Alem Grabovac im Stichwort-Interview: „Ich habe ein Talent für Heimat“

„Das achte Kind“ ist Alem Grabovacs erster Roman. Ein Austausch über verschiedene Väter, das ehemalige Jugoslawien, Ajvar und Maradona.

Ein Mann in grauem Anzug sitzt in einem Park vor winterlich-kahlen Bäumen

Vermisst im Lockdown die Kaffeehausfreundschaften: Alem Grabovac in Berlin Foto: Anja Weber

Seit vielen Jahren führt Alem Grabovac für die taz am Wochenende Stichwort-Interviews mit SchriftstellerInnen, unter anderem mit Wolf Wondratscheck, Péter Esterházy und Terézia Mora. Jetzt, wo sein sehr persönlicher erster Roman erschienen ist, ist er selber an der Reihe.

Gastarbeiter

Jetzt heißen wir „Menschen mit Migrationshintergrund“.

Schwaben

Heimat. Es gibt ein Lied von einer schwäbischen Rockband. Das geht so: „Oinr isch emmer dr Arsch, ond er woiß nid mol warom. Oiner bleibt emmer übrig ond koiner schert sich drom.“

Frankfurt am Main

Zweite Heimat. Wir haben damals in der Hanauer Landstraße gewohnt. Erdgeschoss. Hinterhof. Das Leben dort war hart und schmutzig.

Prenzlauer Berg

Dritte Heimat. Ich sitze jede Nacht mit einer Bierflasche in der Kastanienallee vor einem geschlossenen Friseurladen. Links neben dem Eingang hängt ein Schild mit der Aufschrift „Notaufnahme: Termine nach Vereinbarung“.

Heimat

Vierte Heimat: Das Bergdorf meiner Großeltern im kroatischen Hinterland. Ich scheine ein Talent für Heimat zu haben.

Erste im Leben gerauchte Zigarette

Im Raucherabteil mit Martina zwischen Horb am Neckar und Böblingen. Sie rauchte bereits, ich war 16 und verknallt in sie.

Alkohol

Eiserne Regel: Immer erst ab 20 Uhr. Ich bin Steinbock und wir Steinböcke lieben eiserne Regeln.

Gefängnis

Mein leiblicher Vater Emir war ein Dieb und Kleinkrimineller. Er saß drei Jahre in Goli Otok, im wahrscheinlich brutalsten Gefängnis des ehemaligen Jugoslawiens.

Der Schriftsteller

Geboren 1974, Mutter Kroatin, Vater Bosnier. Er wächst in einer strengen deutschen Pflegefamilie mit sieben weiteren Kindern auf, alle zwei Wochen besucht er seine Mutter und ihren neuen Freund. Später studiert er Soziologie, Politologie und Psychologie und lebt heute als freier Autor mit seiner Familie in Berlin.

Das Buch

In „Das achte Kind“ (Hanser, 22 Euro) verarbeitet Alem Grabovac seine Biografie in Romanform. Es geht um Bauern, Diebe, Fabrikarbeiterinnen, Tito, Nationalsozialisten, drei Väter, zwei Familien und das ganze schräge Inventar aus dem kurzen 20. Jahrhundert.

Tito

In seiner schicken weißen Uniform: Das Porträt von ihm hing in meiner Kindheit und Jugend überall, in jedem Geschäft und jedem Restaurant. Und dann hing es plötzlich nirgendwo mehr.

Zugfahren

Im Sommer im Schlafwagenabteil von Frankfurt nach Split. Der Fahrtwind, das Rattern der Räder, die Umrisse der Alpen im Mondschein und dann die blau schimmernde Adria.

Jesenice

An der Grenze zum ehemaligen Jugo­slawien legten wir immer einen 50-DM-Schein in unseren Pass, damit die Koffer, die mit Schokolade, Parfum, Kaffee und weiß der Teufel was noch gefüllt waren, nicht von den sozialistischen Grenzbeamten kontrolliert wurden.

Realität

Ein sehr fragiles Konstrukt, das immer auch Fiktion ist.

Fiktion

Die Essenz von Realität.

Glück

Der mit Abstand glücklichste Moment meines Lebens war, als ich zum ersten Mal meinen Sohn in den Armen hielt.

Franz Kafka

Mit ihm begann meine Liebe zur Literatur.

Peter Handke

Als politischer Mensch, als ständiger Begleiter der Konflikte im ehemaligen Jugoslawien, war und ist Handke ein Arschloch. Es gab eine Zeit, in der ich seine Bücher geliebt habe. Man sollte aufpassen, in wen man sich so verliebt.

Frauen

Waren in meiner Kindheit zumeist die Heldinnen.

Über Männer:

„Sollten weniger rumjammern und mehr Margarete Stokowski lesen“

Männer

Sollten weniger rumjammern und mehr Margarete Stokowski lesen.

Gewalt gegen Kinder

Ich wurde als Kind vom Freund meiner Mutter mit dem Gürtel verprügelt. Niemals würde ich die Hand gegen meinen Sohn erheben.

Biene Maja

Habe ich früher immer auf unserem Betamax-Recorder angeschaut. Ganz besonders habe ich den begriffsstutzigen Willi und das Anfangslied geliebt. Habe die Kassette immer zurück gespult und dann mit Karel Gott gesungen: „In einem unbekannten Land, vor gar nicht allzu langer Zeit …“

Dalli Dalli

Als Hans Rosenthal in die Luft sprang und sein „Sie sind der Meinung, das war spitze“ ins Publikum rief, sagte mein deutscher Pflegevater: „Für einen Juden eigentlich ganz witzig.“

Fußball

Ich muss mit einem Ball am Fuß zur Welt gekommen sein. Ich liebe Fußball und hätte beinahe einmal für die Stuttgarter Kickers gespielt.

Lieblingspanzer

Mein deutscher Pflegevater hat in einer Panzerdivision im Russlandfeldzug gekämpft. Als Kind war ich vernarrt in Panzer und habe sie sogar in die Poesiealben der Mädchen gemalt. Inzwischen ist meine Liebe zu Panzern erloschen.

Mittelschicht

Gab es früher einmal. Jetzt sind wir individualisiert alle gleich.

Familie

Ich bin in einer deutschen Familie, die sieben eigene Kinder hatte, als ihr achtes Kind aufgewachsen.

Helmut Kohl

Für mich wird er niemals der Kanzler der Einheit sein. Er verkörperte ein konservatives Land, das seine Migrationsgeschichte weder anerkannt noch akzeptiert hat.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Deutschland

In kulinarischer Hinsicht inzwischen vollkommen globalisiert. Niemand wird es Ihnen verübeln, falls Sie Sauerkraut, Kutteln, Eisbein, Harzer Käse, Rollmöpse, Blutwurst oder Saumagen nicht zu Ihren Leibspeisen zählen.

Abendbrot

Ich bin der Koch in der Familie.

Ajvar

Schmeckt tausendmal besser als Ketchup.

London, Brick Lane

Eine Straße im East End, in der ich in einer Studenten-WG mit einer Japanerin, einem Inder und einer Finnin zusammengelebt habe. Wenn wir von einer durchtanzten Nacht nach Hause kamen, haben wir uns beim jüdischen Bäcker um die Ecke einen Bagel mit Cream Cheese geholt.

Belgrad

Dort liegt das Grab meines leiblichen Vaters.

Väter

Ich hatte drei: The Good, the Bad and the Ugly. Fragt sich nur, wer der Gute gewesen sein soll.

Nazis

Mein deutscher Pflegevater war ein Wehrmachtssoldat, der die Juden gehasst und den Holocaust verleugnet hat. Für ihn war, wie für so viele andere Deutsche, der 8. Mai 1945 ganz bestimmt kein Tag der Befreiung. Das schmerzt mich bis heute.

AfD

Vogelschisspartei.

Frauenfußball

Ist mitunter schöner anzusehen als der Quark, den die Männer auf dem Rasen fabrizieren.

Adria

Wird immer das Meer bleiben, in dem ich das Schwimmen gelernt habe.

Mütter

Ich hatte zwei, Marianne und Smilja, die nicht unterschiedlicher hätten sein können.

Identitätspolitik

Ich habe den Eindruck, dass die Linken das Wort „Nation“ lediglich durch das Wort „Identität“ ersetzt haben. Was als Befreiungsbewegung begann, hat sich mitunter in eine Identitätstyrannei verwandelt.

Instagram

Vor ein paar Wochen wollte ich mich zum ersten Mal bei Twitter anmelden. Habe das auch getan. Dann war ich drin und habe gemerkt, dass ich aus Versehen einen Instagram-Account angelegt hatte. Na ja, jetzt bin ich eben bei Twitter und Instagram.

Kaffeehausfreundschaften

Vermisse ich gerade sehr.

Lockdown

Ich wünschte, dass ich ihn wie eine Fee im Märchen einfach wegzaubern könnte.

Masken

Fördern definitiv den Flirt mit den Augen.

Jim Knopf

Das N-Wort ist Teil einer verstaubten Geschichte, das in Kinderbüchern nichts zu suchen hat.

Angela Merkel

Ich werde sie vermissen.

Über Maradona:

„Maradona war der Freifantasierer, war der Magier, war derjenige, der mü­helos das Zauberwort traf. Maradona war der Ball, und der Ball war Maradona“

Diego Maradona

Maradona war der Freifantasierer, war der Magier, war derjenige, der mü­helos das Zauberwort traf. Maradona war der Ball, und der Ball war Maradona.

Turnschuhe

Müssen immer schwarz sein.

Sex

Macht mir immernoch riesengroßen Spaß.

Arbeitszeit

9–12.30 Uhr. Mittagspause. 14–17 Uhr. Selbstauferlegt. Die Poesie der Wiederholung.

Apokalypse

Lebbe geht weider, wie der große Fußballphilosoph Dragoslav „Stepi“ Stepanović einmal gesagt hat.

Schönster Satz (in der Literatur)

„Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen“, der erste Satz aus Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“.

Die Möglichkeit einer zweiten Chance

Inzwischen mag ich den Mann, der mich früher als Kind verprügelt hat, in gewisser Weise ganz gerne. Es gibt fast immer eine zweite Chance.

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