Anonyme Interviews in der Doku „Naza“: Netanjahu sucht nach den Quellen
Israels Premier Netanjahu will die Informanten, die im Dokumentarfilm „Naza“ interviewt wurden, identifizieren und strafrechtlich verfolgen lassen.
Foto: The Guardian/dpa
„Man kann nicht beides zugleich behaupten: einerseits, dass die Soldaten lügen, und andererseits, dass sie Geheimnisse preisgegeben haben“. So kommentiert der israelische Regisseur Yuval Abraham gegenüber dem Spiegel die jüngste Anordnung von Israels Premier Benjamin Netanjahu. Dieser hat in dieser Woche angeordnet, dass die Informanten, die für den preisgekrönten israelischen Dokumentarfilm „Naza“ interviewt wurden, wegen „Gefährdung der diplomatischen und sicherheitspolitischen Interessen Israels“ strafrechtlich verfolgt werden sollen.
Im Film bleiben die Gesprächspartner anonym, ihre Stimmen wurden verfremdet. Manche Kritiker äußerten deswegen Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Quellen. Doch sie blieben aus gutem Grund anonym. „Wir hatten von Anfang an große Angst, dass die Identitäten dieser Menschen enttarnt werden könnten“, sagt Abraham. Allen Beteiligten sei klar gewesen, dass sie ein großes Risiko eingingen. Abraham fürchtet: „Diese Anordnung wird eine einschüchternde Wirkung auf den Journalismus in Israel haben.“
Zum Hintergrund: Am Montag schrieb Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu auf der Social-Media-Plattform X, er habe den Generalstabschef, den Leiter des Inlandsgeheimdienstes Shin Beth und die Generalstaatsanwältin angewiesen, herauszufinden, wer die Soldaten und Offiziere waren, die in „Naza“ über Israels Kriegsführung Auskunft gegeben haben.
Der Film verbreite eine „falsche, irreführende und tendenziöse Erzählung“ und beschädige Israels Position schwer, so Netanjahu. „Wir stehen immer an der Seite unserer geliebten und heldenhaften Kämpfer!“, beendete der wahlkämpfende Premierminister seinen Tweet. Am 27. Oktober 2026 wird in Israel gewählt.
Seit 1. Oktober in deutschen Kinos
Der Film „Naza“, der vom oscarprämierten Regisseur Yuval Abraham und seiner Kollegin Rachel Szor stammt, rückt die Tötung von Zivilisten im Gazakrieg in den Fokus. Der Titel bezieht sich auf ein Kürzel, das israelische Militär- und Geheimdiensbehörden intern für die zu erwartete Anzahl ziviler Opfer bei israelischen Luftangriffen verwenden.
Im Film sagen mehrere Informanten aus, die israelische Armee habe bei der Planung und Ausführung ihrer Angriffe den Tod von teilweise mehreren Hundert Zivilisten in Kauf genommen. Die Quote für mögliche zivile Opfer, die man für akzeptabel hielt, sei vom Rang eines Hamas-Kämpfers, den man töten wollte, abhängig gewesen. Die Genfer Konvention verbietet Angriffe, die sich gezielt gegen Zivilisten richten, und mahnt, bei Angriffen auf militärische Ziele die Verhältnismäßigkeit zu wahren.
Seit „Naza“ im September beim Filmfestival in Venedig seine Weltpremiere feierte, mit rekordverdächtigem Applaus bedacht und mit einem Sonderpreis der Jury ausgezeichnet wurde, sorgt er in Israel für eine heftige Debatte. Seit Oktober ist „Naza“ weltweit in den Kinos zu sehen – nur in Israel noch nicht. Um ihn auch dort einem Publikum zugänglich zu machen und damit sich jeder selbst ein Bild machen kann, soll er ab November weltweit und kostenlos online – unter anderem über die Plattform des Guardian – verfügbar gemacht werden.
Heftige Debatte in Israel
Obwohl den Film in Israel noch kaum einer gesehen hat, attackiert die israelische Regierung schon seit dessen Premiere die Regisseure, die sich deswegen massiven Drohungen ausgesetzt sehen. Rechte Gruppen protestierten vor Szors Elternhaus und forderten die Todesstrafe für die Filmemacher. Zudem drohten Netanjahu und sein Kulturminister Miki Zohar den beiden damit, ihnen die israelische Staatsbürgerschaft zu entziehen.
Nun will Netanjahu in einem Schreiben an die Behörden „dringende Maßnahmen“ angemahnt haben, um alle Beteiligten des Films zu identifizieren. Konkret verlangte er, gegen sie Strafverfahren wegen „schwerer Verstöße gegen die Informationssicherheit, Verleumdung und Schädigung israelischer Interessen“ einzuleiten.
Israels Militärchef Eyal Zamir soll auch bereits zuvor angeordnet haben, die beteiligten Soldaten zu identifizieren. Allerdings habe der Militärstaatsanwalt Itai Ofir erklärt, dass eine strafrechtliche Verfolgung nur möglich sei, wenn Sicherheitsverstöße nachgewiesen oder geheimes Material offengelegt worden sei. Im Film berichten die Informanten allerdings lediglich über die Befehle, die ihnen erteilt wurden.
Die israelische Armee hatte diese Schilderungen zunächst als verzerrt, irreführend und unaufrichtig zurückgewiesen. Die Regisseure Yuval Abraham und Rachel Szor hätten sich auf Gesprächspartner beschränkt, die „Spekulationen und Annahmen ohne faktische Grundlage“ geäußert hätten.
Der Film enthalte „erhebliche sachliche Fehlern, die sich aus manipulativen Falschdarstellungen der Realität ergeben“, erklärte das Militär. Außerdem hätten die Filmemacher ihren Film der Armee nicht vorab zur Prüfung oder Stellungnahme vorgelegt, wie es in Israel üblich sei.
Der „Guardian“ verteidigt die Recherche
Ein Sprecher des Guardian, der den Dokumentarfilm produziert hat, erklärte, dies seien „allesamt Versuche, von den dringenden Fragen abzulenken, die der Film hinsichtlich der Massenmorde an palästinensischen Zivilisten im Gazastreifen aufwirft. Journalisten sollten die Freiheit haben, im öffentlichen Interesse zu recherchieren, ohne Drohungen oder Schikanen ausgesetzt zu sein.“
Die britische Tageszeitung verteidigte auch die Recherchen zu dem Film. Das Filmteam habe in den vergangenen drei Jahren mehr als 100 Quellen befragt, darunter hochrangige Kommandeure, die Angriffen genehmigt hätten. Ihre Aussagen seien anhand geheimer Dokumente, konkreter Luftangriffe und weiterer vertraulicher Quellen überprüft worden.
Vertreter der Filmbranche und Journalistenverbände haben sich hinter die Regisseure gestellt. Die Organisation Reporter ohne Grenzen verurteilte die Angriffe auf die beiden Regisseure bereits zum Kinostart scharf und sprach von einer „Hetzkampagne“. Das Vorgehen sei Teil eines Frontalangriffs auf die Pressefreiheit und das Recht auf Information kurz vor den israelischen Parlamentswahlen. Der Schutz journalistischer Quellen gilt als Eckpfeiler der Pressefreiheit. Diese dürfen nur unter strengen Voraussetzungen offengelegt werden.
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