Antisemitismus in Deutschland: Keine Normalität für Jüd*innen
Die Aufmerksamkeit lässt nach, die antisemitische Bedrohung nicht. Zentralratspräsident Josef Schuster fordert mehr Einsatz gegen Judenhass.
Foto: Kay Nietfeld/dpa
Über 2.000 antisemitische Vorfälle seit dem Herbst 2023: Jüd*innen in Deutschland leben in konstanter Bedrohung. Und doch bekommt das Thema längst nicht mehr die Aufmerksamkeit wie in den ersten Wochen nach dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober. Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, versuchte am Donnerstag, mit einer Pressekonferenz der zunehmenden Gleichgültigkeit entgegenzutreten. Dabei waren auch der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sowie die Vorsitzende der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft, Andrea Despot.
Alle drei beklagten das Ausmaß der antisemitischen Gewalt, die sich weiter in Drohungen, Übergriffen und brutaler Gewalt äußere. Von einer „Welle des Judenhasses“ mit Israelbezug sprach Klein. Die Jüd*innen in Deutschland seien im Angesicht der permanenten Bedrohung gezwungen, sich aus Teilen des öffentlichen Lebens zurückzuziehen, Empathie erführen sie von ihren nicht-jüdischen Mitbürger*innen nur selten. Klein: „Für Juden und Jüdinnen ist keine Normalität eingekehrt, anders als für die deutsche Mehrheitsgesellschaft.“
Auch wenn ein Großteil der aktuellen Taten mutmaßlich einen islamistischen Hintergrund hat und mit dem Nahostkonflikt in Zusammenhang steht, forderte Schuster, die Bedrohung durch Rechtsextreme nicht zu unterschätzen. Er begrüßte die Demonstrationen gegen die AfD in den letzten Wochen. Viele Menschen in Deutschland seien offenbar „aufgewacht“ und hätten erkannt, welche Gefahr von der Partei ausgehe.
Schuster berichtete aber auch von vereinzelten antisemitischen Vorfällen am Rand der Demos im Zusammenhang mit der anti-israelischen Haltung bestimmter linker Gruppen. Schuster sieht hier Antisemitismus als „Schnittmenge“ zwischen extrem rechten und einigen extrem linken Gruppen. Und Klein sagt: „Der Slogan ‚Free Palestine from German Guilt‘ ist nichts anderes als die Forderung nach einem Schlussstrich bei der Erinnerung an die NS-Verbrechen.“
Empathie und Solidarität zeigen
Schuster verwies auch auf die gerade anlaufende Kampagne des Zentralrats: „Stoprepeatingstories soll zeigen „dass Antisemitismus kein Problem der Vergangenheit ist, sondern im Hier und Heute passiert – täglich“, wie es auf der Website heißt. An Medien und Gesellschaft hat er klare Erwartungen: „Für das Sicherheitsgefühl der Juden hier ist es wichtig, dass Empathie und Solidarität gezeigt wird und Täter und Ursachen klar benannt werden.“ Ein zentrales Element zur Bekämpfung des Antisemitismus sieht er in politischer Bildungsarbeit und der Sensibilisierung von Lehrkräften.
In Richtung von Politik und Behörden sagte Schuster: „Antisemitismus muss konsequent verfolgt und bekämpft werden.“ Klein plädierte in diesem Zusammenhang für weitere Verbote von islamistischen Zentren sowie für eine Verschärfung des Volksverhetzungsparagrafen, um Antisemitismus noch besser bekämpfen zu können.
Despot kündigte an, die Arbeit ihrer Stiftung weiter zu intensivieren und insbesondere Projekte fördern zu wollen, die sich im Internet – dem „Epizentrum“ der Hetze – gegen Judenhass wenden.
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