Antimuslimischer Rassismus in Berlin: Drei Vorfälle pro Tag
Die Claim-Allianz verzeichnet einen deutlichen Anstieg antimuslimischer Übergriffe. Besonders betroffen sind Frauen.
Im Prenzlauer Berg werden fünf Frauen von einem Mann beim Einsteigen in die Straßenbahn gehindert, von ihm angespuckt und als „kopftuchtragende Schlampen“ beschimpft. Eine Moschee in Neukölln erhält einen Drohbrief mit Karikaturen und Gewaltaufrufen gegen Muslim*innen. Im Wedding wird eine Bushaltestelle mit „Fuck Islam“ beschmiert. Ein ganz normaler Tag in Berlin.
Im Schnitt drei antimuslimische Vorfälle jeden Tag – insgesamt 975 Vorfälle – registrierte die Allianz gegen Islam- und Muslimfeindlichkeit (Claim) 2025 in Berlin. Das geht aus der Jahresbilanz der Meldestelle hervor, die am Montag vorgestellt wurde. Damit ist die Zahl der Vorfälle im Vergleich zum Vorjahr um 51 Prozent gestiegen: 2024 waren es noch 644 gemeldete Vorfälle. Die Bilanz erscheint dieses Jahr zum zweiten Mal.
Claim unterscheidet in der Statistik zwischen drei Arten von Vorfällen: verbalen Angriffen, verletzendem Verhalten – was auch Sachbeschädigung beinhaltet – und Diskriminierung.
Rima Hanano, Co-Geschäftsführerin von Claim, zeigte sich besorgt: „Antimuslimischer Rassismus ist für viele Menschen in Berlin Alltag – sie werden beleidigt, angegriffen, benachteiligt und diskriminiert. Besonders alarmierend sind die 65 dokumentierten Körperverletzungen, darunter acht gefährliche.“ Außerdem wurden auch vier Angriffe auf Moscheen dokumentiert.
Mehr Meldestellen, höhere Sensibilisierung
Zugleich betonte sie: Der deutliche Anstieg der Fallzahlen könne zum Teil auch an einer verbesserten Struktur an Meldestellen sowie einer größeren Sensibilisierung gegenüber antimuslimischem Rassismus liegen.
Die Auswertung der Fälle zeigt: Frauen sind mit 58 Prozent häufiger von antimuslimischen Übergriffen und Diskriminierung betroffen als Männer, was unter anderem darauf zurückzuführen sein könnte, dass sie in der Öffentlichkeit schneller als muslimisch erkannt werden – zum Beispiel durch das Tragen eines Kopftuches.
Auch Kinder und Jugendliche erleben antimuslimische Diskriminierung: Aliyeh Yegane Arani, Leiterin der Anlaufstelle Diskriminierungsschutz an Schulen, berichtete am Montag von 100 Meldungen antimuslimischer Vorfälle an Schulen im letzten Jahr. Der Großteil der Vorfälle – 81 Prozent – gehe dabei von der Schule selbst oder von Lehrkräften aus. Eine besondere Belastung ergebe sich dadurch, dass Kinder und Jugendliche aufgrund der Schulpflicht oft keine Ausweichmöglichkeit haben, sagte Arani. Angeraten werde häufig ein Schulwechsel, was im Leben der Kinder einen großen Einschnitt bedeute.
Rima Hanano, Claim
Claim fordert eine bessere Erfassung antimuslimischer Vorfälle von Zivilgesellschaft und Polizei, eine klare Haltung aller demokratischen Parteien, sowie einen Ausbau der Beratungs- und Unterstützungsangebote für Betroffene. Dabei bedarf es vor allem der Anbindung von entsprechenden Angeboten an Communitys.
„Besorgniserregend ist, dass die Erfahrungen betroffener Menschen noch immer häufig relativiert oder infrage gestellt werden. Das führt zu Verunsicherung, Rückzug und schwächt das Vertrauen in staatliche Institutionen und in die Politik“, kritisierte Hanano. Auch die Organisation selbst ist nicht von antimuslimischen Übergriffen geschützt – zwölf rassistische Drohmails erhielt man laut eigenen Angaben allein im vergangenen Jahr.
Der Berliner Grünen-Vorsitzende Philmon Girmai und auch die Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp äußerten sich am Montag zu den vorgestellten Zahlen. Beide fordern die Abschaffung des Neutralitätsgesetzes, das Beschäftigten im öffentlichen Dienst das Tragen religiöser und weltanschaulicher Symbole untersagt.
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