Aktivistin über Tscherkessen und Olympia: „Russland soll sich entschuldigen“

Die Menschenrechtlerin Sarah Reinke über Olympia 2014, die vertriebenen Tscherkessen und die Verantwortung Russlands.

Olympia-Baustelle in Sotschi, der letzten Hauptstadt der Tscherkessen. Bild: dpa

taz: Welche Aktionen haben Sie für die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi geplant?

Sarah Reinke: Wir werden Sotschi als Großereignis nutzen, um auf das Schicksal der Tscherkessen aufmerksam zu machen. Diese sind empört, dass das russische Olympia ausgerechnet dort stattfinden soll – denn Sotschi war ihre letzte Hauptstadt.

Was genau haben Sie vor?

Wir werden das Ereignis dazu nutzen, um die Menschenrechts-verletzungen im Nordkaukasus in den Fokus zu setzen. Deshalb haben wir im Moment ein Memorandum verfasst, in dem das Schicksal der Tscherkessen beschrieben wird und die Hintergründe dargelegt werden: Also warum diese gegen Sotschi sind, welche Organisationen dahinter stecken und welche Forderungen sie haben.

Mit welchen Organisationen arbeiten Sie in Sotschi selbst zusammen?

Mit Menschenrechtsorganisation und einzelnen Menschenrechtsaktivisten etwa. Bei den Tscherkessen sind es vor allem deren Verbände, die mittlerweile über die ganze Welt verstreut sind. Speziell in den letzten Monaten gab es dort über die sozialen Netzwerke eine erstaunliche Dynamik.

ist seit zwölf Jahren Referentin bei der Menschenrechtsorganisation „Gesellschaft für bedrohte Völker“ (GfbV) für die osteuropäische und postsowjetischen Staaten. Die nahen Olympischen Winterspiele im russischen Sotschi im Februar 2014 will die GfbV zusammen mit Partnerorganisationen nutzen, um die Situation und das Schicksal der Tscherkessen bekannter zu machen.

Historischer Hintergrund: Ab 1862 wurden zehntausende Tscherkessen von der Armee des russischen Zaren getötet, nach dem der sogenannten Kaukasischen Krieg verloren ging. Anschließend wurde die Volksgruppe in die heutige Türkei deportiert, andere flohen bereits zuvor in das osmanische Reich. Geschätzt 180.000 Tscherkessen starben an Krankheiten oder Unterernährung. Bis dahin siedelten die sie an der nord-östlichen Küste des Schwarzen Meeres. Die Region um Sotschi verkörpert dabei die historische Heimat für sie.

Inzwischen leben noch gut 700.000 Tscherkessen in einigen der nordkaukasischen Republiken. Die größte Diasporagemeinschaft existiert in der Türkei mit drei Millionen Menschen, in Syrien leben rund 100.000 Tscherkessen.

Warum?

Der Anlass war der Krieg in Syrien, wo es eine große Diaspora gibt. Über ihre internationalen Netzwerke versuchen die Tscherkessen ihre Angehörigen aus dem Land zu holen. Wenn also Flüchtlinge aus Syrien in der Türkei ankommen, werden diese oftmals sofort von „türkischen“ Tscherkessen aufgenommen.

Was sind die Forderungen der Tscherkessen?

Die Tscherkessen sind für den Boykott (der olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi, Anmerkung der Redaktion). Allerdings sehen wir, dass dieser nicht mehr möglich ist. Deshalb wollen wir nun mit Hilfe von Ausstellungen oder Präsentationen auf das Schicksal der Tscherkessen aufmerksam machen.

Welche Rolle spielt Russland dabei?

Russland soll nun endlich Verantwortung übernehmen für das Verbrechen, das nun bereits 150 Jahre her ist. Die Tscherkessen fordern also schlicht eine Entschuldigung. Und viele wollen in ihre Heimat zurückkehren. Dies wird ihnen aber unglaublich schwer gemacht, viele werden abgewiesen. Die Tscherkessen verstehen das nicht – würde Russland ihnen in dieser Hinsicht die Hand reichen, dann wäre das Problem mit Sotschi gar nicht so groß.

Ist dieses Thema in den russischen Medien überhaupt präsent?

Nicht sehr, es besteht schlicht kein Interesse daran. Es gibt in der russischen Politik viel Angst und viele Fragen: Sind das Islamisten? Sind das Leute, die hier territoriale Ansprüche stellen werden? Das wird dann von den Medien aufgegriffen und das schadet wiederum den Tscherkessen.

Wird sich durch die Spiele in Sotschi etwas in dieser Thematik ändern?

Leider hat die Erfahrung gezeigt, dass diese Großereignisse nur Momentaufnahmen sind. Danach wird die Problematik wieder aus der größeren Öffentlichkeit verschwinden. Die Zeit ist einfach zu kurzlebig. Die Tscherkessen hoffen natürlich, dass es nachhaltig ist. Aber ich schätze das sehr pessimistisch ein.

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