Alternativen zur WM: Märchen mit Gedächtnislücken
Der Berliner Rapper Apsilon erinnert in seiner Single an die NSU-Morde, die gleichzeitig zum „Sommermärchen“ 2006 stattfanden.
Es war einmal vor langer, langer Zeit, da ging der Sommer 2006 als Märchen in die deutsche Geschichte ein. Diejenigen, die damals schon lebten, erinnern sich bis heute an die elektrisierende Stimmung im Land, an Public Viewings, Fahnenmeere und das Gefühl, Teil eines historischen Moments zu sein. Die Männerfußballweltmeisterschaft wurde zum Symbol eines neuen lockeren Patriotismus. Doch wie jedes Märchen ist auch dieses fantastisch, es erzählt nur einen Teil der Geschichte.
An jene andere Realität erinnert der Berliner Rapper Apsilon in seiner Single „Sommermärchen“, die am 3. April 2026 erschien. Während Millionen Menschen Panini-Sticker sammelten und von einem Ballack-Trikot träumten, wurden Menschen in Deutschland wegen ihrer Herkunft verfolgt und ermordet. Am 4. April 2006 erschoss der NSU Mehmet Kubaşık in Dortmund, zwei Tage später Halit Yozgat in Kassel. Sie waren das achte und neunte Mordopfer der rechtsextremen Terrorserie.
Apsilon setzt dort an, wo die nationale Erinnerung oft endet. Sein Song erzählt von eben dieser Gleichzeitigkeit. Im zweiten Teil des Songs berichtet der Rapper von einem Konzert 2025, bei dem ihn die Tochter von Mehmet Kubaşık angesprochen habe. Die Zeilen „Genau auf den Tag, vor fast zwanzig Jahren / kam sie nach Hause und ihr Vater war nicht da“, drücken den Schmerz aus, den die Hinterbliebenen bis heute spüren.
Im Musikvideo zum Song stehen auf verlassenen Tischen einer Feiergesellschaft Tischkarten mit den Namen der NSU-Opfer: Enver Şimşek, Abdurra-him Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter.
„Sommermärchen“ ist eine Erinnerung an die NSU-Morde, die neben den Märchenerzählungen nie vergessen werden darf.
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