Arsenal-Fan-TV-Gründer über Rassismus: „Die Uefa greift nicht ein“

Arsenal-Fan-TV-Gründer Robbie Lyle fordert, Rassismus im Fußball müsse von den Verbänden viel schneller und strenger bekämpft werden.

Fan-TV-Moderator filmt sich im Stadion mit seinem Handy selbst

Stadionatmosphäre ohne Rassismus: Robbie Lyle kämpft für eine bessere Zukunft Foto: Uk Sports Pics/imago

taz: Herr Lyle, Sie haben einen Film über Rassismus im Fußball gedreht. Stimmt es, dass Ihre Freun­d*in­nen nicht wollten, dass Sie ins Stadion gehen?

Robbie Lyle: Ja, das ist richtig. In den 80er- und Anfang der 90er-Jahre dachten viele meiner Freun­d*in­nen, ich sei deswegen von allen guten Geistern verlassen. Manchmal hält mich auch meine Frau für verrückt. Es ist eben Liebe zum Fußball, Arsenal und der Atmosphäre im Stadion.

Was bewirkt der Rassismus?

Erfahrungen mit Rassismus bleiben lange in der Erinnerung. Viele Fans verlieren deswegen die Lust am Fußball. In Bradford leben viele Menschen mit pakistanischem Hintergrund, aber sie gehen selten ins Stadion. Sie haben keine Lust, rassistisch angemacht zu werden.

Bei Arsenal ist es besser?

Bei Arsenal gibt es eine große Diversität unter den Fans. Als Schwarze Person fühlt es sich dort nicht unangenehm an. Bei Auswärtsspielen bemerke ich jedoch manchmal rassistische Haltungen, gerade unter älteren Fans. Ich frage mich dann immer, wie es heute noch sein kann, dass jemand nicht weiß, dass Rassismus nicht in Ordnung ist. Dass man etwa nicht eine Bananenschale wirft.

Sind auch die sozialen Medien daran schuld?

Nein, sie führen nur das, was existiert, allen vor Augen.

48, ist Gründer und Moderator von AFTV, eine YouTube Fernsehkanal der Arsenal Fans. Seine Interviews und Kommentare werden von bis zu 39 Millionen Menschen pro Monat rund um die Welt verfolgt.

In ihrem Film zeigen Sie die rassistischen Kommentare, die immer wieder auf ihrem Fernsehkanal, dem Arsenal-Fan-TV, hinterlassen werden. Wieso löschen Sie die nicht einfach?

Es sind zu viele. Vor zwei Monaten drehten wir einen Livestream über Rassismus im Fußball. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viele rassistische Kommentare da gemacht wurden. Was ich anstatt des Löschens tue, ist, die Kommentare sogar in den Vordergrund zu stellen, damit alle sie sehen können.

Vor einigen Wochen haben englische Klubs drei Tage lang soziale Medien boykottiert, als Protest gegen den Rassismus. Was halten Sie davon?

Eindeutiges und klares Vorgehen wäre mir lieber. Rassistische Onlinekommentare müssen Konsequenzen haben, etwa Stadionverbote oder Haftstrafen. Das muss so schnell und zielstrebig geschehen, wie die Reaktion der Verbände gegen die Super League. Da hatten sie es eilig, weil es ums Geld ging. Beim Rassismus gibt es nur geringe Bußgelder. Als englische Fußballspieler in Bulgarien mit Hitlerarm begrüßt wurden und sich einige Spieler gar weigerten weiterzuspielen, griff die Uefa nicht ein. Das Spiel hätte abgebrochen werden müssen mit einer Siegwertung für England und einer Disqualifikation Bulgariens. Mit solchen Spielregeln wird sich irgendwann auch der letzte Ultra anständig benehmen.

Fehlen an der Verbandsspitze Schwarze oder Vertreter anderer Minderheiten?

Ja, Menschen mit diesen Hintergründen würden verstehen, wie sich Rassismus oder Antisemitismus anfühlt.

Sie sagen, dass Veränderun­gen von den Fans kommen müssen.

Ja. Fans sind in der Lage, Rassismus, den sie beobachten, bloßzustellen und zu melden.

Viele der Beispiele kommen aus England. Wieso ist es gerade hier so wichtig, etwas dagegen zu machen?

Hooligans und Rassismus im Fußball stammen aus England und haben sich von dort in die Welt verbreitet. Wir haben also damit länger zu tun, und hier gibt es zugleich viele Schwarze Spie­le­r*in­nen, die sich Rassismus nicht mehr gefallen lassen.

Was treibt Sie persönlich denn an?

Meine Kinder sollen, wenn sie alle erwachsen sind, nicht mit dem Gleichen konfrontiert werden wie meine Generation. Was mir Hoffnung gibt, ist, dass jüngere Menschen Rassismus auch nicht mehr tolerieren. Das zeigt sich bei den Black-Lives-Matter-Protesten. Es sind nicht nur Minderheiten, die sich gegen Rassismus stellen. Wenn der Fußball den Rassismus nicht erfolgreich bekämpft, verdirbt er es sich mit neuen Fans aus dieser Generation.

Sie haben mit Ihrem Vater gemeinsam nie ein Arsenal-Spiel besucht. Er wollte nicht – wegen des Rassismus.

Mein Vater verfolgte Fußball sein Leben lang nur im Fernsehen. Er sah ein einziges Spiel live im Stadion: Jamaika gegen England. Als Einwanderer aus der Karibik erfuhr er generell viel Rassismus. Er und meine Mutter erlaubten uns Kindern nicht, zu den Spielen ins Stadion zu gehen.

Wie waren die Reaktionen auf Ihren Film?

Fußballer wie etwa Ian Wright waren sehr zufrieden. Es gab aber auch negative Reaktionen, etwa Leute, die sagen, es sei doch gar nicht so schlimm. Anders als noch vor zehn Jahren wird Rassismus viel eher wahrgenommen, während bekannte Fußballer wie Raheem Sterling keine Angst haben, offen darüber zu sprechen, und sich sogar gegen die großen Medien zu stellen. Ihre eigenen Plattformen in den sozialen Medien helfen dabei. Mit AFTV kann auch ich Millionen erreichen.

Werden Sie weiter an dem Thema arbeiten?

Ich werde immer Rassismus beim Namen nennen. In der nächsten Saison werde ich mit AFTV und weiteren Leuten eine Kampagne starten, die alle dazu aufruft, Rassismus anzuprangern und zu melden.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de