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ZDF-Doku über Osten und AfDBekannte Bilder

In der ZDF-Politdoku „Deutschland, warum bist du so?“ besucht Eva Schulz Thüringen, Sachsen und Brandenburg. Leider ist es inhaltlich unbefriedigend.

Immer im Gespräch: Eva Schulz mit Landwirt Paul Burkhardt Foto: Sebastian Lindner

Stellen Sie sich vor, es sind Landtagswahlen in Ostdeutschland und auf ­einmal gucken alle hin. Keine utopische Vorstellung, schließlich passiert gerade genau das. Seit Wochen widmen sich Medienhäuser, Organisationen und Vereine mit unzähligen Sonderprojekten dem Osten.

In der alltäglichen Berichterstattung eher vernachlässigt, wollen nun kurz vor den Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg alle mit „den echten Menschen“ vor Ort ins Gespräch kommen, um herauszufinden, was sie bewegt. Auch das ZDF hat ein neues Format ins Leben gerufen, die Politik­reportage „Deutschland, warum bist du so?“.

In den halbstündigen Episoden besucht die Journalistin Eva Schulz die drei wählenden Bundesländer, in denen laut Umfragen die AfD stärkste Kraft ist. Interviews aus Kleinstädten und Dörfern wechseln sich mit Studioszenen ab, in denen Schulz manchmal etwas zu breitbeinig erklärt, wie ihre Erfahrungen und Gespräche gerade einzuordnen sind.

In Thüringen dreht sich natürlich alles um den Faschisten Björn ­Höcke, der bei einer Veranstaltung in seinem Wahlkreis Greiz immer wieder im O-Ton zu hören ist. Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg versucht sie, mit seinen Fans ins Gespräch zu kommen. Wie zu erwarten ist Presse dort nicht so beliebt.

Ausführlich dagegen spricht der 28-jährige Paul aus dem Altenburger Land mit ihr. Der Landwirt auf einer Straußenfarm überlegt, Höcke zu wählen. Doch wirklich konkret sagen, wieso, kann er nicht. Er wirkt desillusioniert: „Politisch gesehen habe ich das Gefühl, ist es eigentlich egal, wo du dein Kreuz setzt.“ Die AfD würde zwar zuspitzen, aber immerhin auch nichts schönreden.

Viele Gespräche

Um ein rundes Bild zu bekommen, besucht Schulz eine Gegenveranstaltung zu Höckes Auftritt sowie ein linkes Rockfestival und führt Straßeninterviews vor einem Supermarkt. Obwohl sie auch immer wieder abblitzt, gelingt es ihr schließlich doch, ein breites Gesprächsfeld zu liefern.

Auch in der Folge „Wie Sachsen zerreißt“ spricht Schulz mit verschiedenen politischen Lagern: Mit Montagsdemonstrant_innen in Bautzen, mit Andy, einem AfDler aus dem Erzgebirge, mit Fatima, die sich antirassistisch in Chemnitz einsetzt, und einem Pfarrer in Großschirma, der versucht, mit einem Motorradgottesdienst alle wieder zusammenbringen. Nur miteinander spricht hier kaum eine_r mehr. So die Analyse der verschiedenen Protagonist_innen.

Fredersdorf angeblich ganz anders

Während in Sachsen und Thüringen die Kacke am Dampfen ist, sieht die Welt in Brandenburg ganz anders aus. So zumindest das Bild, das die Doku zeichnet. Ein Bundesland im Wirtschaftswachstum. Hier gibt es Ideen und Lust zum Wandel, der sei zwar noch nicht überall zu spüren, aber das wird schon. Das Einzige, was nervt, scheinen die Berliner_innen, die jetzt auch in den schönen Brandenburger Norden ziehen wollen.

Am allerschönsten scheint es in Fredersdorf zu sein: Hier kümmern sich alle umeinander, die jungen Leute wollen bleiben, sind in der Feuerwehr und retten das Freibad, und dann gab es kürzlich auch noch einen Preis vom Bund für besonderes bürgerliches Engagement und attraktives dörfliches Leben. Dass auch hier bei der Europawahl die AfD stärkste Kraft geworden ist, lässt die Doku unerwähnt. Es kommt halt immer darauf an, wie man eine Geschichte erzählen möchte.

Es bleibt wenig

Journalistisch ist an den Beiträgen kaum etwas auszusetzen. Lediglich Schulz’ Verwunderung, dass auch Männer mit freundlichem Lächeln und ruhigem Auftreten Nazis oder am rechten Rand sein können, wirkt naiv. Ansonsten gelingt es der Journalistin trotz großer Widerstände, mit vielen Menschen vor Ort zu sprechen. Dabei kommen wiederholt auch Rechte und Rechtsextreme zu Wort, wie sollte es anders sein. Doch sie bekommen hier keine große Bühne, sondern werden kritisch befragt.

Doch trotz allem bleibt man als Zuschauer_in unbefriedigt zurück. Denn was bleibt? Das ohnehin schon bekannte Bild von AfD-Wähler_innen, die sich im Stich gelassen und abgehängt fühlen. Manchmal hat das berechtigte Gründe (schlechte Infrastruktur oder eine Rente, die nicht reicht), manchmal nicht (Gendern als angeblich größtes Problem unserer Gesellschaft). Immer wieder teilen sie rassistische Ressentiments oder verschwörerische Ansichten mit der Journalistin.

Könnte es besser gehen?

Demgegenüber stehen all diejenigen, die sich mit Veranstaltungen, Vereinen und Festivals gegen die AfD und ihre Anhänger_innen wehren wollen. Sie haben Angst. Angst, dass nach den Wahlen alles noch schlimmer wird und ein Zusammenleben noch schwieriger. Die Frage, wie lange es sich hier überhaupt noch leben lässt, wird immer wieder von verschiedenen Personen aufgeworfen.

Der Pastor aus Großschirma wünscht sich am Ende: „Es würde uns helfen, wenn man nicht von außen auf uns guckt und denkt: Ihr seid verloren.“ Doch nach 30 Minuten Sachsen und Thüringen ist das leider einer der Eindrücke, die hängen bleiben.

Aber wie könnte man es besser machen? Denn auch wenn eine kontinuierliche Berichterstattung gegeben wäre, ist die mediale Aufmerksamkeit vor den Landtagswahlen eben größer. Und nur positive Geschichten von vor Ort zu erzählen – damit ist auch niemandem geholfen.

Vielleicht wäre es gut gewesen, sich nicht nur auf die AfD zu konzentrieren, sondern auch die ­anderen Parteien stärker in den Blick zu nehmen. Viele der Enttäuschten schrei­ben der AfD zu, die Partei würde Probleme der Menschen anpacken. Die anderen Parteien, sie sagen meist im rechten Sprech „Altparteien“, würden sie dagegen im Stich lassen. Wie Grüne, SPD, BSW, FDP und CDU da im direkten Gespräch dagegen halten, das hätte interessant werden können.

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6 Kommentare

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  • Vielen Dank, guter Kommentar - und, ohne die Reportage(n) bisher gesehen zu haben:



    Leider richtig.



    Aber über eines bin ich doch gestolpert - warum Menschen AfD wählen:

    "Manchmal hat das berechtigte Gründe (schlechte Infrastruktur oder eine Rente, die nicht reicht)".

    Sind wir jetzt schon so weit, dass wir es als berechtigt oder wenigstens begründet ansehen, Nazis zu wählen, weil der Bus nicht kommt?

    Ich fänd eine Untersuchung darüber, wie "die bürgerliche Mitte" sich die Gründe für die AfD-Wahl hindreht und zurechtschiebt, viel interessanter, als die ewig gleichen Polit-Wanderungen in Ostdeutschland.

    • Carolina Schwarz , Autorin des Artikels, Ressortleiterin taz zwei
      @Oliver Korn-Choodee:

      Selbstverständlich nicht. Die "berechtigten Gründe" beziehen sich auf das Gefühl, abgehängt zu sein. Wenn die Rente nicht zum Leben reicht, ist man aus vielen Bereichen ausgeschlossen.

      • @Carolina Schwarz:

        Hallo Frau Schwarz,

        naja, aber da steht doch "berechtigte Gründe".



        Das meine ich mit meiner Anmerkung: wir sind so ängstlich bereit, Gründe für das Wahlverhalten zu finden, dass wir uns zu sehr zu diesen Leuten hinbiegen.

        Richtig wäre:



        Die Leute meinen, sie hätten berechtigte Gründe, eine rechtsextremistische Partei zu wählen, weil die Infrastruktur schlecht ist oder die Rente zu niedrig ist.



        Es gibt ca. 1 Mio. berechtigte Gründe, Landes- und Kommunalpolitik zu kritisieren und es die Veranstwortlichen am Wahltag spüren zu lassen.



        Es gibt aber nicht einen berechtigten Grund, eine rechtsextremistische, teilweise offen faschistische Partei zu wählen, die in der Tradition von Drittem Reich und Auschwitz steht.

        So viel sollte man als Deutscher gelernt haben. Und man sollte diesen Wählern diese Entschuldigung durchgehen lassen.

  • Bevor jetzt wieder Menschen auf die mehrheitlichen slawischen Ortsnamen und teils Nachnamen in den besagten Gegenden hinweisen, um aktuell vorhandene germanisierende Adi-Bernd-Wählers endgültig der Lächerlichkeit preiszugeben, sollte mensch MDR- und rbb-Land nicht darauf verkürzen, in der Tat.

  • Der Osten wird bald merken, daß die korrupte afd für den Verfall der Wirtschaft im Osten verantwortlich sein wird.

  • Ach Gott, das Mainzelmännchen TV namens ZDF, schickt auch nur Vorurteile ins Rennen.



    Für den Zuschauer aus Ost und West, ist es manchmal eine echte Zumutung was da präsentiert wird.



    Auf Teufel heraus versucht man Tiktok oder Youtube Coolheit zu produzieren und merkt nicht dass das mit mittelmäßigen Journalisten nur schief gehen kann.