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Alltag der ArmutEins mehr im Einkaufswagen

Wie die Berliner Tafel mit ihrer Osteraktion zusätzliche Spenden sammelt – und warum das Engagement der Ehrenamtlichen dringender ist denn je.

Werbung für eine gute Sache mit Charme: Anne, Uschi und Marianne (v. l. n. r.) Foto: plu

Die Rolltreppe führt direkt in den Neuköllner Supermarkt im Souterrain. Dort haben sich Anne, Uschi und Marianne neben zwei großen Einkaufswagen postiert. Für die Berliner Tafel sammeln sie Nahrungsmittel für Armutsbetroffene, an ihrer roten Bekleidung sind die Frauen als ehrenamtliche Helferinnen zu erkennen. Später am Nachmittag stößt noch Carmen dazu.

Noch bis zum 4. April 2026 dauert die Osteraktion der Berliner Tafel, an der sich 15 Filialen von Edeka, Rewe und Kaufland beteiligen. „Eins mehr!“ lautet das Motto: Kundinnen und Kunden sollen beim Einkauf ein Produkt zusätzlich erwerben und es hinter der Kasse den Ehrenamtlichen übergeben.

Reis, Haferflocken und Büchsen mit Eintopf stapeln sich schon in den Einkaufswägen. Anne, mit 33 Jahren die Jüngste der Ehrenamtlichen, wirft ihren ganzen Charme in die Waagschale. „Wenn Sie vielleicht eine Packung mehr kaufen würden?“, flötet sie, wenn Kunden die Rolltreppe runtergleiten. Es ist schwer, da zu widerstehen. „Was soll ich denn kaufen?“, fragt ein junger Mann mit Rastalocken und lacht. Ein alter Mann liefert einen Karton H-Milch ab, eine junge Frau legt eine Schachtel Tampons dazu, eine ältere Spagetti und Tomatenmark. „Kommt von Herzen“, sagt sie. „Gerade war Zuckerfest. Wir haben viel gegessen und gefeiert, auch die anderen sollen was haben.“

In ihrem normalen Berufsleben serviert Anne im KaDeWe Hummern und Austern

In ihrem normalen Berufsleben serviert Anne Gästen in der Lebensmittelabteilung des KaDeWe Hummern und Austern. Seit eineinhalb Jahren engagiert sie sich an ihren freien Donnerstagen bei der Tafel. Ein riesiger Kontrast sei das zum KaDeWe, sagt sie. „So behalte ich Bodenhaftung.“

Die Karl-Marx-Straße 101, wo sich die Edeka-Filiale befindet, ist keine Reiche-Leute-Gegend. Aber viele Neuköllner spenden. „Leute, die selbst arm sind, geben eher und mehr als solche mit Geld“, sagt eine Verkäuferin. Auch im Urlaub erlebe sie das, aber das sei ihre private Meinung.

Nicht nur Ostern, auch zu Erntedank und Weihnachten gibt es die Aktion „Eins mehr!“. So kämen noch mal ein paar extra Tonnen Lebensmittelspenden zusammen, erzählt Antje Trölsch, Geschäftsführerin der Berliner Tafel, bei einem Telefonat. Zusätzlich zu dem Kontingent von 660 Tonnen Nahrungsmitteln, die die Berliner Tafel ohnehin jeden Monat an armutsbetroffene Menschen verteilt.

660 Tonnen im Monat ist eine gigantische Menge. Die Berliner Tafel leiste „eine enorm wichtige Arbeit in unserer Stadt“, bestätigt Sozialsenatorin Cansel Kiziltepe (SPD) gegenüber der taz. „Immer mehr Menschen werden dort mit den nötigsten Lebensmitteln versorgt, weil das Geld nicht reicht.“

33 Jahre alt ist die Organisation inzwischen, die aus einer kleinen Initiative um die Tafel-Vorstandsvorsitzende Sabine Werth hervorgegangen ist. Zusammen mit einer Frauengruppe hatte Werth 1993 übrig gebliebenes Essen in Restaurants und Hotels eingesammelt und mit dem eigenen Pkw zu Obdachloseneinrichtungen gebracht. Die Gruppe wurde von dem Gedanken geleitet, etwas gegen die große Lebensmittelverschwendung zu tun und armutsbetroffenen Menschen zu helfen, mit gerettetem Obst und Gemüse besser über die Runden zu kommen.

Bis heute ist das das Credo der Tafel. Einst wie jetzt wird sie von Ehrenamtlichen getragen. Auch wenn die Organisation längst die Größe eines mittelständischen Unternehmens erreicht hat und bundesweit inzwischen 1.000 eigenständige Tafeln existieren, gibt es nur wenige bezahlte Beschäftigte. „Wir sind eine der größten Sozialbewegungen in Deutschland geworden“, sagt Trölsch.

In Berlin betreibt die Tafel 48 Ausgabestellen, die „Laib und Seele“ heißen und an Kirchengemeinden angedockt sind. 70.000 Portionen werden dort pro Monat an bedürftige Haushalte verteilt. Unabhängig davon beliefert die Tafel 400 soziale Einrichtungen, vom Frauenhaus über die Obdachlosenunterkunft bis zum Geflüchtetenheim. Von den zu Mahlzeiten verarbeiteten Spenden werden in Unterkünften und Suppenküchen derzeit rund 94.000 Gäste verköstigt.

Ist doch viel besser, als das Gemüse in die Tonne zu kloppen

Eine Verkäuferin

Rund 1.000 Berliner Supermärkte, Großbäckereien und Messen wie die Grüne Woche und Fruit Logistica stellen der Tafel abgelaufene, aber noch gut verzehrbare Waren zur Verfügung. „Ist doch viel besser, als es in die Tonne zu kloppen“, bringt es eine Verkäuferin bei Edeka auf den Punkt. „Gerade jetzt, wo alles viel teurer wird.“

Die Tafel betreibt ein Logistikzentrum und einen Fuhrpark mit 25 Kleintransportern. Seit Einführung der KI orderten die Märkte ihr Obst und Gemüse bedarfsgerechter als früher, hat Trölsch festgestellt. Trotzdem gebe es weiterhin einen großen Lebensmittelüberfluss. Ausgemusterte Frisch- und Trockenware, Molkereiprodukte und Brot werden abends in den Läden abgeholt, im Logistikzentrum und den „Laib und Seele“-Ausgabestellen sortiert, in Tüten und Kisten verpackt und an die Menschen verteilt. Gestemmt wird das alles von Tausenden von Ehrenamtlichen in ihrer Freizeit, viele sind bereits im Ruhestand.

„Ohne die Ehrenamtlichen wären wir nicht arbeitsfähig“, sagt Trölsch. „Wir sind immer froh über neue, die dazukommen, weil der Bedarf so groß ist.“ Für Berufstätige gibt es seit Kurzem auch After-Work-Schichten.

Aber auch die niedrigschwellige Aktion „Eins mehr!“ sei eine gute Möglichkeit, sich zu engagieren, findet Trölsch. Denn: So gelangten auch attraktive Lebensmittel wie Kaffee und Schokolade, sonst eher selten im ausgemusterten Sortiment der Supermärkte zu finden, zur Tafel. Im „Normalbetrieb“ kämen allenfalls nach den Feiertagen ein paar Restbestände von Osterhasen und Weihnachtsmännern zu den Ausgabestellen. „Nun können wir den Kindern auch mal direkt zum Fest eine Freude machen.“

Uschi, die an diesem Tag für die Osteraktion wirbt, war früher unter anderem Arbeiterin im Kabelwerk Oberspree, später hatte sie einen eigenen kleinen Obst-und-Gemüse-Laden, seit 14 Jahren engagiert sich die 76-Jährige in der „Laib und Seele“-Ausgabestelle in der Neuköllner Magdalenenkirche. Auch Anne und Marianne sind dort aktiv.

Warum sie das macht? „Der Leidensdruck armer Menschen wäre ohne die Tafel deutlich größer.“ Uschi erzählt die Geschichte von alten Leuten, die bei der Lebensmittelausgabe sagen: „Bitte keine Möhren und Kartoffeln.“ Sie hätten kaum noch Zähne, könnten das Gemüse nicht weich kochen. „Der Strom in ihrer Wohnung ist abgestellt, weil sie die Rechnung nicht bezahlen können“, sagt Uschi.

Und trotzdem ist die Tafel immer wieder Anfeindungen und Kritik ausgesetzt. „Uns wird vorgeworfen, dass wir den Staat aus seiner Verantwortung entließen“, sagt Trölsch. „Das sehen wir anders. Wir unterstützen Armutsbetroffene, versorgen sie aber nicht.“ Die Tafel mache immer wieder darauf aufmerksam, dass die Versorgung die Pflicht des Staates sei.

Seit Corona, dem Beginn des Ukrainekriegs und zunehmender Inflation habe sich Zahl der Menschen in den Ausgabestellen fast verdoppelt, sagt Trölsch. Sozialsenatorin Kiziltepe bezeichnet die langen Schlangen vor den Ausgabestellen der Tafeln gegenüber der taz als Warnsignal an die Bundesregierung. „Wir brauchen armutsfeste Renten, Jobs ohne Dumpinglöhne und eine staatliche Grundversorgung, die Einrichtungen wie die Berliner Tafel überflüssig macht.“ Doch davon, stellt Kizeltepe mit Blick auf die neue Grundsicherung fest, „sind wir meilenweit entfernt“.

Sechs Einkaufswagen, bis oben gefüllt mit Lebensmittelspenden, stehen am Abend im Depot des Supermarkts in der Karl-Marx-Straße. Auch Osterhasen sind dabei.

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2 Kommentare

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  • Mein Sohn hat letztes Jahr eine Weile bei der lokalen Tafel ausgeholfen. Die Zustände haben ihn ziemlich desillusioniert. Wie viel da schon "verschwunden" ist, bevor auch nur ein Bedürftiger etwas davon gesehen hat. Selbstbedienung am laufenden Band.

    • @Wirrwicht:

      Und daraus schliessen sie, das die Tafeln bundesweit ein Selbstbedienungsladen für Ehrenamtliche sind ? Eine Argumentation, wie ich sie nur von gaaanz rechts kenne.