehrfach teilt sie Else mit, wie sie sich richtig verhalten solle. Also Dorsday die Stirn bieten und dem Vater gleich dazu. Am besten solle die Protagonistin mit ihr in die nordspanische Stadt fahren und frei sein. Einerseits fasziniert einen die Kommunikation mit dem Publikum, andererseits zeigen die moralisch eindeutigen Meldungen die Schwäche dieser Aufführung auf. Die lockere Atmosphäre läuft Gefahr, das schwierige Dilemma der Figur zu banalisieren. Manch eine:r projiziert eine simple Schwarz-Weiß-Welt darüber, die den diffizilen Abhängigkeiten in der patriarchalen Matrix nicht gerecht wird. Julia Riedler, diese vielseitige, alle Bedenken überstrahlende Grazie, meistert die Herausforderung allerdings bravourös und hebt den Konflikt stets erneut auf die dramatische Ebene.
Nur ein Kronleuchter leistet Riedler Gesellschaft
Dabei findet fast der gesamte Abend vor dem Vorhang statt. Wir, die wir uns im ausgeleuchteten Saal selbst als Öffentlichkeit wahrnehmen, befinden uns mit ihr in der Wirklichkeit. Hier zieht sich die Darstellerin auch bis auf den Slip aus. Zuvor kommt sie auf einem Kronleuchter, dem einzigen Requisit, ins Schwanken oder setzt sich zwischen dessen an Phalli erinnernde Kerzen – wenige, dafür stimmige Bilder für eine unsichere, bedrohliche Realität.
Zu entkommen vermag sie letzteren erst, als sich spät der Vorhang hebt und sie zwischen nunmehr drei Lüstern tanzt. Es ist die andere Else, die schon in einer berührenden Szene davor von einem leichteren Leben am Meer träumte. Sie sagt sich los, sobald sich der Theaterraum und damit das Reich der Imagination öffnet. Ein wenig naiv, bestimmt. Trotzdem ein überragendes und übrigens zu erhellenden Diskussionen danach animierendes Bühnenereignis.
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