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Angriff auf VenezuelaAufstehen für das Völkerrecht

Hunderte Menschen protestierten in Bochum gegen Trumps Imperialismus. Am Freitag soll auch in Berlin demonstriert werden.

Bei Temperaturen unter null für das Völkerrecht: Venezuela-Demonstration am Mittwochabend in Bochum Foto: Andreas Wyputta

Aus Bochum

Andreas Wyputta

Unter dem Motto „Schützen wir das Völkerrecht“ haben am frühen Mittwochabend mehrere hundert Menschen in Bochum gegen die Gefangennahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro durch das US-Militär demonstriert. Zwar habe Maduro „ebenfalls eine Reihe von Menschenrechtsverstößen zu verantworten“, hieß es in einem Demo-Aufruf der Medizinischen Flüchtlingshilfe Bochum – die Initiative hatte als Teil eines breiten Bündnisses aus Friedensaktivist:innen, globalisierungskritischen Organisationen und Parteien zu dem Protest aufgerufen.

Dennoch stellten Maduros „Entführung, die Bombardierung des Landes und das gewaltsame Eindringen in einen souveränen Staat schwere Verstöße“ gegen die Charta der Vereinten Nationen dar. „Völkerrecht verteidigen“ und „USA raus aus Lateinamerika“ stand deshalb auf Deutsch und Spanisch auf den Transparenten, hinter denen die De­mons­tran­t:in­nen bei Temperaturen unter null und Schneefall vom Hauptbahnhof durch die Innenstadt zum Bochumer Rathaus zogen.

Maduros „sogenannte Gefangennahme“ sei „ganz gewöhnliches kriminelles Kidnapping“, erklärte zum Demo-Auftakt Knut Rauchfuß von der Medizinischen Flüchtlingshilfe. Die Initiative betreut seit 1997 Geflüchtete, die Opfer von Krieg, Folter und anderen schweren Menschenrechtsverletzungen geworden sind. International wird Maduro Wahlbetrug, die Verfolgung politischer Gegner und die Verhaftung von Tausenden, die 2024 gegen seine umstrittene Wiederwahl protestiert hatten, vorgeworfen. Bei seiner Gefangennahme tötete das US-Militär offenbar mindestens 80 Menschen, darunter auch ZivilistInnen. Trump habe deshalb nicht nur das Völkerrecht gebrochen, sondern sei schlicht „ein Mörder“, sagte Ralf Feldmann vom Bochumer Friedensplenum während der Demo zur taz.

Für die Einschätzung von CDU-Bundeskanzler Friedrich Merz, die Bewertung des US-Angriffs sei „komplex“, hat der ehemalige Ratsherr der Linken dagegen keinerlei Verständnis: „Mir ist völlig schleierhaft, wie Merz und sein Außenminister Johann Wadephul als Volljuristen zu einem solchen Urteil kommen können“, findet der pensionierte Amtsrichter Feldmann. Nach Artikel 25 des Grundgesetzes seien die allgemeinen Regeln des Völkerrechtes Bestandteil des Bundesrechtes. „Die Bundesregierung muss deshalb gegen Trump aufstehen“, findet Feldmann.

Geostrategische Interessen

Für eine klare Verurteilung des US-Angriffs durch die Bundesregierung und die Europäische Union machten sich in Bochum auch weitere Red­ne­r:in­nen stark. „Stellt euch gegen jede Form von militärischer Aggression, verteidigt das universelle Völkerrecht“, forderte etwa Franzi Piorrek von der Grünen Jugend: „Und hört auf zu schweigen, nur weil der Rechtsbruch von einem mächtigen Partner ausgeht.“ Schließlich gehe es der US-Regierung in Venezuela „nicht um Stärkung demokratischer Kräfte“- diese bekämpfe Trump auch in den USA selbst, erklärte ein Vertreter der globalisierungskritischen Organisation Attac. Ziel sei vielmehr die Durchsetzung „geostrategischer Interessen“ und damit der Zugriff auf die venezolanische Ölindustrie, deren Exporte „zu 80 Prozent nach China“ gingen.

Vor einer Neuauflage der „Monroe-Doktrin“ von 1823, mit der die USA den gesamten amerikanischen Kontinent zu ihrem „Hinterhof“ erklärten, warnte auch Flüchtlingshilfe-Sprecher Knut Rauchfuß. Noch sei es „nur Spekulation, ob hinter den Kulissen nicht längst ein Deal zwischen Putin und Trump abgeschlossen wurde: mir Venezuela – dir die Ukraine“, warnte Rauchfuß.

Nicht nur er fürchtet einen Präzedenzfall: Nächstes Ziel von Trumps Imperialismus könnte Grönland werden, wo der US-Präsident auf Bodenschätze wie seltene Erden schielt. Die Bundesregierung müsse deshalb nicht nur Freilassung Maduros und den Rückzug aller US-Truppen aus Lateinamerika fordern – nötig seien „Sanktionen gegen die USA“.

Ähnliche Forderungen wie in Bochum hatte es zuvor auch bei Demonstrationen etwa in Hamburg, Düsseldorf, München, Nürnberg, Offenburg und Darmstadt gegeben. Für Freitag ruft die Fraktion der Linken im Bundestag zu einer Demonstration vor der US-Botschaft in Berlin auf. Sprechen wird nicht nur Fraktionschef Sören Pellmann, sondern auch die Linken-Vorsitzende Ines Schwerdtner. Mit seiner Beschreibung, es handele sich bei der US-Intervention in Venezuela um eine „komplexe Situation“, verharmlose Kanzler Merz „eklatante Verletzungen des Völkerrechts“ – und ereile „Trump einen Freibrief für weitere Aggressionen“, kritisiert die Linkspartei. Schließlich bringe der US-Präsident schon heute „Übergriffe auf weitere Gebiete ins Spiel: Mexiko, Kolumbien, Kuba oder Grönland“.

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1 Kommentar

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  • Nun demonstrieren sie wieder …



    In Bochum, in Berlin und anderswo. Die taz berichtet. Die versammelte Linke verteidigen das Völkerrecht. Mit Recht! Gegen das Kidnapping der USA von Venezuelas Präsident und seiner Frau. Das geht gar nicht, egal was man von dem Regime in Caracas halten mag. ABER: Wo ist die Linke auf der Straße, wenn es um den Völkerrechtsbruch und einen brutalen Krieg gegen die Zivilbevölkerung in der Ukraine geht? Demnächst im Februar jährt sich der Überfall Russlands auf die souveräne Ukraine zum fünfte Mal. Wäre eine Gelegenheit wieder auf die Straße zu gehen: Für die Verteidigung des Völkerrechts. Russia go home!