: Vogel mit Konfliktpotenzial
Niedersachsen diskutiert, ob die Waldschnepfe im Nationalpark Wattenmeer gejagt werden darf
Olaf Lies, Umweltminister (SPD)
Von Andrea Maestro
Sie tun so, als wäre nichts gewesen, kein Koalitionsstreit um die Vogeljagd im Wattenmeer. Der niedersächsische Umweltminister Olaf Lies (SPD) hat sich im Landtag demonstrativ neben Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) gesetzt. Die beiden lachen über irgend etwas, als Christian Meyer (Grüne) aus einer Pressemitteilung zitiert, die Lies und sein Ministerium Ende August mit einer großen Portion Wut im Bauch geschrieben haben.
„Dieses eigenmächtige Vorgehen des Landwirtschaftsministeriums ist mir vollkommen unverständlich und ganz schlechter Stil“, sagte Lies damals. Er sprach von einem Vertrauensverlust, den ein Alleingang von Otte-Kinast ausgelöst habe. Das Landwirtschaftsministerium hatte neun Jagdpachtverträge im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer verlängert und darin auch die Jagd auf die Waldschnepfe erlaubt, ohne auf die kritische Haltung des Umweltministeriums Rücksicht zu nehmen. „Eine rückwärtsgewandte Jagd kann nicht in unserem Sinne sein“, sagte Lies damals.
Die niedersächsischen Naturschutzverbände kritisieren die Vogeljagd im Unesco-Weltnaturerbe ohnehin. Heiner Baumgarten, der Landesvorsitzende des BUND, forderte, dass die Verträge rückabgewickelt werden. Ob das rechtlich überhaupt möglich ist oder vielleicht Verschärfungen bei der Vogeljagd eingeführt werden können, soll bei einem Treffen Ende September zwischen den Ministerien, den Jagdpächtern sowie der Domänen- und der Nationalparkverwaltung geprüft werden.
Das Umweltministerium möchte nicht nur die Waldschnepfe schützen, sondern auch Gesellschaftsjagden einschränken oder die Jagd während der eigens beworbenen „Zugvogeltage im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer“ ganz ruhen lassen.
In den kommenden Jahren laufen auf den niedersächsischen Inseln und an der Küste weitere Jagdpachtverträge aus, die verlängert werden müssen. Auch hier ist die Frage, ob die Jagd eingeschränkt werden soll.
Bei der Diskussion im Plenum wurde deutlich, dass Otte-Kinast schon in diesem Fall die Verträge hätte stoppen können, bevor sie unterzeichnet wurden. Nach eigener Aussage hat sie in einer Mail vom 23. August davon erfahren. Die Domänenverwaltung schickte die Verträge aber erst am 29. August raus.
Jäger mögen die Waldschnepfe wegen ihrer hübschen pinselartigen Malerfedern und dem Schnepfenbart. In den Jagdpachtverträgen für die Insel Juist ist die Vogelart von der Bejagung ausgenommen. 2016 stand sie auf der Vorwarnliste der bedrohten Arten.
„Die Bestände sind in einem guten Erhaltungszustand“, sagt hingegen Otte-Kinast. Es bleibt abzuwarten, ob sie die Schnepfen bei künftigen Verträgen ausnehmen wird. Der Zusammenarbeit mit ihrem Kollegen Lies würde das gut tun.
taz lesen kann jede:r
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Texte, die es nicht allen recht machen und Stimmen, die man woanders nicht hört – immer aus Überzeugung und hier auf taz.de ohne Paywall. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 40.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen