Anschlag auf Synagoge in Halle

Terrorist fuhr an Polizei vorbei

Das Innenministerium von Magdeburg veröffentlicht ein neues Minutenprotokoll. Es gibt Widersprüche zwischen den Angaben und dem Video des Täters.

Bewaffnete Polizisten auf der Strasse

Polizei in Halle am Tag des Anschlags Foto: Fabrizio Bensch/reuters

BERLIN/MAGDEBURG taz | Die Polizei in Sachsen-Anhalt hätte den Attentäter von Halle, Stephan B., bereits früher stoppen können, als bislang bekannt war. Nach dem neuen, detaillierteren Einsatzprotokoll, das am Montag im Innenausschuss im Magdeburger Landtag vorgestellt wurde und der taz vorliegt, konnte der rechtsextremistische Terrorist auf seinem Fluchtweg an einer Polizeistreife direkt vor der Synagoge vorbeifahren.

Stephan B. nahm als Fluchtweg zunächst exakt die Route zurück, auf der er von der Synagoge zum Döner-Imbiss gefahren war, in dem er seinen zweiten Mord verübte. Um 12.11 Uhr, sieben Minuten nach dem ersten Notruf, traf der erste Polizeiwagen vor der Synagoge an der Humboldtstraße ein, drei Minuten später eilte eine zweite Streife herbei, „um den Tatort Humboldtstraße von beiden Seiten abzusperren“, wie es im Bericht des Landesinnenministeriums heißt.

Auf seinem Fluchtweg fuhr Stephan B. laut Bericht „auf dem Fußweg“ an der Streife vorbei. In dem Moment standen demnach die Polizisten auf der Straße neben ihrem Auto, um schusssichere Westen anzulegen, und konnten offenbar nicht schnell genug in ihr Auto springen und die Verfolgung aufnehmen. Wo der zweite Polizeiwagen zu dem Zeitpunkt stand, geht aus dem Bericht nicht hervor. In dem Video des Terroristen ist zu sehen, wie Stephan B. kurz vor der Synagoge das Lenkrad nach links reißt – womöglich um der Polizei auszuweichen. Wortlos und mit normaler Geschwindigkeit fährt er an ihr vorbei.

Danach konnte er sich absetzen; erst rund eine Stunde später wurde er auf der Autobahn 9 wieder gesichtet und wenig später bei Zeitz südlich von Halle gestellt – von normalen Beamten der örtlichen Polizei. In der Zwischenzeit hatte er zwei Menschen östlich von Halle beim Versuch, ein Fluchtfahrzeug zu rauben, angeschossen und schwer verletzt.

Unklare Angaben zum zweiten Mord

Widersprüchlich bleiben die Details des Einsatzes der Polizei am Döner-Imbiss, in dem ein 20-jähriger Kunde vom Täter regelrecht hingerichtet wurde. Stephan B. hatte genug Zeit, um – nach der Zeitabfolge des Videos um 12.17 Uhr – wieder in den Imbiss zu gehen, wo er noch einmal auf das wehrlose Opfer schoss und es vermutlich tötete.

Laut Bericht des Innenministeriums war ein erster Streifenwagen bereits zwei Minuten vorher kurz vor dem Imbiss eingetroffen – hielt aber Abstand zum Tatort und griff nicht ein. „Unmittelbar danach“ kam es demnach zum Schusswechsel mit der Polizei, und um 12.16 Uhr soll der Terrorist von Polizeischüssen verletzt worden sein. Nach der Zeitfolge im Video fallen die Schüsse aber erst zwei Minuten später. „Oh, da ist Polizei, jetzt sterb ich“, nuschelt Stephan B., hält an und steigt aus. Es kommt zu einem Schusswechsel mit der Polizei, Stephan B. wird am Hals getroffen, fällt und liegt für etwa fünf Sekunden am Boden. Danach steigt er wieder ein und flüchtet.

Nach dem Terroranschlag hatte es Kritik gegeben, dass die Polizei zu lange gebraucht habe, um zu den Tatorten kommen. Ebenso kritisiert der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, scharf, dass die Synagoge von Polizeikräften nicht gesichert wurde – so wie es bei jüdischen Gotteshäusern in anderen Bundesländern getan wird.

Politiker der schwarz-rot-grünen Koalition in Magdeburg nahmen am Montag Landesinnenminister Holger Stahlknecht (CDU) in Schutz. Der innenpolitische Rüdiger Erben (SPD) sagte laut Magdeburger Volksstimme: „Es ist sehr, sehr viel richtig gemacht worden“. Sein Kollege von den Grünen, Sebastian Striegel, befand: „Der Polizeieinsatz ist insgesamt erfolgreich verlaufen.“

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