Angriffe auf Kurden in Syrien: Tote, Verletzte und Vertriebene in Aleppo
Syrische Truppen greifen zwei von Kurden bewohnte Stadtviertel Aleppos an. Die Milizen werden zum Teil von der Türkei unterstützt.
Neun Tote, Hunderte Verletzte und Tausende Vertriebene sind die vorläufige Bilanz eines bewaffneten Angriffs auf die kurdischen Stadtviertel Scheich Maksud und Aschrafiyya in Aleppo. Die Angriffe begannen zum Wochenstart und hielten bis Mittwoch an. Beide Viertel werden von Soldaten der islamistischen Übergangsregierung von Ahmed al-Scharaa und weiteren islamistischen Milizen, die teilweise von der Türkei ausgerüstet und bezahlt werden, belagert und teils auch mit schweren Waffen wie Haubitzen angegriffen.
Am Dienstag öffneten die Regierungssoldaten sogenannte „humanitäre Korridore“, durch die Zivilisten die Viertel verlassen konnten. Beide Seiten werfen sich gegenseitig vor, mit den Feindseligkeiten begonnen zu haben. Allerdings gibt es von kurdischer Seite keinerlei Gründe dafür, das zu tun.
Stattdessen wirft die kurdische Selbstverwaltung für Nordost-Syrien der Regierung in Damaskus vor, ein im März vergangenen Jahres geschlossenes Abkommen zur Integration der Kurden in den neuen syrischen Staat gebrochen zu haben. Nach dem März-Abkommen hatten die Demokratischen Selbstverteidigungskräfte (SDF) ihre schweren Waffen aus Aleppo abgezogen und lokalen Sicherheitskräften die Kontrolle über die Stadt anvertraut.
Nach dem Sturz von Baschir al-Assad im Dezember 2024 hatte al-Scharaa in Aleppo einen Gefolgsmann von der islamistischen HTS-Miliz zum Bürgermeister der zweitgrößten syrischen Stadt ernannt, der die Zahl der Kurden in Aleppo gern verringern würde. Die Islamisten werden dabei von der Türkei unterstützt, die seit Jahren fordert, alle Kurden müssten sich hinter den Euphrat nach Osten zurückziehen.
Die Spannungen in Aleppo hängen auch damit zusammen, dass das Abkommen von März 2025 nicht umgesetzt wird. Danach sollten die bewaffneten kurdischen Kräfte der SDF-YPG in die neue syrische Armee integriert, aber gleichzeitig die Rechte der kurdischen Minderheit in dem neuen Staat geregelt werden. Zwar gab es dazu etliche Gespräche zwischen kurdischen Vertretern und Verantwortlichen der syrischen Übergangsregierung, doch haben diese bislang zu keiner Einigung geführt.
Die über 50-jährige Gewaltherrschaft der Assad-Familie ist seit 2024 Geschichte. Baschar al-Assad ist nach Russland geflüchtet, nachdem Rebellen das Regime gestürzt haben. Derzeit amtiert die Übergangsregierung von HTS-Führer al-Scharaa.
Von kurdischer Seite hieß es, man habe eingewilligt, sich dem Oberkommando aus Damaskus zu unterstellen, wenn die bisherigen SDF-YPG-Kämpfer in drei Divisionen zusammengefasst würden, die alle im Nordosten Syriens stationiert bleiben. Es solle eine bereits bestehende Frauendivision geben, eine Division zum Schutz der Grenzen zur Türkei und zum Irak und eine Division zur Terrorbekämpfung, also zur Verfolgung des IS.
Aus Damaskus heißt es dagegen, eine solche Vereinbarung gebe es nicht, die kurdischen Kämpfer müssten einzeln in die Armee integriert werden. Die kurdische DEM-Partei aus der Türkei spricht jetzt davon, mit den Angriffen in Aleppo hätte die al-Scharaa- Regierung das Abkommen von März vergangenen Jahres de facto aufgekündigt.
Die DEM verhandelt seit über einem Jahr mit der Regierung Erdoğan über die Auflösung der kurdischen PKK-Guerilla und einen neuen Status für die Kurden in der Türkei. Aus Sicht der türkischen Regierung sind die kurdischen Milizen in Syrien Teil der PKK und müssten ihre Waffen genauso niederlegen wie die PKK im Irak.
Türkei macht Druck auf syrische Übergangsregierung
Die türkische Regierung arbeitet mit der syrischen Übergangsregierung eng zusammen und drängt seit Längerem Damaskus, endlich das Kommando über die Kurden zu übernehmen und die bewaffneten kurdischen Milizen von der türkisch-syrischen Grenze zu entfernen. Die Angriffe auf die Kurden in Aleppo sollen sowohl die kurdische Führung unter Druck setzen, als auch letztlich die Kurden aus ihren Vierteln in Aleppo vertreiben.
Im türkischen Fernsehen wurde am Mittwochabend immer wieder darauf hingewiesen, dass die kurdischen Viertel auf einer Anhöhe liegen und in Aleppo deshalb auch strategisch wichtig wären. Die Kurden müssten deshalb dort weg.
Die meisten Kurden in Aleppo stammen eigentlich aus dem ehemals kurdischen Kanton Afrin, der im März 2018 von der türkischen Armee erobert und anschließend den mit ihr verbündeten islamistischen Milizen überlassen wurde. Diese setzten in Afrin eine „ethnische Säuberung“ durch, bei der fast alle Kurden vertrieben wurden. Viele von ihnen flüchteten daraufhin nach Aleppo.
Noch während des Vormarsches der HTS-Miliz auf Damaskus 2024 begannen mit der Türkei verbündete Milizen mit massiven Angriffen auf von Kurden gehaltene oder besiedelte Ortschaften westlich des Euphrats. Diese Angriffe wurden erst durch Vermittlung der US-Armee gestoppt. Während sich die USA derzeit um eine Vereinbarung zwischen der al-Scharaa-Regierung und Israel für den Süden Syriens bemühen, greifen die islamistischen Milizen im Norden die Kurden erneut an.
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