Altern und Tod: Wie mit dem Sterben umgehen?
Sehnsucht, Schuld und Mitleid sind Gefühle, die aufkommen, wenn wir Menschen beim Altern begleiten. In Film und Realität ringen viele, wie sie damit umgehen.
Foto: Mary Evans/AF Archive/Les Films Du Losange/imago
N atürlich ist da als Erstes Freude. Nach Langem haben wir es geschafft, uns wiederzusehen. Dann ein kleiner Schreck darüber, dass du wieder etwas geschrumpft bist. Sehnsucht nach einer Zeit, die etwas leichter war. Schuld, weil ich selten zu Besuch bin. Mitleid – und dann gleich Ärger über dieses Mitleid, das ich in anderen oft als Bevormundung oder verborgenes Selbstmitleid markiere.
Diese Woche werde ich meine drei noch lebenden Großeltern sehen, obwohl sie Hunderte Kilometer auseinanderwohnen. 2019 war das letzte Mal, dass ich das in einer Woche schaffte. Mir fällt es, wie so vielen anderen, schwer, meine Familie altern zu sehen. Besonders da dieses Altern in ihrem Fall zumeist leidvoll ist.
Wie schonungslos es sein kann, daran teilzunehmen, erinnert mich an Michael Hanekes „Amour“. Der Film erzählt die Geschichte des Ehepaars Anne (Emmanuelle Riva) und Georges (Jean-Louis Trintignant), zwei ehemalige Musikprofessoren in ihren 80ern. Das bürgerliche Paar führt ein friedliches Rentnerleben. Bis Anne mehrere Schlaganfälle erleidet und sich das Paar nach Jahrzehnten der Ehe die unausweichliche Frage stellen muss: Wie mit dem Sterben umgehen?
Die tragischen Seiten des Alterns
Ein Krankenbett ersetzt das Ehebett. Sein leises Surren, wenn sich die Rückenlehne hebt, kenne ich aus dem Zimmer meines Großvaters im Altersheim. Anne drückt den Wunsch aus, dass alles endlich vorbei sein solle. Diesen Wunsch habe ich auch schon gehört. Annes und Georges Augen wirken mit jeder Filmminute, die verstreicht, trüber, kleiner, dunkler. Sie erinnern mich an Ulla Hahns Gedicht „Besuch bei der Mutter“.
Jedesmal ist sie wieder / ein Stückchen kleiner geworden / Knöchelchen dünner als Kinderbein / Vogelbein halten mich fest
In meinen Armen schrumpft sie / in mich hinein mitsamt / Angora-Hemd Bluse Wolljacke Kittel / schließt sich in mein Herz
Liegt mir im Blut / schaut mich an mit / Pupillen stecknadelkopfgroß / aus meinen Augen
Als ich dieses Gedicht das erste Mal las, bekam ich einen Knoten im Bauch. Das gleiche diffuse Gefühl habe ich, wenn ich die tragischen Seiten des Alterns meiner Familienmitglieder sehe. Oder Filme wie „Amour“. Als Georges darin einen Film, den er in seiner Jugend sah, mit den Worten beschreibt: „Ich erinnere mich nicht an den Film. Aber ich erinnere mich an die Gefühle“, dann habe ich den Eindruck, dass er verstehen könnte, was ich meine.
Mein Großvater war früher Bäcker. Als ich klein war, beobachtete ich, wie seine Hände kraftvoll und zugleich mühelos den harten Lebkuchenteig kneteten. Heute hat er das Rezept vergessen. Und seine Hände sind schwach geworden, seine Haut ist dünn, weich und kühl wie feines Papier.
Nicht nur Verlust
Viele Menschen, die ich kenne, empfinden es als unerträglich, älter zu werden. Sehen sie darin einen großen Kontrollverlust? Oder ist der Fehler, zu glauben, zuvor Kontrolle gehabt zu haben? Die Selbstständigkeit geht jedenfalls verloren. Immer weniger Gegenstände umgeben einen: Aus dem gesamten Hausrat bleiben dann nur Rollator, ein Hornkamm, einige Bilder …
Und Altern ist die ständige Erinnerung daran, dass es mit einem selbst irgendwann vorbei sein muss. Vielleicht will man es deswegen möglichst weit weg von einem halten. „Nichts hiervon verdient, gezeigt zu werden“, sagt Georges irgendwann zu seiner Tochter Eva (Isabelle Huppert), die ihre im Schlafzimmer eingesperrte Mutter sehen will.
Als eines meiner Familienmitglieder im hohen Alter starb, war ich bei der Beerdigung für einen kurzen Moment voller Freude und dachte über die Person, dass sie es endlich geschafft hat. Für diesen Moment hatte ich den Eindruck, einen richtigen Gedanken zum Altern und zum Tod gefasst zu haben, nämlich dass darin nicht nur Verlust liegt. Ich bezweifle, dass mir das diese Woche so gelingen wird.
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