Alltag in Venezuela

Mit 600 Bolívar in Caracas

Millionen Venezolaner leiden Hunger – auch unsere Autorin. Wie es ist, in der venezolanischen Hauptstadt vom Mindestlohn zu leben? Ein Test.

Ein Mann durchsucht Müll nach Essensreste

Auf der Suche nach Essbarem: In Venezuela spricht man spöttisch von „Maduro-Diät“ Foto: Carlos Jasso/reuters

CARACAS taz | Maduro oder Guaidó? Wer hat recht? Wer hat Schuld an all dem hier? Der Imperialismus, der Sozialismus? Ist es die Schuld der USA, die Venezuelas Konten eingefroren haben, die des Sozialsystems, die einer Regierung, die Geld zum Fenster rausschmeißt und dann pleite geht? Was war Chávez? Was war diese Revolution wirklich? Nach drei Tagen weiß ich nur eins: Ich habe Hunger.

Ich habe einfach nur Hunger.

Venezuela hat eine Bevölkerung von 32 Millionen. Nach Angaben der Vereinten Nationen leiden 4,4 Millionen davon unter Wassermangel, 3,7 Millionen haben zu wenig zu essen, 2,8 Millionen fehlen notwendige Medikamente.

Und 3,4 Millionen sind bereits gegangen.

Im Durchschnitt nimmt man in Venezuela 12 Kilo im Jahr ab. Was als „Maduro-Diät“ verhöhnt wird, zeigt sich in den trüben Augen meiner Mitbewohner in der Misión Vivienda an der Avenida Libertador, einer der Hauptstraßen von Caracas. Hier lebe ich, ich will wissen, wie das ist in einem der sozialen Wohnungsbaukomplexe, die noch von Chávez für die Bedürftigen geplant worden waren. Das waren damals 2,9 Millionen Menschen. Es ist ein zwölfstöckiges Gebäude, mit acht Wohnungen in jeder Etage. Und es ist so etwas wie eine Gemeinschaft.

Ich wohne bei Mariela Herrera, 48, einer Krankenschwester, und ihrem Sohn. Alle zusammen besitzen wir ein Kilo Reis, ein halbes Kilo Mehl, drei Karotten und eine Scheibe Käse. Aber als ich meinen Keksvorrat hervorhole, schlägt die arbeitslose Nachbarin vor, in den sechsten Stock zu gehen und ihn mit Eliana Beitze zu teilen, einer 49-jährigen Pförtnerin, die an Sklerose leidet und erschöpft auf einer dünnen Matratze auf dem Boden liegt. Sie muss sich entscheiden zwischen Medikamenten oder Abendessen. Und zwischen Medikamenten für sie oder für ihre Tochter. Die ist 17 und Diabetikerin mit einer fleckigen, lilafarbenen Haut. Sie bieten mir Regenwasser an.

Aber ich würde alles trinken. Inzwischen habe ich Durst, einfach Durst. Ich habe seit elf Stunden nichts getrunken.

Origami aus Geldscheinen

Ich wohne hier, und ich habe mich entschieden, wie alle anderen von 600 Bolívar am Tag zu leben, dem Mindestlohn. Ich weiß nicht wirklich, wie viel das ist. Ein Dollar sind ungefähr 3.000 Bolívar, aber es gibt eine Inflation im siebenstelligen Prozentbereich, und der Bolívar ist eigentlich nur noch bedrucktes Papier. Wörtlich. Die Scheine werden für Origami benutzt. Kein Mensch weiß mehr, was irgendetwas kostet.

Der Auslöser

Bei den Parlamentswahlen Ende 2015 gewann das Oppositionsbündnis Mesa de la Unidad Democrática (MUD) die Mehrheit in der Nationalversammlung. Staatschef Nicolás Maduro setzte daraufhin eine ihm treue Verfassunggebende Versammlung ein, die 2017 das Parlament entmachtete. Bei den anschließenden Protesten wurden 125 Menschen getötet. Das Parlament bezeichnet die Verfassungsgebende Versammlung als illegitim und erkennt auch die Wiederwahl Maduros als Präsident nicht an.

Die Machtfrage

Am 23. Januar dieses Jahres erklärte sich Oppositionsführer Juan Guaidó selbst zum Interimspräsidenten. Guaidó wird inzwischen von mehr als 50 Staaten als Übergangspräsident anerkannt, unter anderem von Deutschland, den USA und einem Großteil der lateinamerikanischen Staaten. Entscheidend für die Machtfrage sind aber die venezolanischen Militärs, die Guaidó mit einem Amnestieversprechen auf seine Seite zu suchen sucht. Bislang ohne nennenswerten Erfolg. (taz)

Denn es hängt davon ab, ob man mit Bolívar oder Dollar zahlt. Und in einem normalen Laden oder einem staatlichen. Oder auf dem Schwarzmarkt. Und ob du Cash zahlst oder per Handy oder mit einer Kreditkarte. Allerdings gibt es gar kein Bargeld mehr, weil nicht genügend Geld da ist, um Geld zu drucken. So leihe ich mir eine Kreditkarte. Sei vorsichtig damit, werde ich gewarnt – aber nicht wegen des Geldes auf der Karte, sondern wegen der Karte selbst: Es gibt kein Plastik mehr. Das ist mehr wert als all deine Ersparnisse.

Es ist Jahre her, dass hier noch jeder wusste, was alles kostet. Venezuela produziert nur Öl. Und mit dem Öl importiert es alles, was es braucht: sieben von zehn Produkten. Deshalb hängt es vom Dollar ab. Im Jahr 2003 führte Chávez einen festen Wechselkurs ein. Oder genauer: mehrere feste Wechselkurse. Drei. Einen für öffentliche Unternehmen. Einen für private Unternehmen und Bürger, für Umtausch von bis zu 3.000 Dollar. Und einen für alles andere.

2015 stieg der Finanzanalyst Raúl Gallegos für die Recherche zu seinem Buch „Crude Nation“ im Renaissance Hotel ab. Das Zimmer kostete ihn pro Nacht 9.469 Bolívar. Also 1.503 Dollar, oder 789 Dollar, oder 190 Dollar – oder sogar 53, nach dem Schwarzmarktkurs. Je nach dem Wechselkurs, der für jemanden legal oder durch Bestechungsgelder zugänglich war, war Venezuela das Land, wo du nur 1,50 Dollar für einen BigMac zahlst oder aber 17.333 für ein Iphone6.

Wie hat das Venezuela von Chávez also wirklich ausgesehen?

In Wahrheit hängt Venezuela nicht nur vom Öl ab, sondern auch von jenen USA, die es so wenig leiden kann, und die doch die Hauptkäufer sind. Die Einzigen, die Raffinerien für Venezuelas schweres Rohöl haben. Als 2015 die Ölpreise um 70 Prozent fielen, erklärte US-Präsident Barack Obama Venezuela zum Sicherheitsrisiko. Unter Trump griffen dann Sanktionen: Trump untersagte alle finanziellen Transaktionen mit Venezuela, und er verhindert Venezuelas Zugriff auf den Gewinn von Citgo, der Venezuela gehörenden US-Kraftstoffkette.

Natürlich stoßen diese Maßnahmen auf Kritik der UN: Das Völkerrecht verbietet jeden Versuch, eine ausländische Regierung mit Gewalt zu stürzen, sei es militärisch oder mit anderen Mitteln. Statt die Regierung allerdings zu schwächen, ging sie gestärkt daraus hervor. Das ist keine Krise, sagt Maduro: Das ist ein Wirtschaftskrieg.

Bewaffnete verteidigen die Revolution

Bei Demonstrationen gegen Maduro hört man nur drei Worte: Luz, agua, comida – Strom, Wasser, Essen. Bei denen für Maduro nur eins: Sabotaje – Sabotage. Nur ein Wort verwenden beide Seiten: Usurpation.

Wir sind auf der Avenida Fuerzas Armados. Zwei Männer stürmen in einem roten T-Shirt einen Protest gegen Maduro. Sie gehören zu den Colectivos, bewaffneten Anhängern der Regierung. Ihr Logo ist überall in Caracas, auf allen Wänden: Ein Mann mit Gewehr, und darunter die Schrift: „In Verteidigung der Revolution“. Sie sind lokale Gruppen. Nachbarschaftsgruppen, theoretisch für soziale Arbeit gegründet. Aber niemand weiß, wer sie wirklich sind, und vor allem: Wer über sie bestimmt.

Auch deshalb ist die Opposition so schwer. Mit dem Stromausfall, die alles noch komplizierter macht. Heute ist Demonstrationstag, Guaidó hat zur Mobilisierung aufgerufen, und mit ein paar Aktivisten laufe ich durch Caracas: Aber wir finden nichts. Seit gestern funktionieren unsere Handys nicht, und das Internet auch nicht. Wir haben keine Ahnung, wo die Demo sein soll.

Schließlich finden wir sie vor der U-Bahn-Station Chacao. Sie besteht aus gerade mal 16 Personen. Sie haben zwei Pfannen dabei, einen Farbeimer, eine blecherne Marmeladendose ein paar Rasseln, dazu selbst gemachte Trommeln, mit Löffel als Trommelstöcken. Sie sind 16, als sie anfangen und 16, als sie wieder gehen. Niemand schließt sich an. Wenn allerdings die Ampeln auf Rot schalten, dann hupen die Fahrer im Rhythmus der Trommeln. Unterstützung. Busse fahren vorbei, volle Busse, und die draußen dranhängen, verfluchen Maduro und zeigen den Daumen hoch.

„Nicht gewöhnt zu arbeiten“

„Es geht hier nicht nur um Politik. Es ist vor allem eine Kulturfrage“, sagt Katy Camargo, 42, die bekannteste Aktivistin von Petare, dem ärmsten Slum von Caracas. „Wie in allen Ölländern sind wir es gewohnt, alles vom Staat zu bekommen. Als das Gesundheitssystem kaputtging, wechselten wir zu Privatkliniken. Als das Bildungswesen den Bach runterging, wechselten wir zu Privatschulen. Wir haben uns angepasst. Immer, Denn letztlich hatten wir Öl. Wir sind es nicht gewohnt, für Veränderungen zu arbeiten, uns einzubringen“, sagt sie. Bestenfalls hupen.

„Man erwartet hier von der Opposition, für Veränderung zu sorgen“, sagt sie. „Und die Opposition erwartet von Guaidó, das Leben aller zu verändern. Aber so wie das Problem nicht nur aus Maduro besteht, besteht die Lösung auch nicht aus Guaidó.“

Während Chávez’ Jahren an der Macht von 1999 bis 2013 sprangen die Ölpreise von 16 auf 10 Dollar pro Barrel. Venezuela nahm mehr als 100 Milliarden Dollar pro Jahr ein. Und die Armut, von der 44 Prozent der Haushalte betroffen waren, halbierte sich. Wer heute die Regierung unterstützt, steht letztlich nicht hinter Maduro – der steht hinter Chávez.

Wie José Cordero: „Guaidó ist nur eine Marionette der USA“, sagt er. „Wenn sie uns helfen wollen, warum heben sie dann die Sanktionen nicht auf? Wir brauchen kein Solidarität, wir brauchen keine Mildtätigkeit. Wir brauchen nur zurück, was uns gehört“, sagt er. Und Ruben Marquez, der ein Buch von Marx mit sich herumträgt, stimmt ihm zu. „Natürlich ist das ein Wirtschaftskrieg“, sagt er. „Aber es ist keine Frage von Sozialismus oder Kapitalismus: Vor allem ist es eine Frage der Souveränität. Wir bestimmen über unsere Entscheidungen und unser Land.“

Die Hälfte der Bevölkerung arm

Als Chávez starb, lebten wieder 48,5 Prozent der Haushalte unterhalb der Armutsgrenze. Und das Erdöl stand immer noch bei 98 Dollar pro Barrel.

Ganz Caracas ist auf den Beinen, in langen Reihen an den Straßenrändern, die Köpfe gesenkt. Auf den Schultern Kanister und Flaschen. Und als der Strom erneut ausfällt, wird alles schwarz, bleiern und still. Aber nur für einen Moment. Dann fängt es an. Es beginnt mit einem blechernen Geräusch, ein fühlbarer Sound, wie eine Schöpfkelle klingt es, wie ein Löffel, der auf Metall geschlagen wird, und dann noch einer und noch einer und alle schlagen plötzlich auf Geländer, auf Eimer, Dosen, Pfannen, was immer sie erreichen können, und die Stimme des Barrios erklingt laut gegen Maduro. Hunger! Hunger! Hunger! Auch wenn der Präsidentenpalast Miraflores weit entfernt ist.

Am nächsten Morgen machen wir uns alle auf die Suche nach Wasser. Ohne Strom laufen die Pumpen nicht. Und Wasser ist nicht im Carnet de la Patria enthalten, der Vaterlandskarte, mit der man jeden Monat von der Regierung eine Box mit Reis, Mehl, Nudeln, ein bisschen Thunfisch bekommt. Wir sind alle auf der Suche nach Leitungen, wo noch etwas herauskommt, nach Bächen, Pfützen, Brüchen in Abwasserrohren, irgendwas.

Guaidó und Maduro rufen schon wieder zu Demonstrationen. Aber wir haben Durst. Wir haben einfach nur Durst.

Zwei Lager, zwei Meinungen

In den letzten fünf Jahren ist das Pro-Kopf-Einkommen in Venezuela um 40 Prozent gesunken. Folgt man Guaidós Analysten, ist der Grund ganz klar: Der Sozialismus ist schuld. Chávez war eine Illusion, sagen sie. Was wir hatten, war nicht Entwicklung, sondern Konsumsteigerung, bezahlt mit Öl. Und damit hat Chávez die Wirtschaft ruiniert. Mit seinen Subventionen, seinen Sozialprogrammen und seinen Verstaatlichungen hat er die Industrie zerstört, einschließlich der Ölindustrie, sagen sie.

Maduros Berater sehen das ganz anders. Für sie ist das alles Schuld des Imperialismus. Mit Chávez hatten wir Wirtschaftswachstum, sagen sie, nicht nur Konsumsteigerung. Die Arbeitslosigkeit war auf einem historischen Tiefstand, die Ölförderung hoch. Und so weiter und so fort. Offizielle Statistiken werden schon lange nicht mehr veröffentlicht. Die letzten sind von 2014. Jeder stellt seine eigenen Zahlen zusammen. Jeder sagt: Entschuldigung, aber das ergibt keinen Sinn.

Und irgendwie stimmt das sogar. Denn wie viel sind letztlich meine 600 Bolívar? Und so sagt jeder, was er will, für oder gegen Chávez. Das Bizarre ist: Es war vor Chávez auch schon so. So ist er überhaupt an die Macht gekommen.

Ende der 1980er sanken die Ölpreise, Präsident Campíns weigerte sich, die Staatsausgaben zu senken. Die Schulden wuchsen, Campíns wertete den Bolívar ab. Am Ende wandte sich die Regierung an den Internationalen Währungsfonds, strich Subventionen, kürzte Sozialprogramme – und löste einen sozialen Aufstand aus. Der dauerte neun Tage, und mehr als 300 Menschen starben.

Das war die Krise, die Chávez letztlich an die Macht brachte.

Das System der festen Wechselkurse kostete während seiner Präsidentschaft 254,7 Milliarden Dollar. Doch die wahren Kosten waren wesentlich höher. Geschäftsleute konnten Dollar für 6,50 Bolívar kaufen und auf dem Schwarzmarkt für 180 Bolívar wieder verkaufen, statt sie für ihre Unternehmen einzusetzen. Ein Gewinn von 2.800 Prozent. Und mehr noch: Sie konnten den Trick unendlich oft wiederholen. Auch für normale Bürger war Spekulation wesentlich ertragreicher als Arbeit. Und wenn der Konsum steigt, ohne dass es ein entsprechendes Wachstum der Produktion gibt, dann steigt auch die Inflation, zusammen mit der Kapitalflucht, die ja gerade gestoppt werde sollte.

Die Macht der Colectivos

Schlussendlich, so formuliert es der Autor und Chronist Willy McKey: In Venezuela ging es nie um gute oder schlechte Regierungen, sondern immer um niedrige oder hohe Ölpreise. McKey kommt aus dem Viertel 23 de Enero, einem der bekanntesten Bezirke von Caracas, einer Hochburg der Colectivos. Es sieht aus wie Bagdad. Man bleibt dort zu Hause, und man schließt die Fenster. Du lebst in Angst.

Im Jahr 2002, nach einem Putschversuch, wurde Chávez klar, dass er seine eigenen Streitkräfte brauchte. Er beauftragte einen seiner Vertrauten, Freddy Bernal, mit der Aufgabe, die Bolivarischen Zirkel zu bewaffnen. Die waren so etwas wie die Lokalsektionen einer kommunistischen Partei. Sie sind rund 4.000 Mann stark, und seit 2006 werden sie vom Staat finanziert. Sie sind mit der Wahrung von Recht und Ordnung betraut. Oder, wie man hier sagt: Sie sind die Herrscher über das Essen. Denn sie, so heißt es, filtern die Importe: Was wird auf das Carnet de la Patria ausgegeben, was geht in normale Geschäfte, und was landet direkt auf dem Schwarzmarkt.

Im Jahr 2016 wurde Freddy Bernal zum Chef der nationalen Lebensmittelversorgung ernannt. Imran Beheeus ist 52, er besitzt eine Bäckerei an der Ecke von meiner Misión Vivienda. Eigentlich müsste, so steht es auf dem Papier, Mehl direkt vor seine Tür geliefert werden. Meistens aber muss er los, um es abzuholen. Zum Viertel 23 de Enero. Und trotzdem ist er ganz fest bei Chávez. Das Problem ist nicht das System, sagt er, das Problem ist die Umsetzung.

„Chávez hat die Produktion einer ganzen Reihe von Waren organisiert, Grundprodukte, sodass wir alle die wesentlichen Dinge zum Leben hätten. Nicht alle den gleichen Reichtum, aber die gleiche Würde. Nur: Das war wie ein zu langes Fließband: Es gab zu viele Chancen für illegales Handeln auf dem Weg. Aber es ist immer noch eine richtige Idee“, sagt er. Innerhalb einer Stunde kommt kein einziger Kunde in seine Bäckerei. „Heute redet jeder über Chávez“, führt Beheeus fort. „Okay, der Staat funktioniert heute nicht. Aber wenn du früher keinen Strom hattest, konntest du dich nicht beschweren, weil die Regierung dich ja nie ans Stromnetz angeschlossen hatte. Du warst nie Teil irgendeines Stadtentwicklungsplans. Denn vor Chávez war das hier das Land der gut Betuchten. Nur der weißen gut betuchten,“ sagt er.

Stacheldraht statt sozialer Durchmischung

„Jetzt hingegen habe wir Rechte. Und der Staat hat Pflichten. Und wer sagt, dass heute die Armutsquote genauso ist, hat keine Vorstellung, was Armut ist. Denn heute sind wir arm in einem Haus – gestern waren wir arm auf der Straße.“

Tatsächlich: Wenn ich mich in einem der reichen Viertel von Caracas bewege und ich sage, dass ich in einer Misión Vivienda lebe, werde ich angesehen, als sei ich verrückt geworden. Die Leute dort haben niemals eine Misión Vivienda betreten. Wenn ich sie frage, wie Venezuela vor Chávez war, sagen sie: „Wundervoll.“ Selbst wenn sie in stacheldrahtbewehrten Gebäudekomplexen mit elektrischen Zäunen wohnen. Im Caracas der Armen sagen sie über diese Viertel: Kenne ich nicht, da war ich noch nie.

Unter Chávez wurden 7.873 neue Gesundheitszentren gebaut. Nicht mehr 3, sondern 17 Millionen Venezolaner hatten Zugang zu medizinischer Versorgung. Nicht mehr 387.000, sondern zwei Millionen Menschen bekamen Rente. Sind das reale Zahlen? Gefälschte Zahlen? Vielleicht ist das am Ende egal. Denn wenn man Chavisten fragt, was Chávez für sie bedeutet hat, redet kein Mensch über Wohnungen, Schulen, Krankenhäuser, materielle Vorteile.

„Als wir hierherzogen, waren die Einwohner der umliegenden Häuser dagegen“, sagt Jolanda Noriega, 41, aus dem dritten Stock, als wir unser Abendessen teilen, einen Apfel. „Sie sagten, dass der Immobilienwert ihrer Grundstücke durch unser Haus sinkt. Sie waren feindselig, und genau genommen sind sie das noch immer.“

„Aber das war Chávez: nicht nur ein Haus, sondern ein Haus in Downtown Caracas. Denn auch wenn du arm bist: Du zählst. Du zählst genauso viel wie jeder andere.“

„Ich war unsichtbar“, sagt sie. „Jetzt existiere ich.“

Der Strom fällt wieder aus. Und wieder wird alles schwarz.

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