Alina Levshin im neuen „Tatort“: Keine halben Sachen
Als Sidekick im berufsjugendlichen Erfurter MDR-„Tatort“ „Kalter Engel“ ist Film- und Fernsehpreisträgerin Alina Levshin eindeutig unterfordert.
![](https://taz.de/picture/137754/14/alina-levshin-im-tatort.jpg)
Der ganze Wahnsinn ist noch weit weg, als Alina Levshin ein Praktikum bei einer Filmproduktion macht. Die Abiturientin will auf die Schauspielschule, aber da man sie dort noch nicht nimmt, überbrückt sie den Leerlauf wie so viele Altersgenossen. „Ich durfte sogar zwei Drehbücher lektorieren“, erinnert sie sich. Die Kollegen hätten sich wohl einen Spaß mit ihr erlaubt, sagt sie, „aber ich habe die Aufgabe total ernst genommen.“
So ist Alina Levshin: keine halben Sachen. Mit der Strebsamkeit migrantischer Aufsteiger nimmt sie Herausforderungen an. Es hat sie weit gebracht. Dabei ist sie noch keine 30.
Levshin, 1984 im ukrainischen Odessa geboren und mit sechs nach Berlin gezogen, war noch auf der Schauspielschule, als Dominik Graf sie für seine Polizeiserie „Im Angesicht des Verbrechens“ besetzte. Für ihre Darstellung der ukrainischen Zwangsprostituierten Jelena wurde sie 2010 mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet, für die der ostdeutschen Nazibraut Marisa in „Kriegerin“ 2012 mit dem Deutschen Filmpreis.
Von Sonntag an ist Levshin trotzdem wieder Praktikantin. Im neuen Erfurter „Tatort“ spielt sie neben Friedrich Mücke und Benjamin Kramme einmal im Jahr die angehende Staatsanwältin Johanna Grewel, die bei der Kripo hospitiert. „Mir ist bewusst, dass der ’Tatort‘ eine große Sache ist“, sagt sie, „aber deswegen habe ich nicht zugesagt, sondern weil mir das Konzept gefiel, ich meine Rolle mag und meine Kollegen.“ Der „Tatort“ sei für sie „ein nächster Schritt“, keine Lebensaufgabe. „Auf keinen Fall gehe ich jetzt für andere Projekte in Rente. Das würde ich nicht wollen, und das könnte ich mir finanziell auch gar nicht leisten.“
„Geiler Arsch“
„Bahn frei für das jüngste ’Tatort‘-Team“, wirbt der MDR für den ersten Film, „Kalter Engel“. Und genau diese anbiedernde Berufsjugendlichkeit, das ausgestellt Dreitagebärtige, ist das Problem des vom Mittfünfziger Tom Bohn geschriebenen und inszenierten Falls. Die Kommissare schlafen im Büro, ernähren sich von Energydrinks und attestieren ihrer Praktikantin „’nen geilen Arsch“ – eine Wahrnehmung, die einiges über die MDR-Verantwortlichen aussagt, aber wenig über die umworbene Zielgruppe.
„Bei Filmen ist alles das Produkt von Entscheidungen“, sagt Levshin dazu, „als Schauspieler werden wir mit dem Ergebnis identifiziert, haben aber auf viele Entscheidungen gar keinen Einfluss.“ Sehr höflich und professionell stellt sie ihr Gegenüber zufrieden, ohne es sich mit dem „Tatort“-Team zu verscherzen.
Kleinste Emotionen
Als Eindringling in die Buddywelt ihrer Kommissarskollegen bleibt Levshins Figur im ersten Film nur die Rolle des Sidekicks. Doch weil sie gar nicht viel machen muss, um viel zu zeigen, ist ihre Johanna Grewel – nerdig, aber nicht graumäusig, ehrgeizig, aber nicht forsch – die interessanteste Figur. „In ihrem Gesicht kann sich die kleinste Emotion spiegeln“, lobte Dominik Graf sie. Verunsicherung, Wut, Überforderung – Levshin verleiht diesem stillen Wasser Tiefe. „Ich bin sehr gespannt auf das zweite Buch“, sagt sie, „weil so vieles möglich ist.“ Ein Hauch Besorgnis ist wohl schon dabei.
Dabei ist Levshin ein grundpositiver Mensch. „Angst ist gefährlich“, sagt sie. „Angst lähmt.“ Weder fürchtet sie die Unsicherheit ihres Berufs noch die Einsortierung in eine Schublade. Sieht sie darin einen Zusammenhang mit der Übersiedelung ihrer Familie nach Deutschland? „Gut möglich, dass sich der Mut meiner Eltern auf mich übertragen hat“, sagt sie. „Sie haben mir immer das Gefühl vermittelt, dass ich alles schaffen kann.“ Levshins junge Karriere ist ein schöner Beleg für die Macht der inneren Einstellung: Der Russin vom Dienst ist sie jedenfalls längst entwachsen.
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