Neue Ausstellung in der Galerie Wedding: Ausmustern und weiternutzen

Die Galerie Wedding stellt in einer Gruppenausstellung die drei DAAD-Stipendiat*innen Burak Delier, Ieva Epnere und Runo Lagomarsino vor.

Blick in die Ausstellung

„And That Song Is Our Amulet“, Galerie Wedding, Berliner Künstlerprogramm des DAAD Foto: Thomas Bruns

Zwei Fotos kleben an den Schaufenstern der Galerie Wedding. Die Fotos sind schwarz-weiß und wirken wie Passbilder, wie Bilder auch, die auf dem Polizeirevier nach einer Verhaftung entstanden sein könnten. Die Bilder zeigen zwei Weddinger, Elise und Otto Hampel. Die Hampels sind verewigt in Hans Falladas Roman „Jeder stirbt für sich allein“. Fallada hatte die ­reale Widerstandsgeschichte des Arbeiterehepaars, das nicht mehr an Hitlers Deutschland glaubte und seine Zweifel an diesem „Hitlerischen Ausbeuter Gesindel“ mittels Postkarten kundtat, literarisch bearbeitet.

Jetzt nimmt sich der schwedische Künstler Runo Lagomarsino der Hampels an. Die Großplakate mit dem Doppelporträt sollen nach seinem Wunsch an ganz vielen Weddinger Fenstern hängen. Die Müllerstraße möge zur Hampel-Galerie werden.

Bislang reicht die Wirkung der Plakataktion aber kaum über die der Hampel’schen Postkartenaktion hinaus. Die Protestpostkarten wurden den damaligen Polizei- und Sicherheitsbehörden flugs angezeigt. Sie zirkulierten, entgegen der Hoffnung der Hampels, kaum innerhalb der Bevölkerung. Und auch die Hampels findet man jenseits der Galerie noch nicht.

Von der Fensterfront der Galerie schauen ihre Augen immerhin sehr direkt und geradlinig in die Augen derjenigen Weddinger, die sich hier in Schlangen stellen, um Grundsicherung und andere Sozialleistungen zu beantragen. Denn die Galerie ist, die taz berichtete, weiterhin einer Hybridnutzung ausgesetzt. Vormittags beherbergen die Räume das Sozialamt, das von hier aus etwa 14.200 Haushalte betreut. Ab Mittag übernimmt die Galerie.

Das Beste aus der Situation machen

Das ungewöhnliche Mit- und Nebeneinander, zuweilen auch Gegeneinander mündete inzwischen in geregelter wirkende Bahnen. Die zunächst im Do-it-Yourself-Mo­dus angebrachten transparenten Trennwände zwischen Be­zirks­amts­mit­arbeiter*innen und ihren „Kun­d*innen“ sind jetzt durch professionelleren Sicht- und Spuckschutz ersetzt.

„And that song is our amulet“, Galerie Wedding, Di.–Sa. 12–19 Uhr, bis 3. September

Die Künst­le­r*in­nen sorgten dafür, dass Wasserbehälter und Sitzkissen Einzug fanden. Auch auf die Wände wurde Farbe aufgetragen. Das Grün im ersten Raum orientiert sich an der Farbpalette der lettischen Bildungsreformerin Marta Rinka. Diese eröffnete im Jahre 1900 die Pforten ihrer „Grünen Schule“, einer Reformschule mit Kindergarten für Kinder von Arbeiter*innen. Die lettische Künstlerin und DAAD-Stipendiatin Ieva Epnere erschließt seit etwa vier Jahren Rinkas Wirken. In einem Video stellt sie Lern- und Spielaufgaben vor.

Als Epnere mit dem Problem konfrontiert wurde, die Ausstellung in einem Raum zu zeigen, der auch für den Verwaltungsbetrieb genutzt wird, war sie zunächst schockiert. „Wir haben uns etwa ein Jahr auf die Ausstellung in diesen Räumen vorbereitet und mussten plötzlich vieles ändern“, erzählt sie der taz. Weil alle drei DAAD-Sti­pen­dia­t*innen – neben Epnere und Lagomarsino noch der türkische Künstler Burak Delier – aber politisch und sozial engagierte Kunst machen, versuchten sie, der Situation das Beste abzugewinnen.

Epneres Recherchen zur „Grünen Schule“ könnten sich angesichts des großen Durcheinanders beim Schulbeginn unter Pandemiebedingungen zu konstruktiven Anregungen entwickeln – dann jedenfalls, wenn Mitarbeiter*innen der Bildungsverwaltung auch mal den Weg ins Parterre finden würden.

Mäandernde Möbel

Delier hat für seine Videoarbeiten über die Arbeit von Kultur- und Sozialzentren in der Türkei und die Mischung aus Lust (an der Arbeit) und Frust (über die allgemeinen politischen Bedingungen im Lande) eine Sitz-und-Lunger-Landschaft aus aussortierten Büromöbeln des Bezirksamts angefertigt.

Die Möbel, obgleich ausgemustert, sehen im Übrigen dem Mobiliar an den Arbeitsplätzen der So­zial­amts­mit­ar­bei­te­r*innen derart ähnlich, dass die Kriterien für das Ausmustern oder Weiternutzen so unergründlich anmuten wie Entscheidungen des administrativen Apparats auch sonst. Die Möbel der Verwaltung mäandern hier geschickt in die Ausstellungsarchitektur.

Teile des ursprünglichen Ausstellungskonzepts wurden durch die Hybridnutzung aber undurchführbar. Lagomarsino etwa musste auf eine komplette Arbeit verzichten. Nach Auskunft von Kurator Malte Roloff handelte es sich um eine aufwendige Konstruktion, in der das Element Europium – genutzt vor allem für Leuchtstoffe – zur Oxidation gebracht werden sollte.

Auf taz-Nachfrage teilte das Bezirksamt Mitte mit, dass die Doppelnutzung der Räume noch bis 30. September gehen soll, also auch die noch folgende Ausstellung betreffen wird. Danach soll aber Schluss sein. Und für die nach Bezirksamtsangaben bis zu 162 Klient*innen täglich soll es dann andere Räume geben.

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