Soldaten auf einem Feld

Auf Kadaversuche: Bundeswehrsoldaten im Einsatz gegen die Schweinepest Foto: Tina Eichner

Afrikanische Schweinepest:Saumäßig gefährlich

Ganz im Osten hat die Bundeswehr einen neuen Feind: tote Wildschweine. Weil immer mehr Tierkadaver auftauchen, ist das Land nun in Zonen unterteilt.

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29.12.2020, 10:53 UHR

Sechs Männer, eine Frau, schwere Stiefel, Tarnanzug, gelbe Warnweste, haben sich am Rand eines Ackers aufgestellt. Gleich werden die Reservist*innen der Bundeswehr ausschwärmen und den eisigen Boden nach Spuren von totem Wild absuchen. Die kargen Grasbüschel blitzen hier und da weiß gesprenkelt, am Morgen hat es leicht geschneit. Es ist Anfang Dezember und einer der bisher seltenen kalten Tage in diesem Jahr, die das Oderbruch nahe der polnischen Grenze in winterliche Stille versenken.

Die Suche der Bundeswehr nach Kadavern oder Spuren von infizierten Wildschweinen muss zügig vorangehen, damit im Gefährdungsgebiet neue Infektionsherde ausgeschlossen und die Flächen wieder freigegeben werden können. Denn auch diese Pandemie ist hochinfektiös, allerdings nicht für Menschen: die Afrikanische Schweinepest (ASP). Im September sind die ersten Fälle in Deutschland aufgetreten, zunächst in Brandenburg, entlang der Oder und der deutsch-polnischen Grenze. Inzwischen ist die Tierseuche bis nach Sachsen vorgedrungen. Hausschweine blieben bisher verschont. Aber es ist eine Frage der Zeit, der Bekämpfungsmaßnahmen und der langfristigen Strategie, wie lange das so bleibt.

Das Wildschwein ist klug und kann außerdem gut schwimmen. Und so kommen die Tiere, deren Überpopulation seit Jahren von Landwirten, Förstern und Gartenbesitzern beklagt wird, über die Oder – und fühlen sich in den Maisfeldern des Oderbruchs wohl. Mehr als 4.000 infizierte Wildschweine wurden 2020 in Polen gemeldet, man hat die Seuche also kommen sehen.

108 Fälle sorgen für Alarmstimmung

Am 29. September wurde im Landkreis Märkisch-Oderland der erste Fall bestätigt, bis heute sind es 108 vom Friedrich-Loeffler-Institut als Referenzlabor bestätigte Fälle. Nachbarlandkreise wie Oder-Spree oder Spree-Neiße sind stärker betroffen, doch liegt wie bei Corona die Seuchenbekämpfung in kommunaler Hand. Das Land berät – und stellt Geld zur Verfügung. Auch im Bund und auf EU-Ebene gibt es Krisenstäbe und Kommissionen wie EU-Vet, da das ASP-Virus in mehreren europäischen Ländern aufgetreten ist.

Die taz hat den Landkreis Märkisch-Oderland im April 2020 schon einmal besucht, um zu berichten, wie sich die Bekämpfung von Covid-19 in der Fläche bewerkstelligen lässt. Wir waren auf Gelassenheit und eine Portion Pragmatismus gestoßen, was mit der Landschaft und früheren Naturkatastrophen zu tun haben könnte. Schließlich gab es 2010 das große Oderhochwasser.

Mann im Gebüsch

Auch ein Dienst für Deutschland: Wildschwein-Suche unterm Brombeerstrauch Foto: Tina Eichner

Die „Lage“ gab schon im Frühjahr täglich Anlass zur Besprechung im Coronakrisenstab – es gilt die Stabsebene „für außergewöhnliche Ereignisse“. Vieles ist eingespielt, trotz Corona, trotz ASP, die Vorräte beim Katastrophenschutz mit Schutzausrüstungen und Atemmasken sind wieder aufgefüllt. Der Krisenstab hat seinen Sitz im Haus des Technischen Hilfswerks am Ortsrand von Seelow, wo auch die Reservist*innen der Bundeswehr ihr Quartier aufgeschlagen haben.

Planquadrat 342: „ohne Befund“

Von hier bricht die kleine Gruppe Soldaten zur Fallwildsuche auf. Das Gebiet ist in Planquadrate aufgeteilt. Alle tragen Funkgeräte. Am Reitweiner Sporn hat es heute einen Bombenfund gegeben – das Gesprächsthema. „Irgendwas finden wir immer“, sagt einer. „Wir achten auf alles, was von Tieren stammen könnte.“ Der Kommandierende hebt die Hand, dann schwärmen die sechs Männer und eine Frau über den Acker aus, jeder folgt seiner imaginären Linie, dann stopp, dann nach rechts. Planquadrat 342: „ohne Befund“.

Danach knöpfen sie sich das nahe Wäldchen vor, möglicher Rückzugsort für ein sterbendes Tier. Zwei Männer und die Frau kämmen durch das Gestrüpp. Falls sie ein verendendes Tier finden, sollen sie es Richtung Kernzone treiben. Finden sie nicht. Am Gehöft ist ein Adventsstern gehisst, der gelb im fahlen Tageslicht leuchtet. Von den Bewohnern ist niemand zu sehen.

Die Schweinepest (ASP): Die Virusinfektion verläuft für Haus- und Wildschweine meist tödlich, für Menschen und andere Tierarten ist sie ungefährlich. ASP wird durch direkten Kontakt von Tier zu Tier, vor allem Blut, und Essenreste, die Schweinefleisch enthalten, übertragen. In Lebensmitteln hält es sich monatelang. Insofern dienen auch Menschen und Transportmittel als Vektoren des Virus. Seit 2014 verbreitet sich ASP, ausgehend vom Baltikum, in Europa und Asien aus. In Deutschland wurde der erste Fall am 10. September 2020 im Landkreis Spree-Neiße bestätigt. Die Tierseuche ist anzeigepflichtig, Schweinehaltung und Landwirtschaft in den Restriktionszonen unterliegen besonderen Auflagen.

Der Landkreis: 196.000 Menschen leben im Landkreis Märkisch-Oderland, der östlich von Berlin beginnt und bis nach Küstrin an der polnischen Grenze reicht – 91 Menschen auf 100 Quadratkilometer. Verwaltungssitz ist Seelow. Im 18. Jahrhundert ließ Friedrich der Große das Binnendelta der Oder durch Kolonisten trockenlegen, im Oderbruch entstanden fruchtbare Agrarflächen. Noch heute machen 61 Prozent des Kreises landwirtschaftliche Flächen aus. Rechtlich vertreten wird der Kreis seit 2005 durch Landrat Gernot Schmidt (SPD). AfD, Linke und SPD verfügen im Kreistag über jeweils zehn Sitze, gefolgt von der CDU mit neun und Grünen/Bündnis 90 mit sechs. (taz)

Seit die Afrikanische Schweinepest in Deutschland amtlich ist, wurden in Brandenburg Restriktionszonen eingerichtet: um die Fundstellen toter Schweine herum das 50 Quadratkilometer große „Kerngebiet“, dort herrscht Ernte-, Jagd- und Betretungsverbot. Um diese Kernzone legt sich wie ein Halbkreis das „Gefährdungsgebiet“, die weiße Zone, die auf Fallwild abgesucht und schrittweise für Forst- und Landwirtschaft wieder freigegeben wurde; den äußeren Ring bildet die Pufferzone, in der Schweinehaltung oder Jagen unter Auflagen möglich sind. Der 1,20 Meter hohe feste Drahtzaun mit Unterwühlschutz und Durchlässen für Kleinwild schützt die weiße Zone, zum Landesinneren hin ist er bereits installiert.

Landrat Gernot Schmidt, 58, seit 2005 im Amt, war gegen einen Zaun auf dem Deich. Er wollte den Hochwasserschutz an der Oder nicht gefährden. Schmidt, mehr hemdsärmeliger als der Verwaltungstyp, verhandelte erfolgreich über einen abgewandelten Trassenverlauf – außerdem zahlt nun das Land Brandenburg, das gemeinsam mit Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen längs der Oder einen Zaun errichten lässt. Drei Millionen Euro soll die Konstruktion kosten.

Mann mit Kartoffeln

Biobauer Frank Prochnow hält auch Schweine. Er sieht seinen Hof bedroht Foto: Tina Eichner

Schmidt empfängt in seinem Büro im Landrats­amt der Kreisstadt Seelow, wo an diesem Morgen gegenüber verhaltenes winterliches Markttreiben herrscht. Der Landrat weiß, „der Zaun verhindert die Seuche nicht“. Er soll dafür sorgen, dass die kranken Tiere im Kerngebiet bleiben. Auf etwa 4.000 Wildschweine schätzt Schmidt den Bestand in seinem Kreis. Ein Hotspot befindet sich auf einer Oderinsel nahe Küstrin-Kietz, wo Ende November auf einen Schlag 40 tote Schweine entdeckt wurden.

„Die Schweinepest ist Pillepalle – im Vergleich zu Corona“

Landrat Schmidt hat die Bundeswehr um Hilfe gebeten. Die Armee unterhält in jedem Landkreis ein Kreisverbindungskommando, das in Krisensituationen Ansprechpartner ist. Bis zu 120 Reservist*innen sind seit November im Einsatz gewesen, um das Gefährdungsgebiet nach Wildschweinkadavern und Knochenresten abzusuchen. 20 Soldaten sind außerdem im Gesundheitsamt tätig; sie unterstützen die Angestellten bei der Kontaktverfolgung von Covid-19-Erkrankten.

Ist die doppelte Belastung durch Corona und ASP nicht schwierig zu managen? „Die Schweinepest ist Pillepalle – im Vergleich zu Corona“, sagt Schmidt und verschränkt die Arme über der Brust. „Corona trifft mich. Die Leben der alten Leute rinnen uns durch die Finger.“ 25 Coronatote hat der Landkreis zu diesem Zeitpunkt. Inzwischen ist die Zahl auf 110 gestiegen.

Zaunbau

Installation eines Maschendrahtzauns gegen die infizierten Tiere Anfang Dezember Foto: Tina Eichner

Schmidt, gleich nach der Wende in die SPD eingetreten, provoziert gerne, doch bei Corona macht Polemisieren keinen Spaß. Er hat in diesen Tagen für den Kreis noch ein weiteres Krankenhaus erworben. Die kommunalen Verwaltungen agieren bei der Gesundheitsversorgung weitestgehend autonom. Märkisch-Oderland verfügt über einen kreiseigenen Rettungsdienst und Krankenhäuser, das zahlt sich aus. Diese Autonomie gilt auch bei der Tierseuchenbekämpfung.

„Jeder Landkreis muss für sich handeln“, sagt Schmidt. „Wir gehen Sonderwege, weil wir unterschiedliche Naturräume haben.“ Der Landkreis Oder-Spree, wo es doppelt so viele ASP-Funde gab, besitzt viel Wald und wenig Landwirtschaft; im flachen Oderbruch gibt es dagegen viel Ackerbau und wenig Wald. „Dieses Geschrei nach zentralistischen Strukturen ist zerstörerisch“, sagt Schmidt.

Der Krisenstab tagt

Im Kulturhaus in Seelow tritt an diesem Donnerstag am frühen Nachmittag der ASP-Krisenstab zusammen. Ein Raum groß wie ein Ballsaal, mit Parkettboden und Lüstern an der Decke. Alle sitzen an Einzeltischen: Fachbereichsleiter Friedemann Hanke vertritt den Landrat, Amtsveterinärarzt Dr. Ralph Bötticher ist da, der im Moment viel zu tun und zu sagen hat. Bleiben die Wildsammelstellen, wo wird was beprobt, was geschieht mit normalem Wild, was ist mit den Schweinehaltern im und außerhalb des Kerngebiets? Auch Bundeswehr, Katastrophenschutz, Mitarbeiter*innen des Landwirtschafts-, des Wirtschaftsamts und der Unteren Jagdbehörde sind da. Und Vertreter des Landesbauernverbandes und zweier Jagdverbände. Das ist etwas, das sie hier anders handeln, dass Interessenverbände im Krisenstab mitreden dürfen.

Lageberichte rundum: Der Oderdeich ist für den Radverkehr gesperrt. Die Suchhundeaktionen sollen bis 20. Dezember abgeschlossen sein. Wild- und Schweinefleisch aus dem Gefährdungsgebiet dürfen nur innerhalb der Sperrzonen verwertet werden. Anträge für Landwirte wegen Schadenersatzleistungen sollen bald online gehen. Der Landrat hat sich an das Land um finanzielle Unterstützung gewandt. Das Gefährdungsgebiet wird verschoben und verkleinert. „So falsch kann unser Weg nicht sein“, stellt Amtsleiter Hanke fest.

Franz Josef Conraths, Friedrich-Loeffler-Institut

„Das ASP-Virus bleibt in der Umwelt monatelang erhalten. Es kommt auf schnelles Handeln an“

Was ist das überhaupt für ein Virus? Und wie unterscheidet es sich von der klassischen Schweinepest? Professor Franz Josef Conraths ist Vizepräsident des Friedrich-Loeffler-Instituts auf der Ostseeinsel Riems, des Bundesforschungsinstituts für Tiergesundheit. „Das ASP-Virus“, erklärt er am Telefon, „hat einen völlig anderen Lebens- und Übertragungszyklus. Es bleibt in der Umwelt monatelang erhalten. Es kommt auf schnelles Handeln an.“ Für die Wild- und Hausschweine unserer Region ist das Virus tödlich. Im südlichen Afrika, woher die ASP stammt und wo sie durch Lederzecken übertragen wird, sterben die Tiere nicht daran. Ein Impfstoff wurde bis heute nicht gefunden. Die Suche nach verendeten Wildschweinen, gezielte Bejagung und die Schaffung der weißen Zone „wie eine Brandschneise um das Kerngebiet“ hätten sich in anderen Ländern bewährt, sagt Conraths.

In Belgien und Tschechien hat es vor ein paar Jahren einen ASP-Ausbruch gegeben, der in beiden Ländern erfolgreich bekämpft wurde. „Der große Unterschied ist“, sagt Conraths, „dass der Eintrag dort über eine Punktquelle gelaufen ist: vermutlich unsachgemäße Entsorgung von Lebensmitteln oder Speiseabfällen.“ Heißt: eine Ursache, ein überschaubarer Infektionsherd. „Bei uns hier ist das anders: Wir haben im östlichen Deutschland einen großen Herd, der sich Dutzende von Kilometer längs der Grenze zu Polen zieht. Wir haben paradiesische Verhältnisse für diese Tiere geschaffen.“ Die Wildschweine haben ihr Reproduktionsverhalten geändert oder vielmehr angepasst: Bekamen sie früher nur im Frühjahr Frischlinge, produzieren sie nun ganzjährig Nachwuchs.

In Märkisch-Oderland gibt es Großinvestoren, undurchsichtige Eigentumsverhältnisse, drei größere Schweinemast- und Zuchtbetriebe, eine industrialisierte neben der konventionellen und der ökologischen Landwirtschaft. Selbst wenn noch kein Hausschwein infiziert ist, haben diese Betriebe erhöhte Auflagen zu erfüllen. Regionale Schlachtereien gibt es in Brandenburg kaum noch. China, das den Europäern die Innereien abnahm, hat ein Importverbot für Schweinefleisch aus Deutschland erlassen. Die Preise sind im Fall.

Bio-Landwirte besonders gefährdet

Ausgerechnet die Bio-Landwirte, die Schweine in Freilandhaltung haben, sind besonders gefährdet. Frank Prochnow hat seinen Hof Jahnsfelde zwischen Berlin und Küstrin vom Vater übernommen, der hier nach der Wende als Biobauer anfing. Ein Exotendasein, damals mehr als heute. 20 Zuchtsauen und 100 Mastschweine besitzt Prochnow, 150 Schweine insgesamt, sein Fleisch vermarktet er direkt. Vor ein paar Tagen kam der Anruf vom Landwirtschaftsamt, dass sein Betrieb mit der Festlegung der neuen Restriktionszonen aus dem Gefährdungsgebiet herausfällt und in die Pufferzone rutscht. Erleichterung.

Sein Hof liegt nicht weit von der Transitstrecke nach Polen, wie oft würden Touristen und Lkw-Fahrer ihre Wurststullen auf den Parkplätzen liegen lassen! Das Thema treibt die Leute hier um wie anderswo der Biber und der Wolf. Bei neuem Alarm müsste Prochnow seine Schweine reinholen. Gerade erst hatte er Zuchtsauen hinzugekauft, um der gestiegenen Nachfrage im Biobereich gerecht zu werden.

Der Hofladen hat geöffnet. Prochnow telefoniert in seinem Büro. Das Geschäft läuft, das Licht ist funzelig. 12 Angestellte hat der Betrieb, neben den Schweinen hat er 150 Mutterkühe, baut sein eigenes Futter an, außerdem Getreide und Kartoffeln, die den Schuppen bis zur Decke füllen. Eine Ertragsschadenversicherung hat Prochnow schon Ende letzten Jahres abgeschlossen. Die Tierseuchenkasse zahlt aber nur, wenn die Bestände gekeult werden müssen. Für den Ernteausfall, weiß Prochnow, soll es etwas geben. Schließlich brach ASP mitten in der Erntezeit aus, nicht alles konnte rechtzeitig geerntet werden, die Aussaat des Wintergetreides hat sich verzögert.

Der „Schweinestau“ kostet viel Geld

Karsten Ilse aus dem Dorf Letschin, der neben konventionellem Ackerbau auch Schweinemast mit 1.500 Tieren betreibt, spricht am Telefon von einem „Schweinestau, den wir mindestens eine Woche vor uns herschieben“. Ilse lag mit seinem Hof erst im Gefährdungsgebiet – und befindet sich nun in der Pufferzone. Schweine ausliefern durfte er nur innerhalb Deutschlands, bis nach Schleswig-Holstein musste er dafür fahren, so wurden die Schweine immer schwerer, was den Preis drückt. Ilse geht davon aus, dass er im Januar zwei Wochen „im Stau“ liegen wird. Und zum Frühjahr will er seinen Mastbetrieb vorerst ganz einstellen. Niemand hier rechnet damit, dass die Afrikanische Schweinepest bald vorbei sein könnte. Pleite geht er davon nicht, sagt Ilse, für den Ernteausfall hofft er auf Entschädigung.

Nun ist ASP eine Tierseuche, mit der zu rechnen war. Hätte man nicht früher reagieren können? „300 Tage braucht es von der Besamung bis zum Verkauf des gemästeten Schweins“, rechnet Ilse vor, „das sei im Februar gewesen“, noch bevor klar wurde, dass Corona und nun „on top“ ASP das Land treffe würde. Ilse, Mitte 40, ist aus Westfalen 1993 ins Oderbruch gezogen. „Weniger Einwohner, mehr Entwicklungspotenzial“, sagt er. Er hat „lange überlegt“, ob er mit der taz redet, aber er findet es wichtig, „dass die konventionellen Landwirte an die Öffentlichkeit gehen“. Es gebe ein „gutes Miteinander“ von Bio- und konventionellen Betrieben in seiner Region.

Das wünscht auch Jan Sommer, 50, der als Grüner im Kreistag und im Landwirtschaftsausschuss sitzt. „Es ist das gesamte System, das kippt“, sagt er. Ausgelaugte Böden, Dürresommer, Klimawandel. „Die Landwirtschaft hat Klimafunktion.“ Und schön wäre es, sie hätte auch Vorbildfunktion. Stattdessen droht die Krise auch alternative Betriebe wie Prochnows Hof oder Sommers eigenen kleinen Biohof, wo er überwiegend Gemüse anbaut, mitzureißen. Die zarten Triebe eines Diskurs- und Generationswechsels unter der Bauernschaft sieht Sommer gefährdet. Er redet sich heiß am Telefon. „Wir müssen es schaffen, über eine weitere Veränderung der Landwirtschaft zu reden.“ Über mehr Regionalisierung, die Fleischproduktion in Tierhaltung überführen.

Wie sehr kann man denn als Landkreis die Agrarpolitik beeinflussen? „Als Landkreis machen wir eigentlich keine Agrarpolitik“, sagt Sommer mit Sinn für Ironie, „wir machen nur Krisenmanagement.“ Und was sagt der Krisenmanager, Landrat Schmidt, der Agrotechniker in der DDR gelernt hat? Der schüttelt den Kopf, „wenig Einfluss“. Der Kreis könnte schon mehr tun, findet Sommer. Der Landrat – als Institution – könnte die verschiedenen Akteure versuchen zusammenzubringen, moderieren, Veränderung gestalten. „Hey, lasst uns zusammensetzen“, sagt Sommer, „wenn das am Ende dabei herauskäme, wäre viel gewonnen.“

Fallwildsuche und Hundesuchstaffeln sind abgeschlossen, die neue Jagdleitlinie veröffentlicht – bisher gibt es keine neuen ASP-Funde außerhalb des Kerngebiets. Der Zaunbau am Deich geht voran, Brandenburg holt auf. Hundertprozentigen Schutz gibt es nicht. Das Coronavirus mutiert. Die Vogelgrippe ist auch schon da.

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