Eine Frau steht vor einer brüchigen Häuserwand

Abeer Zghoul hat zuhause mit dem schlechten Abwassersystem zu kämpfen Foto: Nadia Bseiso

Abwasser in Jordanien:Zurück auf Blau

Die lebenswichtige Oase von Azraq wird von Abwasser und Müll bedroht. Eine Technologie mit Schilf könnte das Dreckwasser reinigen.

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12.4.2021, 18:57  Uhr

Ein Holzsteg führt über das Gewässer, in dem sich knallgrüne Algen an der Oberfläche sammeln. Im Wasser schwimmen Sirhan-Kärpflinge, graue Fische mit schwarzen Streifen. Dieser Fisch ist einzigartig, er existiert nur hier, im Naturreservat in Azraq, einer besonders fruchtbaren Stelle in der Wüste von Jordanien, das eines der wasserärmsten Länder der Welt ist.

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„Azraq“ ist die arabische Bezeichnung für „Blau“ und der Name einer Stadt rund 100 Kilometer östlich der Hauptstadt Amman, unweit der Grenze zu Saudi-Arabien. Die Stadt sitzt auf einem der größten Grundwasserbecken Jordaniens. Einst war dieser artenreiche Fleck in der Wüste daher eine Oase. Bis zu eine halben Million Zugvögel rasteten in dem Feuchtgebiet auf ihrem Weg zwischen Europa und Afrika, rund 70 verschiedene Vogelarten brüteten dort in den Bäumen.

Doch die Oase trocknet aus. Der Grund: die exzessive Nutzung des Grundwassers. Ein Viertel des Trinkwassers in der jordanischen Hauptstadt stammt aus Azraq. Private Firmen bauten Brunnen und schlagen aus dem Wasserverkauf Profit. Land­wir­t*in­nen bewässern damit ihre Felder, es gibt über 1.000 illegale Brunnen. Und auch das Naturreservat benötigt Wasser. Die Anlage ist zu großen Teilen ein Replikat des einstigen Feuchtgebiets. 1994 beschloss die Königliche Naturschutzgesellschaft (RSCN), dass jährlich 1,5 Millionen Kubikmeter Frischwasser in den geschützten Sumpf gepumpt werden sollen, um die komplette Austrocknung zu verhindern und das Reservat wiederherzustellen.

Doch die Leute beschwerten sich: Wieso gebt ihr das Wasser den Fischen statt uns? Also gab es statt 1,5 Millionen nur 600.000 Kubikmeter jährlich – zu wenig, um das Reservat in seiner ursprünglichen Ausdehnung nachbilden zu können. „Was wir hier sehen, sind nur 10 Prozent des einstigen Feuchtgebiets“, erzählt der Manager des Reservats, Hazem Haresha. Der 36-Jährige ist in großer Sorge um die schwindende Natur. Und die übermäßige Wassernutzung ist nicht das einzige Problem: Über 2.000 Haushalte in Azraq wissen nicht, wohin mit ihrem Abwasser.

Abeer Zghoul lebt seit ihrer Geburt in Azraq. Sie hat seit 14 Jahren mit ihrem Mann und drei Kindern eine Mietwohnung in der Stadtmitte. Die Wände ihres Heims hat sie liebevoll gestrichen, das Wohnzimmer zieren Mosaiksteine. Doch ­Zghoul hat die Lust daran verloren, die Wände zu gestalten. „Jedes Jahr müssen wir einen Teil renovieren“, sagt sie frustriert. Feuchtigkeit zieht aus dem Boden in die Grundfesten des Hauses. Im Treppenhaus brechen sich dunkle Schlieren Bahn durch die karamellfarbene Strukturpaste.

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Zghoul ist sicher, dass die Nässe aus dem Loch vor und unter dem Haus stammt. Immer wenn sie duscht oder wäscht, fließt das Schmutzwasser in diese Grube, „seit 40 Jahren wurde sie nicht geleert!“. Langsam sackt der Boden unter dem Haus ab, und Zghoul hat Angst, dass der Boden vor dem Hauseingang nachgibt, wenn ihre Kinder darauf spielen: „Es betrifft die ganze Nachbarschaft. Erst letzte Woche ist das Dreckwasser übergelaufen, und das Haus nebenan ist seit einer Weile nicht mehr bewohnbar.“ Ein Nachbar leitet den Schlauch seiner Waschmaschine direkt auf die Straße. Die Senkgruben zu reinigen ist den Haus­be­sit­ze­r*in­nen zu teuer.

Der Bauingenieur Mohammad Talafha arbeitet seit über zwei Jahren in der Region. „In Azraq gibt es kein Abwassernetz. Haushalte, Schulen und sogar Behörden haben nur Gruben, die manchmal wie ein unterirdischer Tank sind, oder ein Loch, das in den Boden gegraben ist. Etwa 80 Prozent der Gruben sind unversiegelt. Das bedeutet, dass das Abwasser in den Boden sickert und das Grundwasser zu verschmutzen droht.“

Dreckwasser landet in der Wüste

Der 29-Jährige ist Feldkoordinator bei der deutschen Entwicklungsorganisation Borda und spricht daher häufig mit den Anwohnern. „Wir haben die Leute gefragt, ob sie die Klärgrube abgeschlämmt haben, und viele haben gesagt: Nein. Sie dachten, das Wasser würde von der Natur aufgenommen und verschwände. Viele wissen gar nicht, wo das Abwasser hingeht. Ich verurteile sie nicht dafür. Als Bürger haben wir ein Recht auf sanitäre Anlagen und Kanalisation.“

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Sechs Kilometer außerhalb der Stadt liegt Basalt auf sandigem Wüstenboden. In der Sonne glitzern Wasserpfützen, in denen sich Fäkalien sammeln. Ein knallorangefarbener Laster fährt in die Einöde. Der Fahrer steigt aus und zieht einen langen schwarzen Schlauch in den hellbraunen Sand. Wie eine kleine Fontäne entlädt sich das Dreckwasser aus dem Tank in die Wüste. Solche Lkws saugen alle zwei Wochen Abwasser aus den wenigen versiegelten Gruben von Azraq. Damit verhindern sie zwar Überschwemmungen, verschmutzen aber ebenfalls das Grundwasser – nur weiter draußen.

Ingenieur Talafha steht mit Wanderschuhen im Schlamm. „Hier entsorgen sie das Abwasser und dort stapelt sich der Müll“, sagt er und zeigt auf aufgetürmte gefüllte Plastiktüten. „Und schau, dort rechts befinden sich die Frischwasserbrunnen.“ Täglich landen rund 120 Kubikmeter Dreckwasser unmittelbar in der Nähe des Frischwasserreservoirs. Die Trucks gehören nicht nur privaten Unternehmen, sondern auch der Gemeinde. Die Firmen verlangen knapp 30 Euro für die Wasserentsorgung, die Gemeinde nimmt umgerechnet nur 12 Euro.

Ein Mann mit Mundschutz steigt über Steine

Ingenieur Talafha stapft am Abwasser der Stadt vorbei Foto: Nadia Bseiso

Saud al-Sayadi ist gewählter Repräsentant von Nordazraq im Stadtrat. Der 30-Jährige steht auf dem sandigen Zufahrtsweg zu dem Ablageort. „Ja, die Abwasserentsorgung ist illegal“, gesteht er ein. „Die Regierung hat uns mehr als einmal gesagt, dass wir die Entsorgung stoppen sollen. Aber das können wir nicht, weil es zu viel kosten würde. Es gibt also im Moment keine Lösung, außer es hier zu loszuwerden.“

Das nächste Klärwerk ist ungefähr 100 Kilometer entfernt. „Wenn wir das Wasser dorthin bringen, kostet die Entsorgung knapp 120 Dinar (140 Euro). Das können sich die Leute in Azraq nicht leisten“, erklärt al-Sayadi das Dilemma. „Wenn es so weitergeht, bekommen wir ein großes Umweltproblem. Deshalb wollen wir eine Kläranlage.“ Eine Kläranlage könnte nicht nur das Grundwasser vor Verschmutzung schützen, sondern auch die kostbaren Frischwasserressourcen schonen.

Um die Planung einer solchen Anlage kümmert sich die Bremer Nichtregierungsorganisation Borda. Sie hat sich auf Sanitärversorgung spezialisiert und arbeitet seit 2019 an einer nachhaltigen Lösung für Azraqs Abwasserproblerm. „Wir möchten die illegale Deponie schließen“, erklärt Borda-Koordinator Talafha. Er steht an einer Schnellstraße zwischen Nord- und Südszraq und zeigt auf ein sandiges Feld mit ein paar trockenen Sträuchern. „Diese Gegend war einmal grün, und wir wollen diese grüne Oberfläche zurückbringen.

Ein Mann blickt in die Ferne

Saud al-Sayadi, Repräsentant im Stadtrat, hat keine Lösung Foto: Nadia Bseiso

Hier soll ein Feuchtgebiet entstehen, in dem das Abwasser gereinigt wird“ – eine Pflanzenkläranlage, in der Schilfgräser, Basaltsteine und Sand das Wasser säubern. „Dann kann das Wasser zur Begrünung einheimischer Pflanzen und eingeschränkt in der Landwirtschaft genutzt werden.“ Die Kläranlage soll über ein Abwassernetz mit den Haushalten verbunden werden und sich in die Landschaft integrieren. Talafha freut sich: „Wir haben eine naturbasierte Anlage geplant. Darauf wird Schilf wachsen und sie wird begehbar sein.“

Die Idee der Abwasserbehandlung durch natürliche Bodenfilter hatte die deutsche Botanikerin Käthe Seidel in den 50er Jahren. Sie war überzeugt davon, dass Wasserpflanzen wie Schilf und Flechtbinsen Abwässer klären können. Nach ihrem Modell wird das Abwasser in Kiesbecken geleitet, in denen es mithilfe von Bakterien, die sich im Wurzelbereich der Pflanzen bilden, von Fäkalien und chemischen Abfallstoffen gereinigt wird. Das Verfahren wird bereits in den Vereinigten Arabischen Emiraten genutzt. Gerüche treten nicht auf, weil es keine chemischen Reaktionen wie in herkömmlichen Klärwerken gibt, bei denen sich stinkende Schwefelverbindungen bilden können.

Stillstand und Skepsis

Doch was wie die Lösung des Abwasser­pro­blems klingt, ist noch immer nicht gebaut worden. Zunächst herrscht Stillstand infolge der Coronapandemie, und dann muss die Bevölkerung überzeugt werden. Die Kläranlage sorgte für mächtigen Ärger. Zu viele NGOs seien bereits gekommen, hätten Versprechungen gemacht und seien wieder gegangen, erzählt Gemeinderatsmitglied Nofa al-Fayez. Die 52-Jährige war stellvertretende Bürgermeisterin und leitet heute eine gemeinschaftsbasiert Organisation. „Viele NGOs haben uns Jobs und Entwicklung versprochen. Aber das ist nicht passiert. So sollten in einem landwirtschaftlichen Projekt Bohnen angebaut werden. Doch das Projekt wurde nicht abgeschlossen, weil es im Sommer sehr heiß wird und die Klimaanlagen fehlten, um die Gewächshäuser zu kühlen.“

Eine Frau steht vor einer bemalten Wand

Gemeinderatsmitglied Nofa al-Fayez kritisiert die Arbeit internationaler NGOs Foto: Nadia Bseiso

Eine andere Organisation versprach Müllentsorgung – doch passiert sei nichts, und die Leute fragten sich, wo das versprochene Geld sei. „Das Problem mit den NGOs ist, dass sie viel Geld in Studien, Bewertungen und Training stecken. Außerdem wollen sie speziell Geflüchtete in den Camps in der Nähe unterstützen. Aber wir brauchen gemeinsame Projekte, von denen alle profitieren.“

Selbst die, denen das Projekt nutzen sollte, sahen sich als Verlierer. Als ein jordanischer Journalist fälschlicherweise schrieb, dass mit dreckigem Wasser Obst und Gemüse bewässert werden sollte, eskalierte die Situation: „Das hat das Ansehen solcher Projekte ruiniert. Viele Bauern waren nicht mehr bereit, das behandelte Wasser zu benutzen“, sagt Borda-Mitarbeiter Talafha.

Karte von Joradnien

Auch Meshaal Shoshan war skeptisch, als er von der Kläranlage hörte. Er ist Landwirt und führt über sein Feld: Auf dem sandigen Boden wachsen Olivenbäume, in einem kleinen Beet sprießt Kohl. Ein Stall beherbergt sieben Kühe, hinter einem Holzzaun blöken Ziegen. Früher wuchsen hier Mandelbäume, Pfirsich-, Aprikosen-, Pflaumen- und Apfelbäume. Doch sie benötigten zu viel Wasser. Nach und nach musste der Bauer den Anbau einstellen, 2012 hat er auch die Traubenranken entfernt. „Wir haben erst auf Klee umgestellt, weil wir damit nicht viel Geld fürs Pflügen ausgeben. Aber auch das hat zu viel Wasser verbraucht. Jetzt betreiben wir saisonale Landwirtschaft“ – Gerste im Winter, Mais ab April.

Landwirt Meshaal Shoshan

„Wir wollen kein Dreckwasser neben unseren Häusern oder Feldern.“

Zwischen den kargen Feldern verlaufen dicke Schläuche. Sie führen zu einem Betonplateau mit Aluminiumrohren und einer Pumpe. Die führt 45 Meter in die Tiefe – ein Brunnen, den Shoshan selbst gebaut hat. Eine Messuhr zählt, wie viel Wasser er dem Boden entnimmt, entsprechend zahlt er dem Staat dafür. „Das Wasser ist teuer, und die Landwirtschaft bringt kaum mehr Geld ein.“

Zunächst befürchtete Shoshan, die geplante Kläranlage könnte seinem Betrieb schaden. „Ich kannte die technischen Einzelheiten nicht, anfangs hatte ich Angst und viele Fragen: Wie funktioniert das? Wie wird das Wasser behandelt? Wenn wir an solchen Anlagen vorbeifahren, stinken sie normalerweise extrem. Wir wollen kein Dreckwasser neben unseren Häusern oder Feldern.“

Ein Mann steht neben Wasserleitungen

Landwirt Meshaal Shoshan und sein Bewässerungssystem mit selbst gebautem Brunnen Foto: Nadia Bseiso

Diese Bedenken sind inzwischen ausgeräumt, aber einen Haken gibt es bei der Wiederverwendung des Wassers: Nicht alle Lebensmittelpflanzen können damit bewässert werden. Das gereinigte Wasser muss getestet werden, und von der Einstufung hängt ab, wofür es taugt. Um sicherzugehen, dass Keime abgetötet sind, sollten damit behandelte Nahrungsmittel vorher abgekocht werden. Seine Olivenbäume oder Tierfutter könnte Shoshan mit dem behandelten Wasser gießen. Damit er wieder Äpfel, Aprikosen und Trauben züchten kann, braucht es eine andere Lösung.

Und der Bauer hegt weitere Bedenken: Das Grundwasser sei sowieso schon zu salzig. Durch das übermäßige Abpumpen von Wasser hat sich die Salzkonzentration im Grundwasser mit den Jahren immer weiter erhöht. Das Salz setzt sich an manchen Stellen am Boden weiß ab.

Kritiker sind mit an Bord

So auch vor dem Gebäude, in dem Faisal Harb arbeitet. Der 62-Jährige ist ein einflussreicher Mann, das Oberhaupt der Drusen in der Stadt, gut vernetzt in der nationalen Politik. Im Flur vor seinem Büro hängen Bilder von zwei Frauen, die mit Rechen Salz zusammenschieben. Einst war Harb Vorsitzender einer Salzfabrik in Azraq, in der 1.700 Menschen arbeiteten. Sie pumpten salziges Grundwasser an die Oberfläche und filterten das Salz heraus. Doch 1989 musste die Raffinerie schließen.

Harb ist sich sicher, dass eine neue Salzraffinerie Teil der Lösung des Wassermangelproblems sein könnte. Zumindest könnte das salzige Wasser trinkbar gemacht werden. Doch die Wiederinbetriebnahme würde knapp 1,5 Millionen Euro kosten, zu viel für den einstigen Inhaber. Das Kläranlagenprojekt gefiel ihm aber zunächst auch nicht: „Die Jordanier haben schlechte Erfahrungen gemacht mit Wasseraufbereitungsanlagen. Sie sind groß, hässlich und stinken schrecklich“, erklärt Harb.

Ingenieur Mohammad Talafha erinnert sich: „Faisal Harb war unser größter Kritiker. Er stellte viele Fragen und machte ordentlich Stimmung gegen das Projekt.“ Als Feldkoordinator seiner NGO ist Talafha dafür verantwortlich, mit den Menschen zu sprechen, ihre Meinung einzuholen und ihre Einwände einzuarbeiten. Er organisierte Zusammenkünfte, um die Be­woh­ne­r*in­nen von Azraq darüber aufzuklären, dass die Anlage nicht stinkt und wofür das Wasser verwendet werden kann. „Wir haben den Leuten nicht nur leere Versprechungen gemacht“, sagt Talafha. „Wir haben Jugendliche einbezogen und In­ge­nieu­r*in­nen aus der Region. Wir haben in Schulen die Sanitäranlagen renoviert und uns oft mit dem Stadtrat, Politikern und der Gemeinde getroffen.“

Bauer Shoshan ist nun nicht mehr kritisch, sondern gespannt auf die neue Kläranlage mit moderner Technologie. Er ist zuversichtlich, dass er das behandelte Wasser für seinen Anbau verwenden kann. „Sofern das Wasser getestet wird und zertifiziert ist und die Bauern nicht dafür verantwortlich gemacht werden, habe ich kein Problem damit.“ Und mittlerweile ist sogar der große Kritiker Harb mit dabei. Er ist Teil eines lokalen Komitees, das für das Klärprojekt einsteht. Harb trifft sich mit nationalen Abgeordneten und erzählt ihnen von den Bedürfnissen der Menschen in Azraq.

Ein Mann steht auf einem Steg

Hazem Haresha, Manager des Reservats, sorgt sich um die Natur Foto: Nadia Bseiso

Und trotzdem ist die Kläranlage auch zwei Jahre nach Beginn des Projekts noch immer nicht gebaut. Nicht nur wegen der Pandemie, es hakt auch auf der nationalen Ebene, erzählt Harb: „Es ist verwunderlich, sie haben an allen Treffen teilgenommen und nie Einwände gehabt. Nun kommt eine Frau, die das Ministerium für kommunale Angelegenheiten repräsentiert, zu einem Treffen und sagt uns, dass sie Kritik am Masterplan für Wassermanagement in Azraq haben. Also habe ich sie gefragt: Wo wart ihr, als wir das alles diskutiert haben? Jetzt, wo die Geber anfangen wollen, die Anlage zu bauen, habt ihr Bedenken?“

Während die jordanische Bürokratie auf sich warten lässt, kämpft die Oase weiter mit den Auswirkungen des Wasserproblems. Dabei ist das Wasser Teil des sozialen und kulturellen Erbes von ­Azraq, dessen offene Quellteiche und Sümpfe schon immer Menschen anzogen. Ende des 19. Jahrhunderts zum Beispiel flüchteten Tschetschenen aus dem Kaukasus vor der russischen Verfolgung und siedelten in Südazraq. Sie brachten ihre Wasserbüffel mit und betrieben Fischerei. Nach dem Ersten Weltkrieg ließen sich drusische Geflüchtete aus Syrien im Norden Azraqs nieder. Sie filterten Salz aus angeschwemmtem Wasser. Doch all das geht verloren. Statt mit Salz, Landwirtschaft oder Fischfang Geld zu verdienen, arbeiten viele Menschen aus Azraq lieber auf der Militärbasis direkt neben dem Reservat.

Gefördert durch das European Journalism Centre (EJC) mit Unterstützung der Bill & Melinda Gates Foundation folgt die taz ein Jahr lang dem Wasser. Fünf taz-Korrespondentinnen recherchieren in Lateinamerika, Westasien, Südasien und in Afrika entlang des Nils. Denn vor allem im Globalen Süden gibt es zu wenig oder kein sauberes Wasser. Besonders Frauen müssen jeden Liter über weite Strecken nach Hause tragen. Der Zugang zu Wasser wird mit der Klimakrise verschärft. Immer öfter wird Wasser privatisiert oder steht im Konflikt mit Großprojekten, die Fortschritt bringen sollen. Mehr unter taz.de/Wasser

Der Bedarf an Frischwasser von Mensch und Natur in Azraq ist hoch. Könnte auch das Reservat behandeltes Abwasser nutzen? „Ich denke, das ist umstritten“, sagt Reservatmanager Haresha, „wir können das diskutieren, nachdem wir alle Vor- und Nachteile des aufbereiteten Wassers untersucht haben. Also den PH-Wert, Chlorwert, und so weiter.“ Auch ein saisonaler See könnte helfen, die Trinkwasserressourcen zu schonen: Im Winter fließt Regenwasser aus den Bergen in Saudi-Arabien und Syrien in das Tal in Azraq. Es könnte entsalzt werden, wenn in die bislang geschlossene Salzraffinerie investiert würde.

Ende dieses Jahres soll zumindest die Kläranlage endlich gebaut werden, sagt Borda-Mitarbeiter Talafha. Ein Teil des Wassers kann dann wiederverwendet werden. Ein erster Schritt.

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