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Arbeit des Sonntags-Club gesichert„Das Kämpfen hat sich gelohnt“

Erst hieß es, der queere Sonntags-Club müsse erhebliche Kürzungen hinnehmen. Nach Protesten aber wurden Fördermittel umgeschichtet, sagt Nicole Otte.

Auf dem Straßenfest für Erhalt des traditionsreichen Sonntags-Club in Berlin-Prenzlauer Berg im Septemer 2025 Foto: IMAGO/Seeliger
Andreas Hergeth

Interview von

Andreas Hergeth

taz: Frau Otte, mit welchen Gefühlen ist der Sonntags-Club ins neue Jahr gestartet? Noch im Dezember war zu befürchten, dass für 2026 erhebliche Fördermittel für den Frauen*Lesben-Freitag und auch das Projekt Queerhome*, die Wohnraumberatung für LSBTIQ+ in Berlin, fehlen würden. Der Haushaltsplan für 2026/27 ist nun beschlossene Sache. Wie ist der Kampf um die seit zehn Jahren regelmäßig fließenden Fördergelder ausgegangen?

Nicole Otte: Es ist für uns Gott sei Dank gar nicht so schlimm gelaufen, wie wir befürchtet haben. Wir haben gekämpft und viele Gespräche geführt, hauptsächlich mit den queerpolitischen Spre­che­r:in­nen und Gleichstellungsbeauftragten Sebastian Walter von den Grünen, und Franziska Breitenstein und natürlich Klaus Lederer von der Linken, und viel Unterstützung erfahren. Aber auch von Seiten der SPD – Wiebke Neumann, die Sprecherin für Queerpolitik, hat uns sehr unterstützt der Grünen-, Linken und SPD-Fraktion. Und am Ende hat ja die CDU – insbesondere ist hier die queerpolitische Sprecherin Lisa Knack zu nennen – zusammen mit der SPD den Antrag eingereicht, die Gelder aus dem Gleichstellungsbereich in den Antidiskriminierungsbereich zu verschieben.

taz: Was bedeutet diese Umschichtung von Fördermittel genau?

Otte: Dass die Förderung für den Sonntags-Club aus dem Antidiskriminierungsbereich erhöht werden konnte. Das bedeutet, dass wir für das Jahr 2026 einen Zuschlag von 75.000 Euro – einen sogenannten Aufwuchs – für eines unseren beiden LADS-Projekte in der psychosozialen Beratung erhalten …

Im Interview: Nicole Otte

Projektleitung des Sonntags-Clubs seit Oktober 2024.

taz: … LADS steht als Abkürzung für Landes-Antidiskriminierungsgesetz.

Otte: Ja, und im Antidiskriminierungsbereich ist jetzt der Schwerpunkt „Frauen, Lesben und bisexuelle Frauen“ neu enthalten. Das ist für uns sehr erfreulich.

taz: Weil das heißt, dass der Frauen*Lesben-Freitag und die damit verbundene Stelle, die ja für die Organisation und die Durchführung zuständig ist, gesichert ist?

Otte: Ganz genau. Die gesamte Frauenarbeit ist weiterhin finanziert. Das steht so im Beschlussprotokoll des Abgeordnetenhauses zur 93. Sitzung vom 3. Dezember. Ich hab es gerade vor mir, auf Seite 66 steht aber der Beschluss, dass wir 75.000 Euro mehr bekommen.

taz: Damit ist es also amtlich.

Otte: Ja, das kann uns jetzt nicht mehr weggenommen werden. Das war ein sehr freudige Überraschung.

taz: Glückwunsch! Wäre es anders gekommen …

Otte:hätten wir insgesamt eine Kürzung von 81.000 Euro zu verkraften gehabt. 20.000 Euro weniger fürs Projekt Queerhome*, 6.000 Euro weniger für die die psychosoziale Beratung, 55.000 Euro hätte die Stelle für den Frauen*Lesben-Freitag ausgemacht. Doch statt dieser Kürzungen haben wir jetzt 75.000 Euro mit dem Schwerpunkt „Frauen, Lesben und bisexuelle Frauen“ zur Verfügung. Das heißt, wir haben an der Stelle tatsächlich auch noch mal mehr Geld bekommen.

Der Sonntags-Club …

in der Greifenhagener Straße in Berlin-Prenzlauer Berg ist eine der ältesten queeren Institutionen der Hauptstadt (mit DDR-Vergangenheit) und eins der wichtigsten Zentren für Veranstaltungen, Informationen und Beratungen für queere Menschen. Hier haben über 30 Selbsthilfegruppen ihr Domizil. Es gibt drei vom Senat – aus unterschiedlichen Fördertöpfen – finanzierte Projekte, darunter die psychosoziale Beratung und das Projekt QUEERHOME*, die Wohnberatung für LGBTIQ* in Berlin sowie den Frau­enLesben*­Frei­tag. Nach Protesten und einer Umschichtung von Fördergeldern ist der Fortbestand des Sonntags-Clubs gesichert. (heg)

taz: Den Frauen*Lesben-Freitag gibt es also weiter – und ununterbrochen?

Otte: Ja, wir haben gut vorgeplant, weil wir eben nicht wussten, wie es weitergeht. Wir haben eine wunderbare ehrenamtliche Orgagruppe, die mit der hauptamtlichen Person die Freitage organisiert und durchführt. Sie haben gemeinsam schon im September, Oktober damit begonnen, das erste Quartal 2026 zu planen und umzusetzen. Es gibt jetzt etwas weniger Veranstaltungen als sonst, aber das Grundprogramm läuft. Doch so richtig aktiv werden wir wieder erst ab März.

taz: Daran sieht man, dass es sich lohnt, auf die Barrikaden zu gehen.

Otte: Auf jeden Fall, das Kämpfen hat sich gelohnt. Es war toll, was wir für eine breite Unterstützung von der Öffentlichkeit bekommen haben, auch von eurer Seite, der Presse. Die Solidarität war sehr groß.

taz: Auch untereinander, also anderen Projekten, die von Kürzungen bedroht waren.

Otte: Ja, und auch bei anderen Projekten, etwa der Beratungsstelle BerTa in Buch (in Trägerschaft der Albatros gemeinnützige Gesellschaft für soziale und gesundheitliche Dienstleistungen mbH – Anm. d. Red.) wurden die Kürzungen wieder zurückgenommen. Da gab es also ein politisches Zurückrudern und vielleicht dann doch die Einsicht, dass die Arbeit für die Gleichstellung und Gleichberechtigung von Frauen* ein wichtiges Zeichen ist

taz: Kann der Sonntags-Club denn aber die fehlenden 20.000 Euro für Queerhome* kompensieren? Oder steht das Projekt damit vor dem Aus?

Otte: Das müssen wir jetzt besprechen und klären. Wir hatten bis zum Schluss gehofft, dass wir diese 75.000 Euro entsprechend aufteilen könnten. Aber laut Beschlussprotokoll ist das nicht so, und ich vermute, dass die Senatsverwaltung diesen Beschluss genau so übernimmt.

taz: Was bedeutet das fürs Projekt?

Otte: Dass wir weniger Honorarkräfte und Eh­ren­amt­le­r:in­nen vergüten können. Was heißt, dass wir mit dem Projekt in diesem Jahr etwas an Sichtbarkeit verlieren werden. Ja, es bleibt weiter durchführbar und wir können viel machen. Wir haben das Projekt etwas umgestrickt, weil die Arbeit in der Wohnungslosenberatung auf verschiedenen Ebenen sehr dynamisch ist. Und auch, weil der Umgang mit queeren Menschen mit oder ohne Fluchthintergrund immer problematischer wird. Die Situation auf dem Wohnungsmarkt verschärft sich zunehmend.

taz: Was heißt umgestrickt?

Otte: Dass wir nun weniger Vollzeit- und mehr Teilzeitstellen und mehr Honorarkräfte haben, damit wir an mehreren Baustellen gleichzeitig aktiv werden können. Gleichzeitig müssen wir uns fokussieren.

taz: Ihr geht also mit einem lachenden und einem weinenden Auge ins neue Jahr?

Otte: Ja, das kann man so sagen. Wir hatten ohnehin für zwei Szenarien geplant, also mit und ohne Kürzungen. Mit der Fördermittelzusammenlegung vereinfacht sich nun auch die Verwaltung. Wir werden ein bisschen Kosten sparen. Die Stelle für den Frau­en*­Frei­tag ist jetzt Teil des psychosozialen Beratungsteams. Das heißt, dass wir die Frauenstelle ausbauen und stärker in die Beratung gehen können. Im Bereich Frauen* sind wir deutlich handlungsfähiger als vorher, was sehr gut ist. Und vielleicht können wir bestimmte Bereiche, die wir bei Queerhome* jetzt verlieren, dadurch ein bisschen kompensieren. Das alles müssen wir nun mit allen Projektbeteiligten und dem Vorstand klären.

taz: Viel Glück und Kraft bei der Umsetzung.

Otte: Ja, wir müssen für uns erst mal einen Weg nach diesem sehr anstrengenden Jahr mit den drohenden Kürzungen finden. Dieses Ungewisse stellte einen hohen Stresslevel fürs gesamte Team dar. Eine Belastung, die ja nicht nur der Sonntags-Club, sondern die gesamte soziale, kulturelle und Bildungsstruktur aushalten musste. Die Art und Weise, wie man diesen Haushalt aufgestellt hat, das muss man auch mal sagen, war sehr schwierig.

taz: Gelinde gesagt …

Otte: Wie da mit Menschen umgegangen wird, ist kritisch. Man hätte von vornherein den Haushalt anders stricken können, so dass wir nicht sechs Monate mit Existenzängsten leben müssen. Die psychische Mehrbelastung erschwert die Arbeit extrem, Krankheitsstände schnellen in die Höhe. Das Horrorszenario hat sich ja durch das ganze Jahr gezogen, wir sind alle ganz schön fertig. Zumal man bei dieser aktuellen Regierung überhaupt nicht weiß, ob sie es wirklich ernst meint oder ob es im Sommer vielleicht nicht doch heißt, jetzt streichen wir euch mal eben Fördergelder … So eine Situation gab es in den letzten 20 Jahren, die wir mit dem Senat zusammenarbeiten, so noch nie, auch wenn es immer schwierige Haushaltssituationen gab. Früher hat man sich an Zusagen gehalten.

taz: Der Senat hat es sich zu leicht gemacht.

Otte: Genau. Der Senat lagert staatliche Aufgaben, die laut Gesetz zu erfüllen sind, an Dritte aus und lässt sie dann so hängen. Wenn das noch ein paar Jahre so weitergeht, wird die ganze Projektlandschaft irgendwann zusammenbrechen, weil das keine vernünftige Art ist, miteinander zu arbeiten.

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