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Angriff der USA auf VenezuelaEskalation ohne eindeutige Erklärung

Luftschläge in Venezuela, die Entführung von Maduro und eine verwirrende Pressekonferenz: Am Ende fragt man sich: Was hat Donald Trump dazu getrieben?

Nach Angriffe auf Venezuela: Eine zerstörte Flugabwehr-Einheit auf dem Militärflugplatz La Carlota Foto: reuters/Leonardo Fernandez Viloria
Leon Holly

Aus Berlin

Leon Holly

In der Nähe des US-Verteidigungsministeriums in Arlington, Virginia, gibt es eine Pizzeria namens „Pizzato Pizza“. Kurz nach Mitternacht am Samstag zeigte Google Maps dort ungewöhnlich viel Betrieb. Normalerweise ist das ein Zeichen, dass im Verteidigungsministerium viele Leute eine Nachtschicht schieben. Und so war es auch heute: Die Nachtschicht im Pentagon war mit dem Krieg gegen Venezuela befasst, den die Trump-Regierung in der Nacht eskaliert hat.

Videos von Augenzeugen zeigen Luftschläge auf verschiedene Ziele in dem Land an der Nordküste Südamerikas. Die venezolanische Regierung sprach von Angriffen in der Hauptstadt Caracas und in den nördlichen Küstenstaaten Miranda, Aragua und La Guaira. Trump erklärte in einem Post auf seiner Plattform Truth Social, die USA hätten Präsident Nicolás Maduro und seine Frau gefangen genommen und beide außer Landes geflogen.

Der großflächige Angriff und die Entführung Maduros folgen einer Politik der schrittweisen Eskalation durch die USA in den vergangenen Monaten. Seit August verlegte das US-Militär Kriegsschiffe, Kampfflugzeuge und Truppen in die Region. Bald darauf bombardierten die USA kleine Boote in der Karibik und im Ostpazifik, die laut Trump-Regierung Drogen schmuggelten. Dabei starben mindestens 115 Menschen.

Vor etwa einem Monat begannen die USA, Öltanker vor der Küste Venezuelas festzusetzen. Ende Dezember berichteten Regierungskreise, der Auslandsgeheimdienst CIA habe einen Militärschlag auf eine Hafenanlage in Venezuela ausgeführt – der erste Angriff auf das Festland. Nichts davon, versteht sich, ist vom Völkerrecht gedeckt. Trump bezichtigte Maduro, in den Drogenhandel involviert zu sein, und forderte ihn mehrmals zum Rücktritt auf, wobei die USA ihm freies Geleit zugesichert hätten.

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Eine Pressekonferenz und viele offene Fragen

Mit der Eskalation scheint Trump auf den gewaltsamen Sturz eines Regimes zu setzen – ein Widerspruch zu seinem früheren Image als Kritiker von Regimewechsel-Kriegen. Doch er hat bereits bewiesen, dass er Luftangriffe gegen unliebsame Regierungen oder Terrorgruppen nicht scheut. Im Juni ließ er iranische Atomanlagen bombardieren, an Weihnachten griff er mutmaßliche IS-Zellen in Nigeria an.

Eine Pressekonferenz am Samstag, bei der neben Trump auch Außenminister Rubio und Verteidigungsminister Hegseth sprachen, sorgte jedoch für Verwirrung und ließ viele Fragen offen. Trotz der Ankündigung, die USA würden das Land regieren, blieb Trump vage, wie diese Führung konkret aussehen soll. Offenbar hat seine Regierung kein Problem damit, Chavistas wie Delcy Rodríguez, die nach Maduros Entführung als Vizepräsidentin aufrückte, vorübergehend an der Macht zu lassen – sofern sie kooperieren. Das deutet auf keinen klassischen Regimewechsel hin. Vielmehr sollen Drohungen mit weiteren Angriffen und Bodentruppen die Machthaber zu Zugeständnissen bewegen, damit US-Konzerne Venezuelas Ölreserven erschließen können.

Trump erwähnte keine Zusammenarbeit mit der venezolanischen Opposition. Auf die Friedensnobelpreisträgerin und Oppositionspolitikerin Maria Machado angesprochen, äußerte er sich abschätzig: „Es wäre sehr schwer für sie, die Anführerin zu sein.“ Sie habe weder die nötige Unterstützung noch den Respekt in Venezuela. Diese Einschätzung überraschte nicht nur Lateinamerika-Experten, sondern auch Exil-Venezolaner. Laut dem Economist reagierten viele in Miami ungläubig und vermuteten, Trump habe sich versprochen. Bemerkenswert: Das Wort „Demokratie“ fiel auf der Pressekonferenz kein einziges Mal.

Esklationspläne im Oval Office

Schon in seiner ersten Amtszeit erwog Trump einen Angriff auf Venezuela. Sein damaliger Sicherheitsberater John Bolton, der das Maduro-Regime zusammen mit Kuba und Nicaragua als „Troika der Tyrannei“ bezeichnete, drängte darauf. Doch Trump überwarf sich mit Bolton, und der Krieg blieb aus. Die Idee aber überlebte.

Ein gewisser Senator aus Florida, der auch damals schon für einen Regimewechsel eintrat, ist in Trumps zweiter Amtszeit zu einem einflussreichen Fürsprecher der Lateinamerika-Falken geworden: der heutige Außenminister und Sicherheitsberater in Personalunion, Marco Rubio. Als Sohn kubanischer Einwanderer hegt Rubio einen Groll gegen linke Regime in Lateinamerika, wobei seine Augen nicht nur auf Venezuela, sondern vor allem auch auf die Diktatur in Kuba gerichtet sind. Rubio und den seinen geht es dabei aber nicht um eine Demokratisierung per se, sondern um die Einsetzung von konservativen bis rechten Regierungen.

Wie die New York Times vor einer Woche berichtete, kam es im Frühjahr zu Besprechungen im Weißen Haus, in denen Trump eine Eskalationsstrategie gegen das Maduro-Regime diskutieren wollte. Der Präsident stand zu dem Zeitpunkt unter Druck durch Lateinamerika-Hardliner im Kongress, härter gegen Venezuela vorzugehen. Sie forderten von Trump, die Öl-Geschäfte des US-Konzerns Chevron in Venezuela zu stoppen, doch Trump wollte den Zugang zu venezolanischem Öl nicht komplett verlieren. Um die Abgeordneten trotzdem zufriedenzustellen, musste Trump ihnen also die Aussicht liefern, Maduro von der Macht zu beseitigen.

Anwesend bei dem Treffen war neben Rubio auch der extrem rechte Ideologe und Vizestabschef Stephen Miller. Miller war erpicht auf Militärschläge gegen Drogenlabore in Lateinamerika, die Trump schon während seines Wahlkampfs versprochen hatte. Rubio brachte demnach die Idee ins Spiel, Maduro als Anführer eines Drogenkartells darzustellen, um so die Angriffe zu rechtfertigen – obwohl Venezuela beim Drogenexport gen USA, wenn überhaupt, eine marginale Rolle spielt.

Die Besprechung brachte letztlich verschiedene Ziele der Trump-Regierung zusammen: Regimewechsel in Venezuela, Kampf gegen die Drogen, Zugang zu venezolanischem Öl, sowie eine Eindämmung der Migration. So ventilierte Miller offenbar auch die Idee, dass die US-Regierung sich im Kriegsfall mit Venezuela auf ein Gesetz aus dem 18. Jahrhundert berufen könnte, das die Deportation „feindlicher Ausländer“ erlauben würde – in diesem Fall hunderttausende sich in den USA befindliche Venezolaner.

Denkbar ist, dass dieser konstruierte Fokus auf die wichtigen Trump-Themen wie Drogen und Migration auch helfen soll, einen Krieg gegen Venezuela auch vor denjenigen in der MAGA-Koalition zu rechtfertigen, die US-Auslandseinsätzen skeptisch gegenüberstehen: den America-First-Isolationisten. Sie haben vor allem im Vorfeld einflussreiche Fürsprecher. Da ist etwa der Talk-Show-Host Tucker Carlson, der mit seinen Tiraden gegen Regime-Change-Kriege nicht nur in der republikanischen Basis Anklang findet, sondern auch bei Vizepräsident J.D. Vance zumindest auf ein offenes Ohr stößt.

Eine riskante Ablenkung

Gleichzeitig steht Trump innenpolitisch unter Druck, weshalb ihm ein bisschen außenpolitische Ablenkung ganz gelegen kommen dürfte: Der Skandal um die Epstein-Files, sinkende Umfragewerte, ein offener Streit um Antisemitismus und die politische Linie der Republikaner, sowie Diskussionen um den Gesundheitszustand des Präsidenten – alles bald vergessen im Jahr der Midterm-Wahlen 2026? Wohl kaum, aber Trump wird ein neuer Nachrichten-Zyklus dennoch mehr als recht sein.

Dabei birgt die Aggression gegen Venezuela auch viele Risiken für den US-Präsidenten. Trotz der Verlautbarungen über eine Gefangennahme Maduros ist aktuell nicht ausgemacht, dass es in Caracas zu einem echten Regimewechsel kommt. Von einer Kooperation wollte Vizepräsidentin Rodríguez am Samstag nichts wissen. Stattdessen bezeichnete den Angriff als „Barbarei“. In einem am gleichen Tag veröffentlichten Videozusammenschnitt äußerten sich zudem die Gouverneure verschiedener venezolanischer Bundesstaaten, posierend mit Soldaten. Die Botschaft: Wir haben weiter die Kontrolle.

Das chavistische Regime könnte sich also trotz der Entführung Maduros halten, und auch ein chaotischer Bürgerkrieg unter der Beteiligung verschiedener in Venezuela ansässiger Guerillagruppen ist nicht ausgeschlossen. Spätestens dann müsste Trump eine breit angelegte Landinvasion in Betracht ziehen, und dafür in den USA für Unterstützung werben. Doch damit würde er das Risiko eingehen, sein Land in den nächsten langen Krieg zu ziehen.

Und nach Freiheit für das venezolanische Volk klingt nichts davon.

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