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Alternativen zum PatriarchatEine Welt der FLIN­TA*s

Viele Fe­mi­nis­t:in­nen träumen vom Matriarchat. Hilfreicher könnte ein Konzept aus Mailand sein, das über Generationen hinweg verbindet.

Gelebtes Matriachat: Frauen der Mosuo-Ethnie am Lugu See in Yunnan, China Foto: Joerg Boethling/imago

Die Mosuo, ein indigenes Volk in China, leben in einer gesellschaftlichen Organisation, die man als Matriarchat beschreiben kann. Dort leben die Menschen in Großfamilien mit Haushaltsvorsteherinnen. Land und Eigentum werden über die mütterliche Linie an die Töchter vererbt. Männer wohnen ihr Leben lang im Haus ihrer Mutter und sind hauptverantwortlich für die Kinder ihrer Schwestern.

Die Idee eines Matriarchats, so oder anders geartet, hat mich und viele Feminist:innen vor mir fasziniert. Eine Welt, in der es keine Männerherrschaft gibt, sondern Frauen oder vielleicht besser FLINTA*-Personen das Sagen haben, klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Und schon bei diesem Satz merke ich, wie mein hoffnungsvolles Träumen durch skeptisches Grübeln abgelöst wird. Wer hätte im Matriarchat das Sagen, Frauen oder alle FLINTA*s? Und klingt „das Sagen haben“ nicht auch etwas autoritär?

Ob es in Gesellschaften wie der Mosuo wirklich solidarischer unter Frauen zugeht, kann ich nicht beantworten, weil ich im Patriarchat aufgewachsen bin. Aus dieser Perspektive erscheint mir alles ohne Männerherrschaft wie ein Paradies. Außerdem lässt sich die Mosuo-Struktur nicht einfach kopieren. Wir sind ökonomisch, politisch und sozial ganz anders aufgebaut. Was für uns auf den ersten Blick nach einer real umgesetzten Utopie klingt, mag für die Frauen der Mosuo etwas sein, womit sie vielleicht selbst hadern.

Drei Frauen strecken ihre Faust in die Höhe, dazu der Spruch: Solidarität ist unsere Superkraft
feministaz

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Wir leben in einem männlichen System

Statt von einem Matriarchat zu fantasieren, sollten wir lieber solidarische Netzwerke zwischen FLINTA* Personen aufbauen und stärken.

Bei der Umsetzung hilfreich ist das „Affidamento“-Konzept, das aus der Libreria delle donne di Milano, einem Mailänder Frauenbuchladenkollektiv hervorgegangen ist. Ins Deutsche übersetzt heißt Affidamento etwa „sich anvertrauen“. Das Kollektiv wird dem italienischen Differenzfeminismus zugerechnet. Ihr Ziel ist es, Geschlechterverhältnisse anders zu denken, denn darum geht es dieser Art des Feminismus – nicht, wie im deutschen Diskurs oft falsch verwendet, um eine Form des Essentialismus.

Der Differenzfeminismus möchte darauf aufmerksam machen, dass das System, in dem wir leben, an sich männlich ist. Sprache, Kultur, Politik und Wirtschaft wurden von (cis-)Männern geschaffen und funktionieren nach (cis-)männlichen Denkmustern. Die originale Theorie spricht nur von Männern und Frauen, was der Zeit ihrer Entstehung geschuldet ist. Ich interpretiere sie aber Gender-inklusiv und spreche daher von Cis-Männern und FLINTA*s.

Statt also FLINTA*s darin zu integrieren und damit patriarchale Muster fortzuschreiben, ist der zentrale Baustein des Differenzfeminismus, der gemeinsamen Welt der (cis-)Männer in allen Bereichen eine gemeinsame Welt der FLINTA*s entgegenzusetzen.

Bro-Culture erhält das Patriarcht am Leben

Egal ob am Arbeitsplatz, im Sportverein oder privat, cis-Männer bilden quasi automatisch homosoziale Bünde und vernetzen sich, sprechen sich gegenseitig Wert zu und machen die Arbeit anderer Männer sichtbar. Diese sogenannte Bro-Culture ist Wurzel und lebenserhaltende Maßnahme des Patriarchats zugleich. Alleine können FLINTA*s dem kaum begegnen, sie brauchen ein Gewebe von Beziehungen untereinander.

Dabei geht es nicht darum, einfach nur solidarisch unter FLINTA*s zu sein und eine Gleichheit zu imaginieren. Im Gegenteil, die Andersartigkeit von FLINTA*s soll bereichernd wirken und nicht bedrohlich sein.

In der Praxis des Affidamento geht es bewusst nicht nur, aber auch, um die Mutter-Tochter Beziehung. Es wird vor allem auch von symbolischer Mutterschaft gesprochen, die aus intergenerationellen Freundinnenschaften von FLINTA*s bestehen soll und in der die jüngeren FLINTA*s sich den älteren anvertrauen, damit neue FLINTA*-Netzwerke entstehen.

FLINTA*beziehungen sollen allerdings nicht nur im Privaten bleiben, sondern überall dort entstehen, wo FLINTA*s zusammentreffen. Also zum Beispiel zwischen Lehrerin und Schülerin, Professorin und Studentin, zwischen Arbeitskolleginnen. FLINTA*s sollen entdecken, um es in den Worten der Mailänderinnen zu sagen: „Dass es notwendig ist, die Beziehungen zu anderen FLINTA*s besonders zu pflegen und sie als unersetzliche Quelle persönlicher Stärke, geistiger Originalität und sozialen Eingebunden-Seins zu betrachten.“

Kampf gegen die Einmischung

In dieser „gemeinsamen Welt der FLINTA*s, die sie sich vorstellen, soll das gesamte weibliche Geschlecht einen positiven Wert erhalten und die Zugehörigkeit dazu soll zur Quelle von Identität und Reichtum werden.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch zu erwähnen, dass die Mailänderinnen wissen, dass diese Art von Beziehungen oft spontan zwischen FLINTA*s entstehen. Ihnen geht es aber darum, dass FLINTA*s sich dem Potenzial einer solchen Beziehung bewusst werden und sich öffentlich zu dieser Quelle von Stärke bekennen.

Die Theoretikerin Britta Kroker schreibt, die Idee des italienischen Differenzfeminismus sei es, Feminismus nicht nur als Protest gegen Männer als Unterdrücker zu verstehen, sondern vor allem als das Zusammensein mit FLINTA*s beziehungsweise als Kampf gegen die Einmischung der cis-Männer in stabile FLINTA*-Beziehungen und Netzwerke. Für mich ist das die Utopie, die dem Matriarchat am nächsten kommt.

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