Album „30“ von Popstar Adele: Mit ganz großem Orchester

Streicher und Herzschmerz dominieren Adeles neues Album „30“. Die Songtexte können es mit der Komplexität ihrer Musik nicht aufnehmen.

Porträt von Adele

Königin des Vinyl und der Herz-Schmerz-Balladen: die britische Sängerin Adele Foto: Simon Emmett/Columbia Records/dpa

Adele ist schuld. Adele trägt den Untergang der Musikindustrie auf ihren hübschen Schultern. Zuerst hat sie die Vinylkrise herbeigesungen: Anfang November berichtete Variety, die Sängerin habe 500.000 Einheiten ihres neuen, dritten Albums „30“ vorbestellt und damit die Produktion der Presswerke für Vinyl lahmgelegt.

Denn Vinyl ist rar, seit es weltweit nur noch zwei Fabriken gibt, die Rohlinge für Presswerke herstellen. Sogar Ed Sheeran hatte bereits öffentlich gemault: Die Konkurrentin habe die Fabriken „ausgebucht“.

Zum zweiten ist „30“, der Albtraum der zitternden Rival:innen, jetzt endlich veröffentlicht. Und zwar mit – fast im wahrsten Wortsinn – Pauken und Trompeten.

Denn vor allem die Ins­tru­men­tierung auf „30“ ist der Grund, die 33-jährige Britin Adele Laurie Blue Adkins als eine der zeitgemäßen Sängerinnen wahrzunehmen oder sie zumindest so zu lobpreisen.

Sound, der sich dem Soul der Motown-Ära annähert

In der Mainstream-Popwelt hat man lange keinen Sound gehört, der sich ernsthafter den großen, zum Heulen schönen Großraum-Soul-Produktionen der Motown-Ära annähert, an „Ain’t No Mountain High Enough“ in der Version von Marvin Gaye und Tammi Terrell, an Arrangements von Neil Hefti, Les Baxter und anderen modernen Meistern des orchestralen Retro-Sounds wie Daniele Luppi, der schon Streicherparts für John Legend arrangierte.

Adele: „30“ (Columbia/Sony)

Auf vier von zwölf der neuen Adele-Songs verlässt sich die Musikerin auf solcherlei opulente Klänge, lässt ihre Produzenten ein echtes, vielköpfiges Orchester beschäftigen, darüber sanft Orgeltöne streuen und reichert das Ganze mit zauberhaften, ausgefuchsten oder niedlichen Backgroundchören an. Doch Adele scheint auf „30“, und das könnte man angesichts der eifersüchtigen Observation durch die Kol­le­g:in­nen verstehen, auch daran gelegen, ihre Versatilität zu beweisen.

Immer wieder ändert das Werk musikalisch seine Richtung, geht vom pompösen Auftaktsong „Strangers by Nature“ über zur klassischen Klavierballade, bei der sie sich in Amy-Winehouse-Manier etwas arg prätentiös die verlassene Sängerinnenseele heraussingt.

Böse Zungen vernehmen dahinter Unausgewogenheit

Sie haucht nah ins Mikro wie Billie Eilish, versucht in Songs wie „My Little Love“ den coolen Style von Erykah Badu zu streifen, schnuppert backgroundtechnisch bei „Cry Your Heart Out“ an Lauryn Hills Frühwerk, begrüßt Aretha Franklin, arbeitet sich überhaupt viel an „Black Music“ ab, sozusagen als echte Vertreterin des Blue Eyed Soul.

Man darf das gern als Geschmacksvielfalt anerkennen. Nur böse Zungen beziehungsweise Ohren vernehmen dahinter Unausgewogenheit. „30“ besingt in jedem Städtchen ein anderes Mädchen. Doch es ist erlaubt, die Geschmäcker breit zu bedienen, es ist auch okay, unterschiedliche Instrumentierungen, Rhythmen, Atmosphären zu nutzen.

Zusammengehalten werden die Songs überdies – außer von Adeles wie immer makellosen Stimme – von einem simplen gemeinsamen Nenner: Es geht auf „30“ um eine überstandene Trennung. Das ist nicht das einfallsreichste, aber ein legitimes Thema.

Ach ja, es ist so schwer, eine Frau zu sein

Wenn es auch dazu führt, dass Adeles Songtexte gegenüber der Komplexität ihrer Musik ziemlich abstinken: Immer wieder besingt, beklagt sie das alte Ich und Du, das kein Wir mehr ist, den Herzschmerz, denn „you never had a woman like me“, ach ja, es ist so schwer, eine Frau zu sein, und die Liebe ist ein seltsames Spiel.

In Songs wie „To Be Loved“, auf dem man sie als Jazzsängerin in einer kleinen Bar imaginiert, nur begleitet von einem Menschen am Klavier, gerät das arg cheesy: Ist gut, hör auf zu jaulen, möchte man ihr zurufen, wir haben ja verstanden. Am Ende ist man richtig geschafft, allein vom Hören.

Doch danach folgt mit „Love Is a Game“ als Wiedergutmachung der musikalische Höhepunkt und das große Finale des Albums, mit dem sich Adele sozusagen selbst in die Muppet Show eingeladen hat. Was durchaus ein Qualitätsmerkmal ist: Zu manchen Zeiten stachen die Muppet-Versionen bekannter Songs ihre Originale aus.

Und auch auf „Love Is a Game“ laufen Arrangeur und Orchester zu Höchstformen auf, während Adele noch mal von der Liebe singt – und mindestens sechs Muppethandpuppen mit Kulleraugen ihr im Hintergrund zuzustimmen scheinen. Das ist lustig und rührend gleichzeitig. Vielleicht gehen Welt und Musik­industrie also doch noch nicht unter.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Jeden Monat die beste Playlist der Welt! Ausgewählt von der taz-Musikredaktion

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de