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Anschlag auf Stromnetz in Berlin„Es gibt keine absolute Sicherheit“

Der Anschlag auf das Berliner Stromnetz hat eine Schwachstelle getroffen, sagt Energieexperte Kai Strunz. Es brauche mehr dezentrale Netzwerke.

Baustelle an der ausgebrannten Kabelbrücke in Berlin-Lichterfelde Foto: Sebastian Christoph Gollnow/dpa
Hanno Fleckenstein

Interview von

Hanno Fleckenstein

taz: Herr Strunz, nach dem Brandanschlag auf das Berliner Stromnetz sind weiter zehntausende Haushalte ohne Strom. Wie kann es sein, dass ein Feuer an nur einer Stelle einen derart großen Stromausfall verursacht?

Kai Strunz: Das betroffene Netzgebiet wurde über Hochspannungskabel in einer Kabeltrasse über den Teltowkanal versorgt. Alle Kabel dieser Trasse wurden beim Sabotageakt zerstört. Weil es keinen alternativen Versorgungsweg für das Gebiet gab – eine sogenannte Redundanz – führte die Zerstörung der Kabeltrasse zwangsläufig zu einem großflächigen Blackout.

Bild: TU Berlin
Im Interview: Kai Strunz

Kai Strunz leitet an der Technischen Universität Berlin das Fachgebiet Energieversorgungsnetze und Integration erneuerbarer Energien und ist Fellow des Institute of Electrical and Electronics Engineers. Zuvor war er Assistant Professor der University of Washington und Ingenieur bei Electricité de France.

taz: Dabei heißt es doch oft, das Stromnetz funktioniere nach dem Prinzip n-1: Wenn eine Komponente ausfällt, springt eine andere ein.

Strunz: Das gilt tatsächlich nur für das bundesweite und europäische Übertragungsnetz im Höchstspannungsbereich. Das ist sozusagen „vermascht“, sodass es immer eine Redundanz gibt. Im regionalen Verteilungsnetz wie jenem in Berlin gibt es hingegen nicht zwingend überall Redundanzen. Damit ist im Übertragungsnetz die Sicherheit grundsätzlich höher als im Verteilungsnetz.

taz: Ist Berlins Stromnetz also nicht widerstandsfähig genug?

Strunz: Wenn man den Ausfall in Berlin analysiert, muss man selbstkritisch sagen: Ja, es war nicht widerstandsfähig genug. Das bedeutet aber nicht, dass das Berliner Stromnetz insgesamt von keiner guten Qualität wäre. In Kennzahlen zur Zuverlässigkeit hat das Berliner Stromnetz jahrelang auch im weltweiten Vergleich Spitzenwerte aufgewiesen. Aber es gibt eben auch einige weniger geschützte Anlagen, durch die das Stromnetz leider auch zu einem einfachen Anschlagsziel wurde. Da gibt es eine deutliche Parallele zum Anschlag vom vergangenen September, bei dem auch eine vergleichsweise schwach geschützte und zugleich wichtige Stelle getroffen wurde.

taz: In Berlin verlaufen bereits 99 Prozent des Stromnetzes unter der Erde. Das restliche Prozent soll nach und nach folgen, um für besseren Schutz solcher neuralgischen Punkte zu sorgen. Ist das der richtige Weg hin zu einem robusten Netz?

Strunz: Es ist gut, dass der größte Teil des Berliner Netzes bereits unter der Erde liegt. Das trägt zum Schutz gegen Sabotage bei. Aber auch oberirdische Anlagen müssen gegen äußere Eingriffe jeder Art und eben auch Brände und Explosionen geschützt werden. Es kommt jedoch nicht allein auf Einzelmaßnahmen an.

taz: Was heißt das?

Strunz: Für das Stromnetz ist Robustheit natürlich zentral. Wichtig sind aber auch die Faktoren Nachhaltigkeit und Bezahlbarkeit. Nur wenn man das gesamte System betrachtet, kann man die Entwicklung der Infrastruktur sinnvoll koordinieren. Und die funktioniert über mehrere Sparten hinweg: Strom, Wärme und Verkehr müssen zusammen gedacht werden. Nur aus einer solchen Analyse lassen sich Maßnahmen ableiten und priorisieren, wo man den Hebel zuerst ansetzt.

taz: Was wären das für Maßnahmen, um künftig besser gegen Sabotageakte oder Unfälle gewappnet zu sein?

Strunz: Wir unterscheiden zwischen präventiven und reaktiven Maßnahmen. Zunächst wollen wir ja verhindern, dass es überhaupt zu einem Ausfall kommt. Also: Schutz vor Sabotageakten aller Art, inklusive Cyberangriffen, und eben die Schaffung von Redundanzen. Die reaktiven Maßnahmen greifen dann, wenn es trotzdem zu einem Ausfall kommt. In dem Fall kommt es darauf an, das Netz wieder rasch herzustellen. Hier sollten dezentrale Erzeuger und Speicher eine wichtige Rolle spielen. Ein Stichwort sind sogenannte Inselnetze, die bei einem Ausfall auch dezentral Netzspannung bereitstellen. Diese sind technologisch durchaus anspruchsvoll.

taz: Warum?

Strunz: Die Systeme müssen automatisiert funktionieren: Sie müssen erkennen, wenn es einen Netzfehler gibt und automatisch in Betrieb gehen. Die dezentralen Einheiten sind entsprechend zu regeln. Als Teil eines Gesamtpakets sind Inselnetze eine wirklich gute und sinnvolle Maßnahme. Wir erarbeiten solche Lösungen an unserem Forschungscampus Mobility2Grid der TU Berlin.

taz: Die Bundesregierung hat im September das sogenannte Kritis-Dachgesetz zum Schutz von kritischer Infrastruktur beschlossen. Wird dadurch das Stromnetz sicherer?

Strunz: Das Gesetz verpflichtet alle Betreiber kritischer Infrastruktur, Pläne für die Resilienz zu erstellen, umzusetzen und auch nachzuweisen. In diesem Sinne ist das Gesetz positiv zu bewerten, gerade auch hinsichtlich einer Verbesserung der Sicherheit. Es sieht auch eine Risikoanalyse vor, die mögliche Schwachstellen identifizieren kann. Und hier ist es eben zentral, das gesamte System über Sektoren hinweg zu betrachten. Eine Garantie für absolute Sicherheit gibt es nicht, es gilt Ausfallwahrscheinlichkeiten zu minimieren.

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