piwik no script img

Als wäre es wieder 2007Filmreifer Frühlingsanfang

Kolumne Szene
von Rick Palm

Kurze Hosen, nette Dönerladenbesitzer und gute Straßenmusik. Ein Berliner Frühlingsanfang wie in einem deutschen Indie-Movie.

Illustration: Donata Kindesperk

D as Ritual folgt jedes Jahr demselben Ablauf. Traditionell markieren Männer seinen Beginn. Während andere in Daunenschichten gehüllt an der Bushaltestelle ihren Atemwölkchen hinterherschauen, schlurfen sie in Kurzarmhemd und Cargoshorts durch die Stadt. Das Orakel ist zuverlässig: Wenige Tage später streckt im Wetterbericht die erhoffte Sonnengrafik ihre Strahlen über die Deutschlandkarte. Schon kriechen alle wieder aus den Löchern. In den Fahrradläden türmen sich Räder mit festgerosteten Ketten und platten Reifen. Die Frage kommt auf: Seit wann ist Berlin so voll? (Antwort: Schon immer.)

Auch meine Mitbewohnerin und ich tun unseren Dienst und holen uns auf dem Balkon den ersten Sonnenbrand des Jahres. Und gehen Kaffeetrinken. Natürlich im Draußenbereich, natürlich mit Sonnenbrille. Doch die Idylle droht zu bröckeln: Vor dem Dönerladen nebenan baut ein Straßenmusiker Lautsprecher und Mikro auf. Erwartet uns etwa die erste Edition „Hit The Road Jack“/„I’m a Barbie Girl“ noch vor der 20-Grad-Marke?

Aus der Box tönen zurückhaltende Pianoklänge auf angenehmer Lautstärke. Jackpot. Eigentlich wollte er gestern hier singen, erzählt der Sänger, aber er habe sich nicht getraut. Immer wieder schaut er sich nervös nach Ordnungshütern um. Bald tun das hier alle, so herzlich begleitet seine Stimme uns durch die R&B-Klassiker. Gleißendes, warmes Licht reflektiert von den Gehwegplatten, wir tanzen spontan.

Auch den Dönerbesitzer – Selbstbezeichnung „Der Manager“, markante Zahnlücke, wilde Locken – zieht es aus seinem Laden. Von ihm gibt’s eine Fistbump für den Künstler, ein Bier und schließlich einen fetten Bud Gras in die Spendentasche. Und mir in die Hand, fürs gute Tanzen. Höchste Ehre auf oldschool Basis. Der Frühling ist damit offiziell eingeläutet.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare

  • Noch keine Kommentare vorhanden.
    Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!