Arctic Nordic Alpine bei Aedes: Architektur mit Landschaft

Ob sie nun ein Opernhaus bauen oder ein Hotel: Die Architekturen des norwegischen Büros Snøhetta tauschen sich mit der Umwelt aus.

Ein Reflief hängt von einer Decke

Zunächst nimmt man nur Höhenlinien wahr: Blick in Ausstellung „Arctic Nordic Alpine“ Foto: Erik-Jan Ouwerkerk

Bauen muss nicht gleichbedeutend mit Klotzen sein. Darauf macht die Ausstellung „Arctic Nordic Alpine – Im Dialog mit der Landschaft“ im Aedes Architektur Forum in Berlin aufmerksam. Sie zeigt vor allem Projekte des norwegischen Architektur- und Designbüros Snøhetta, die in Regionen fernab der Metropolen und mit zum Teil extremen klimatischen Bedingungen errichtet wurden. Behutsamkeit beim Eingreifen in die Natur und Energieeffizienz im Betrieb zeichnen die Vorhaben aus.

Zunächst nimmt man nur Linien wahr, Höhenlinien. Sie schwingen sich über von der Decke herabhängende weiße Stoffbahnen. Höhenlinien sind auch eingekerbt in dreidimensionale Modelle. Recht winzig nehmen sich darin die Gebäude aus. Kaum mehr als Fingerkuppengröße weist in diesem Modell das kreisrunde Hotel Svart auf, das gegenwärtig am Polarkreis, unmittelbar am Fuße des Svartisen-Gletschers gebaut wird. Majestätisch hingegen erheben sich der Gletscher und die umliegenden Berge.

Die Art der Präsentation deutet bereits darauf hin, dass Snøhetta der Landschaft, in die die Bauten eingefügt werden, große Aufmerksamkeit widmet. „Architektur ist meist zu selbstbezogen. Oft ist das Budget ausgeschöpft, sobald das Gebäude steht. Das Umfeld von Bauten wird daher meist vernachlässigt.

Architekten des Jahres 2020

Arctic Nordic Alpine – Im Dialog mit der Landschaft, Snøhetta“ ist im Aedes Architecture Forum, Christinenstr. 18-19, 10119 Berlin, zu sehen. Sie läuft noch bis 20. August.

Wir finden aber, dass die unmittelbare Umgebung fast genauso wichtig ist wie das Gebäude selbst“, erklärte Bürogründer Kjetil Thorsen in einem Interview mit der Zeitschrift Architektur & Wohnen. Die Zeitschrift kürte das Büro auch zu den Architekten des Jahres 2020, was zugleich Anlass der Ausstellung „Arctic Nordic Alpine“ im Aedes Architektur Forum ist.

In den vorgestellten Projekten wird deutlich, wie Snøhetta die ästhetische, aber auch die soziale und energetische Einbettung in die Umgebung gelingt. Das Gletscherhotel Svart (2017-2023) etwa ist energiereduziert. Nach Angaben der ­Architekten verbraucht es nur 15 Prozent der Energie herkömmlicher Hotels und erzeugt die benötigte Energie auch selbst. Der kreisrunde Bau steht auf Pfählen im Wasser und ist den dort üblichen Holzstrukturen zum Trocknen von Fisch nachempfunden.

Harmonisch in die Landschaft eingefügt sind ebenfalls die Wanderhütten mit Blick auf den Jostedalsbreen-Gletscher, die Snøhetta errichtet hat, nachdem dort im Jahr 2011 der Zyklon „Dagmar“ die frühere Bebauung förmlich hinweggefegt hatte. Um weniger Angriffsfläche zu bieten, wurden jetzt statt eines Gebäudes neun kleinere mit unregelmäßigen polygonalen Formen geplant.

Weiter südlich, in den Bergen rings um Innsbruck, entwickelte Snøhetta den „Perspektivenweg“, einen mit Sitzmöbeln und Aussichtsplattformen versehenen Wanderweg hoch über der Stadt. Bezaubernd ist hier die Transformation der Aussichtsplattform: In der schneefreien Zeit kann man von ihr aus weit ins Tal blicken. Im Winter nutzen sie Snowboardfahrer als Rampe für ihre Sprünge in die Tiefe.

Der Neubau der Bibliothek von Alexandria

Dieser soziale Sinn tritt stärker noch bei den urbaneren Projekten von Snøhetta zutage. Sie werden in einem Video vorgestellt. International bekannt wurde das Büro mit dem 2001 fertiggestellten Neubau der Bibliothek von Alexandria, einem lichtdurchfluteten Rundbau, in dem die antike Tradition des Wissenserwerbs nicht nur aufrechterhalten, sondern zu einem sinnlichen Vergnügen wird.

Fest etabliert in der internationalen Architekturszene hatte sich Snøhetta 2008 mit dem spektakulären Opernhaus von Oslo. Das Gebäude wird von Wegen durchzogen. Von außen kann man einen Blick auf die Proben erhaschen. Der Opernbetrieb auch jenseits der Aufführungen wird so zu einem öffentlichen Ereignis.

Auch die geneigte Dachfläche ist für Passanten zugänglich. „Das Dach wird Bühne oder Platz. Die sozialen Aspekte erreichen wir nicht durch ein Konsumangebot, sondern durch das Freigeben eines Platzes, dessen Funktion es ist, Menschen zur Interaktion zu bewegen. Die Voraussetzung dafür ist Zugänglichkeit“, beschreibt Thorsen seinen Ansatz.

Berlins einfallsloses Museum des 20. Jahrhunderts

Eine Weiterentwicklung dieses Konzepts betreibt das Büro gegenwärtig beim Bau des Opernhauses von Busan in S­üdkorea. Auch wird der Baukörper durch zahlreiche ­Durchwegungen transparent, Rampen führen auf das Dach. Die Bewegung des Wassers im nahen Hafen wird durch die Gebäudeform ebenfalls aufgenommen.

Denkt man an Berlins aktuelle Prestigeprojekte wie die Schlossrekonstruktion oder das einfallslose Museum des 20. Jahrhunderts von Herzog & de Meuron, so kann einem angesichts der Snøhetta-Projekte nur todtraurig zumute werden.

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