Amerikanistin über Superkräfte: „Leute wollen ihre Superheld:innen intakt und am Leben“
Comic-Superhelden gibt es seit mehr als 100 Jahren, Superman geht auf die 90 zu. So bald werden uns die Helden nicht loslassen, sagt Astrid Böger.
taz: Frau Böger, warum faszinieren uns Superheld:innen?
Astrid Böger: Superheld:innen sprechen ein tiefes Bedürfnis in uns an, die Welt zu retten, sie zu beherrschen und über uns hinauszuwachsen. Das sieht man auch daran, dass Kinder häufig versuchen, die Geschichten nachzuspielen und sich kostümieren wie Superman oder Wonder Woman. Dieser Nachahmungsdrang spricht dafür, dass da etwas ist, das uns zutiefst anspricht.
taz: Sehnen wir uns in dieser unübersichtlichen Weltlage nach Geschichten, in denen die Rollen von Gut und Böse ganz klar verteilt sind?
Böger: Ja, auf jeden Fall. Das hat schon Umberto Eco in den frühen 60er Jahren in seinem Text „Der Mythos von Superman“ so gesehen. Er sagt, dass Superheld:innen letztlich kompensatorische Funktionen hätten: Wir als Menschen erkennen unsere Machtlosigkeit und haben umso mehr Spaß daran, Helden zu imaginieren, die jedes Hindernis überwinden und jeden Feind besiegen können. Das Weltbild „Gut gegen Böse“ liegt natürlich allem zugrunde.
taz: Ist diese klassische Heldengeschichte mit Happy End nicht irgendwann auserzählt?
Böger: Es ist eine sehr alte Geschichte, und das allein spricht ja dafür, dass sie Menschen seit Jahrhunderten bewegt und eine Sehnsucht bedient: Wenn wir nur mit solchen übermenschlichen Kräften ausgestattet wären, was uns dann alles möglich wäre. Aber die Comicproduzierenden sehen das Problem sehr wohl und versuchen immer wieder, die Geschichten ganz anders enden zu lassen. In den 90ern gab es den toten Superman. Der hat allerdings zu einem großen Aufschrei geführt. Die Leute wollen ihre Superheld:innen doch intakt und am Leben.
taz : Manche sprechen davon, dass wir in einem postheroischen Zeitalter leben. Was bedeutet das?
Böger: Das ist eine These des Politologen Herfried Münkler. Er sagt, dass wir seit dem Zweiten Weltkrieg mit Helden nicht mehr viel anfangen können, gerade in Europa. Wir hätten so viele Kriege und Krisen erlebt, dass das einfach nicht mehr unser Narrativ sei. Aber Münkler selbst geht auch auf die Ausnahmen wie das Hollywoodkino ein. Das Beispiel der Comics ist jedoch besonders interessant, weil es da eine kontinuierliche Narration des Heldentums gibt, die mitnichten im Zweiten Weltkrieg eingeknickt ist, im Gegenteil.
taz : Die bekanntesten Superheld:innen kommen allesamt aus den USA. Wieso bringt gerade die US-amerikanische Kultur diese Geschichten hervor?
Böger: Die Amerikaner können viel mit dieser relativ einfachen Gegenüberstellung von bösen und guten Mächten anfangen und haben bereits im frühen 20. Jahrhundert begonnen, mit diesen superheroischen Helden zu spielen. Die sind ja keine Neuerfindung der Amerikaner, sondern beziehen sich auf antike Mythen, die für sie weiterentwickelt werden. Seit dem Zweiten Weltkrieg verwenden die USA die Populärkultur, einschließlich Comics, auch dazu, amerikanische Werte in die Welt zu tragen.
taz: Welche Bedeutung haben Superkräfte für die Helden?
Böger: Sie sind ganz wichtig, um unsere Vorstellungskraft zu aktivieren. Als Superman 1938 die Bühne betrat, war er einfach besonders stark. Alle anderen Eigenschaften wurden ihm erst später zugeschrieben, um ihm immer neue Facetten und immer überwältigendere Kräfte zu verleihen. Es ist eben das eine zu behaupten, ein:e Superheld:in sei übermenschlich stark. Man muss das auch veranschaulichen können.
Vortrag „Die Kraft der Superhelden“ mit Astrid Böger, 26.3., 18 Uhr, Planet Harburg, Herbert-und-Greta-Wehner Platz, Hamburg, Eintritt frei
taz: Welche Superheld:innen finden Sie besonders spannend?
Böger: Ich kann viel mit den Superheldinnen anfangen. Wonder Woman beispielsweise erscheint in ihren typischen Kostümen zwar sehr stereotyp auf weibliche Merkmale reduziert. Dennoch ist sie ein interessanter Gegenentwurf zu der klassischen heldenhaften Männlichkeit, die oft mit Gewalt verbunden ist.
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