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„Von allen hintergangen“

Rechte Der Soziologe Andreas Kemper spricht über den Rechtspopulismus und die Politik der AfD

Andreas Kemper

52, ist Soziologe und arbeitet zuBildungsbenachteiligung, Klassismus, Biologismus und zum Antifeminismus.

taz: Herr Kemper, die Bremer AfD hat seit der Spaltung nur noch einen Abgeordneten. Ist der Spuk nicht schon vorbei?

Andreas Kemper: Die AfD in Bremen ist Teil eines bundesweiten Phänomens. Da kommt die Partei auf zehn bis zwölf Prozent – das ist schon eine Hausnummer. Und es stehen drei Landtagswahlen an, bei denen die AfD gute Chancen hat. Wenn überhaupt, dann ist der Spuk frühestens in fünf Jahren vorbei.

Wie schätzen Sie die Nachzählung der Bürgerschaftswahl ein? Die AfD sieht sich betrogen.

Das spielt natürlich der Partei-Propaganda in die Hände. Die AfD ist verschwörungsideologischem Denken verhaftet und fühlt sich ständig von allen hintergangen: Von der sogenannten Lügenpresse und bei Wahlen auch von den Meinungsforschungsinstituten.

So präsentieren sich ja auch andere Rechtspopulisten. Welche Rolle spielt die AfD für diese Bewegung?

Der Begriff Rechtspopulismus führt in die Irre. Man muss da schon genauer ausdifferenzieren und die verschiedenen Strömungen unterscheiden, die sich auch in der AfD wiederfinden: National-konservative Akteure stehen da faschistischen Strukturen gegenüber. Beide versuchen sich europaweit zu vernetzen: Frauke Petry und Marcus Pretzell zur österreichischen FPÖ, Björn Höcke zum Front National in Frankreich.

Bei Flüchtlingen sind sie sich allerdings recht einig.

Die Debatte um die Flüchtlinge war ein Geschenk für die AfD – ohne wäre sie sicherlich nicht über zehn Prozent gekommen. Diese Zahlen werden vielleicht wieder sinken, aber die Partei besetzt längst auch andere Themen: Für konservative Geschlechterrollen etwa – oder gegen die sogenannte Homoehe. AfD-Politik endet jedenfalls nicht bei der Flüchtlingsfrage.

Die vermeintliche Krise ist also nur ein Ausgangspunkt?

Ja. Das war schon im Nationalsozialismus so, der die Weltwirtschaftskrise genutzt hat. Heute erstarkt die europäische Rechte erneut wegen Zusammenbrüchen der Wirtschaft. Dafür anfällig sind weniger die tatsächlich ökonomisch Betroffenen, als jene, denen es eigentlich gut geht – die Angst haben, ihre Privilegien zu verlieren.

Ist es denn nicht vielleicht auch ganz gut, wenn diese Leute sich parlamentarisch irgendwo aufgehoben fühlen, statt in radikaleren Zirkeln aufzugehen?

Nein. Die AfD ist im Gesamtzusammenhang der Rechten kein gemäßigter demokratischer Teil. Höcke nutzt die Partei für einen Kulturkampf von rechts – ganz im Sinne faschistischer Ideologie. Er hat seinen Abgeordneten sogar aufgetragen, weniger parlamentarische Arbeit zu machen und die Politik auf die Straße zu tragen.

Interview: Jan-Paul Koopmann

Vortrag im Rahmen der Ausstellung „Neofaschismus in Deutschland“: 17.30 Uhr, im Gewerkschaftshaus am Bahnhof

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