Allergien gegen Duftstoffe: Flüchtige Gefahr

Duftstoffe sind Chemikalien und werden gesetzlich geregelt. Man bekommt sie damit aber nicht so recht zu packen. Für Allergiker ist das ein Problem.

Eine Hummel auf Lavendelblüten

Laut DVRH gibt es rund 3.000 duftende Chemikalien Foto: ap

Duftstoff-Allergikerin war Marilyn Monroe wohl nicht. Ins Bett ging sie, so geht die selbstgestrickte Legende, mit ein paar Tropfen Isoeugenol auf der Haut, vermischt mit, vielleicht, etwas Zimtaldehyd, Kumarin und ein paar Dutzend anderen Chemikalien. Was genau drin war und ist in Chanel Nº 5, das weiß man nicht, Betriebsgeheimnis. Doch egal, was da so gut riecht, es sind „flüchtige Moleküle, die aus den Elementen Kohlenstoff, Wasserstoff oder Sauerstoff, manchmal auch Stickstoff oder Schwefel zusammengesetzt sind“, so der Deutsche Verband der Riechstoff-Hersteller (DVRH) auf seiner Website.

Neben den natürlichen Duftstoffen wie Kumarin (kommt u. a. in Lavendel, Waldmeister und Tonkabohnen vor) gibt es laut DVRH rund 3.000 duftende Chemikalien, die synthetisch hergestellt werden, Sie werden genutzt, um Eaux de Toilette und Eaux de Parfum, aber auch Shampoos, Duschgels, Hautcremes, Zahnpasta, Putzmittel, Raumdüfte oder Klosteine herzustellen, denen man ihre Lösungsmittel, Farbstoffe, Tenside oder Konservierungsstoffe nicht anriechen soll.

Bei normaler Umgebungstemperatur verdampfen die verwendeten Chemikalien eines Parfums. Je nach Duft lässt das einige begeistert schnuppern, andere wenden die Nase ab. Für 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung Europas aber sind die ausgesendeten Duftsignale ein echtes Problem, sie leiden an Allergien oder Unverträglichkeiten gegenüber einzelnen Bestandteilen.

Ist der Körper allergisch auf eine Chemikalie, bekämpft er sie und reagiert mit Entzündungen, Pusteln oder Juckreiz. Unverträglichkeiten hingegen laufen ohne Beteiligung des Immunsystems ab und können sich durch Kopfschmerzen, Kreislaufprobleme oder Husten zeigen. „Das ist schwer zu verorten, verschiedene Organe können betroffen sein“, sagt Silvia Pleschka vom Deutschen Allergie- und Asthmabund (DAAB). Es gebe dazu noch keine richtige Diagnostik, „man weiß nicht genau, was da im Körper passiert“.

Unter dem Radar

Beim DAAB meldeten sich immer mehr Menschen, die unter solchen Unverträglichkeiten litten. Kein Wunder, meint Pleschka, schließlich würde die Bevölkerung auch immer mehr Düften ausgesetzt. „Wir wandeln ja praktisch den ganzen Tag durch eine Duftwolke“, sagt die Chemikerin. Ein frisch geduschter, eingecremter, rasierter Mensch mit gewaschener Kleidung verströme zahllose Gerüche, zusätzlich würden Supermärkte und andere Innenräume mit Publikumsverkehr beduftet, Je öfter und intensiver aber ein Mensch Riechstoffen ausgesetzt sei, desto größer sei auch die Wahrscheinlichkeit, dass er eine Allergie oder Unverträglichkeit entwickele.

Deshalb sind die köstlich riechenden Chemikalien auch einem ganzen Stapel von Gesetzen und Vorschriften unterworfen. Auf globaler, europäischer und deutscher Ebene ist ihre Verwendung geregelt, je nach Anwendung in der Kosmetik- und der Detergenzienverordnung, der Spielzeug- und Produktionssicherheits- oder der europäischen Chemikalienrichtlinie Reach.

Reach verfährt nach dem Motto „Keine Daten, kein Markt“. Die Hersteller müssen umfangreiche Dos­siers bei der Europäischen Chemikalienbehörde Echa einreichen und in ihnen die Unbedenklichkeit ihrer Stoffe nachweisen. So sollen für Mensch oder Umwelt schädliche Stoffe herausgefiltert und am Ende eines langen Prozesses vom Markt genommen werden. Eigentlich. In der Praxis funktioniert das nur in Ansätzen, denn richtig streng ist Reach, bis auf wenige Ausnahmen, nur gegenüber Chemikalien, die in großen Mengen – mehr als eine Tonne Jahresproduktion pro Hersteller – produziert werden. Je weniger hergestellt wird, desto weniger interessieren sich die Behörden für einen Stoff.

Duftstoffe werden allerdings naturgemäß in recht kleinen Mengen verwendet. In der Folge laufen die allermeisten Düfte unter dem Radar der Behörden; 750 der 3.000 verwendeten Chemikalien sind immerhin registriert, allerdings mussten die Hersteller für diesen Vorgang nur wenige und oberflächliche Informationen liefern. Umfangreiche Dossiers wurden nur für 30 Duftstoffe eingereicht.

Für 26 Düfte, die als besonders al­ler­gieauslösend bekannt sind, schreibt die EU-Kosmetikrichtlinie Verbraucher­informationen vor. Diese Stoffe müssen auf Kosmetikprodukten angegeben werden, wenn sie eine bestimmte Konzentration überschreiten. Dazu gehören unter anderem Citral, Farnesol und Linalool.

Und die werden reichlich benutzt: Wer sich den Spaß macht und mit einer der zahlreichen erhältlichen Apps – die etwa ToxFox, Cosmile oder CodeCheck heißen – die Packung eines Parfums scannt, findet bei fast allen gängigen Markenprodukten die halbe Liste bedenklicher Stoffe. Um die „verführerische Raffinesse mit holzig-frischer Männlichkeit“ oder „die Wärme und Sinnlichkeit der Mittelmeerküste“ geruchlich darzustellen, sind eine Menge Moleküle nötig.

Dabei ist unklar, ob auf den Packungen wenigstens die halbe Wahrheit steht. „Oft bleiben die Hersteller von Kosmetik-Erzeugnissen unterhalb der deklarationspflichtigen Konzentration oder ersetzen diese Substanzen durch andere, die sie nicht ausweisen müssen, die aber möglicherweise ebenfalls Allergien auslösen können“, schreibt das Umweltbundesamt (UBA) auf seiner Informationswebsite über Duftstoffe.

In seinem „Human Biomonitoring“ sammelt das UBA regelmäßig Daten darüber, welche Schadstoffe sich in der Bevölkerung finden. Untersucht werden Urin, Blut, Speichel von Einzelpersonen oder von ganzen Gruppen. Regelmäßig findet sich dabei der häufig verwendete Duftstoff Lysmeral, nicht nur in fast allen Erwachsenen, sondern auch in Kindern. Auf Kosmetika wird Lysmeral als „Butylphenyl Methylpropional“ angegeben.

Lysmeral kann Allergien auslösen und „steht im Verdacht, endokrin wirksam zu sein sowie die Fortpflanzung zu schädigen“, sagt Aline Murawski vom Fachgebiet Toxikologie und Gesundheitsbezogene Umweltbeobachtung des UBA. „Endokrin wirksam“ bedeutet, dass der Stoff in den Hormonhaushalt eingreifen kann. Seit Jahren bemühen sich Ärzte und Verbraucherschützer darum, dass die Bevölkerung in Europa wirksamer gegen endokrin wirksame Stoffe geschützt wird. Beteiligte beschreiben den Prozess als äußerst mühsam, Lysmeral immerhin wird zum Frühjahr 2022 in Kosmetika verboten.

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Für Murawski ist besonders bedenklich, dass die meisten Duftstoffe aufgrund der geringen Mengen, in denen sie eingesetzt werden, nicht beachtet werden. Das erscheint vor allem deswegen wenig sinnvoll, weil „für Stoffe mit allergieauslösendem Potenzial kein gesundheitlicher Beurteilungswert festgelegt werden kann“, sagt sie. Das heißt, es lässt sich nicht vorhersagen, ob eine bestimmte Chemikalie erst dann eine Allergie auslöst, wenn sie in einer bestimmten Menge auf eine Person trifft.

Dies gilt auch für die Wirkstoffe, die zu Unverträglichkeiten führen. „Das heißt, wir können derzeit nicht einordnen, ob die in unseren Untersuchungen gefundenen Konzentrationen von Lysmeral-Abbauprodukten im Urin der Kinder und Jugendlichen problematisch sind“, sagt Murawski. Sie verweist auf die Deklarationspflicht: Ver­brau­che­r:in­nen könnten sich ja vergleichsweise einfach vor dem Stoff schützen, da er auf Packungen angegeben wird. Angesichts der langen englischen Namen auf den Listen der Inhaltsstoffe, die hübsch filigran und praktisch unlesbar gedruckt sind, heißt das: Wenn Ver­brau­che­r:in­nen sich vor möglicherweise schädlichen Inhaltsstoffen schützen will, geht der Parfumkauf praktisch nur mit einer App.

Duftstoffe sollten bewusst eingesetzt und wahrgenommen werden, findet Silvia Pleschka vom Allergikerbund. Dabei gehe es auch darum, Rücksicht auf sensible und sensibilisierte Mitmenschen zu nehmen. Pleschka schlägt vor, wöchentlich einmal einen duftfreien Tag einzulegen, ganz ohne Parfums: „Dann bleibt die Nase sensibel und man ist davor geschützt, sich zu stark zu parfümieren.“

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