Abschied von Angela Merkel

Wo alles begann

Ihren ersten Wahlkampf startete Angela Merkel 1990 in einer Fischerhütte auf Rügen. Was ist davon geblieben?

Fünf Fischer und mittendrin Angela Merkel

Merkel und die Fischer, 1990, Rügen Foto: Michael Ebner/Ullstein Bild

RÜGEN/STRALSUND taz | Ein paar Vögel piepsen, mürrisch, als wüssten sie, dass es jetzt doch kalt wird und es wirklich kein Zurück mehr gibt, kein Zurück vom Herbst. Die Blätter leuchten so sattrot und golden, als seien sie in Farbtöpfe gehängt worden und noch nicht getrocknet. Das Wasser des Dänholmkanals schwappt sachte an die schmalen Fischerboote. Und der Kleine Dänholm, dieses zwischen Stralsund und der Insel Rügen eingehegte Erdkissen, ruht in der Sonne. An diesem Kleinen Dänholm gibt es ein Museum, dort steht die Replik einer Fischerhütte.

Das Original stand einst ganz in der Nähe. Vor 28 Jahren, am 2. November 1990, öffnete Angela Merkel die Tür dieses Fischerschuppens in Lobbe, Südost-Rügen. Es war kühler, stürmischer, nebliger als im November 2018. Und abgesehen davon war alles ganz anders. Merkel zog in ihren ersten Wahlkampf, sie kandidierte in der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl für den Wahlkreis „Stralsund-Rügen-Grimmen“, den ihr Parteifreunde verschafft hatten. Sie, die 36-Jährige aus Templin, Brandenburg, wohnhaft in Berlin, wollte nun also dieses Fleckchen Welt erobern.

Das Foto, das an diesem Tag entstand, wurde berühmt. Auch, weil es, wie man nun weiß, ikonografisch für die Kanzlerschaft von Angela Merkel steht. Sie sitzt in weißem T-Shirt, lila Strickjahre und Jeansrock im seitlich hereinbrechenden Licht, um sie herum fünf Fischer in blauer Arbeitskluft, mit schweren Schuhen, Seemanns- oder Wollmützen auf dem Kopf. Sie schauen aus dem Fenster oder in die Luft. Die Besucherin klammert sich an ein Schnapsglas, zwei Gläser soll sie an diesem Tag getrunken haben. Unbeholfen wirkt sie, passiv, doch auch so, als würde sie das nicht im geringsten stören. Merkel soll sachlich interessiert gewesen sein, berichten die Fischer anschließend, sie habe viel nachgefragt, nachgehakt, zugehört, keine Meinungen geäußert. Ein Stil, den sie immer bewahrt hat.

Einer der Fischer sagte Jahre später über Merkels Besuch: „Sie hat den Eindruck gemacht, als wenn sie uns verstehen würde.“ Sie honorierten das und wählten Merkel. Gleich in der ersten gesamtdeutschen Wahl erreichte sie 48,5 Prozent der Erststimmen. Dann folgten sieben Wahlperioden. In jeder einzelnen gewann sie, einmal mit mehr als 50 Prozent der Stimmen. „Das ist meine politische Heimat“, sagte sie mal.

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In dieser Heimat waren Fischerhütten einst an jedem Strand zu finden, als Lager für Fanggeräte und Zubehör. Heute gibt es kaum noch welche. Und Angela Merkel gibt den CDU-Vorsitz frei, nach 18 Jahren. Die Lokalpolitiker der Insel hatten eine verlässliche und immer mächtigere Ansprechpartnerin auf Bundesebene, seit 2005 sogar einen direkten Draht ins Kanzleramt. Seit nunmehr 13 Jahren.

Aber nicht mehr lange, höchstens noch drei Jahre. Und der Fischerschuppen in Lobbe auf Rügen, er wurde im vergangenen Jahr abgerissen.

Am Kleinen Dänholm ist das Abbild des Schuppens die erste Attraktion beim Rundgang durchs Nautineum, das Exponate der Fischerei zeigt. Waagerecht genagelte Bretter, verblichenes Rot, offenstehende Türen. Und darin Gegenstände, die schon da waren, als die Kanzler noch nicht Schmidt, Kohl, Schröder oder Merkel hießen, sondern Ebert, Scheidemann, Stresemann und von Papen.

Im Schuppen riecht es nach Ölzeug und Teer. Man kann sie sich gut vorstellen, die Fischer, die herumeilen zwischen ihrem Fangzeug, den gusseisernen Bottichen, dem Schnaps. Netze und Seile hängen von der Decke, eine Fischerhose über einem Balken, ein Fischerschlitten steht in einer Ecke, und unter dem kleinen Fenster ein Tisch. Über und über bedeckt mit Zeitungen, DDR-Büchern, Bierflaschen. Das berühmte Foto von Merkel und den Fischern, es hängt an der Innenseite einer Schranktür.

Sie blieb einfach sitzen

Und sogar jetzt, ohne Fischer, wird einem schnell klar, wie fremd man sich hier fühlen kann. Wie naiv und unwissend, nichtsahnend von den Sorgen der Männer, die von diesem Geschäft leben müssen, nur im Klaren darüber, wie wenig man hierhergehört. Doch Merkel erwies sich schon damals als uneitel und stoisch, sie blieb einfach sitzen und passte so auch irgendwie zu den Rügener Fischern. Diese hatten sich mehr von dem direkten Draht zur Kanzlerin erhofft: Zur Zeit der Wende gab es 2.000 Fischereibetriebe auf Rügen, heute sind es kaum mehr 100.

Indes fungierte Merkel wie ein Scheinwerfer, der Vorpommern besonders hell ausleuchtete. Auch, weil Großereignisse wie der G8-Gipfel 2007 in Heiligendamm, ein Barbecue mit US-Präsident Bush 2006 in Trinwillershagen und der Besuch von Prinzenpaaren, Königen und Königinnen an der Ostseeküste stattfanden.

Eine, die bei all diesen Ereignissen dabei war, ist An­drea Köster, langjährige Bürgermeisterin von Bergen auf Rügen und bis heute Kreistagspräsidentin. Angela Merkel hat sie zu der Zeit kennengelernt, als diese mit den Fischern in der Hütte saß. Sie sagt, Merkel sei mehr als eine Parteifreundin. „Ihr wird oft vorgeworfen, herzlos zu sein, aber das ist nicht so. Sie hat mich während meiner Scheidung unterstützt. Sie hat ein großes Herz.“

Die frühen 1990er Jahre hat Andrea Köster als „unheimlich spannende“ Zeit in Erinnerung, in der viel möglich war. In Vorpommern wurden Verkehrsprojekte sicher eine Spur schneller umgesetzt als anderswo: die A20 oder die Rügenbrücke, auch der Bau eines Medienzentrums. Und Andrea Köster saß beim Besuch des US-Präsidenten plötzlich mit First Lady Barbara Bush am Tisch.

„Merkel weiß nichts von uns “

Den Rückenwind der Kanzlerin, den hat auch Burkhard Lenz gespürt, der seit 2006 für die CDU im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern sitzt. Im Hafen von Lauterbach, im Südosten von Rügen, liegt sein Ausflugsschiff „Julchen“. Mit ihm fährt er Touristen auf die unter Naturschutz stehende Insel Vilm, führt Touren zu Honeckers einstigem Ferienhaus. Drei, vier Mal im Jahr kam Merkel in ihren gemeinsamen Wahlkreis, mit ihr besuchte er Betriebe und Kindergärten, schüttelte Hände und lächelte in Kameras. „Sie hat für uns hier gekämpft“, sagt er, „dass das wegfällt, werden wir deutlich zu spüren bekommen.“ Die Insel hat nicht einmal 70.000 Einwohner, über die Jahre habe sie gefühlt fast jeder mal getroffen.

Burkhard Lenz, CDU-Landtagsabgeordneter aus Rügen, über seine Wahlkreiskollegin

„Die Leute stehen entweder hinter Merkels Haltung oder lehnen sie ab. Differenzierte Töne gibt es nicht.“

Zwei von denen, die Merkel immer nur von Weitem gesehen haben, schlendern an diesem Nachmittag durchs Nautineum am Kleinen Dänholm. Sie wollen unerkannt bleiben, es sind Kathi und ihr Bruder, beide etwa Mitte 40, beide auf Rügen aufgewachsen. Sie lebt noch immer auf der Insel, er ist weggezogen. Kathi sagt, es sei Blödsinn, dass sie die Rügenbrücke nur wegen Merkel bekommen hätten. „Die da oben wissen doch überhaupt nicht mehr, wie es auf der Insel Rügen aussieht. Merkel weiß nichts über uns, ihr Volk. Wenn sie mal hier war, kam sie mit dem Hubschrauber, dinierte in einer schicken Villa in Binz, winkte zweimal ins Volk und war weg.“ Nichts wüsste sie davon, für welchen Hungerlohn manche auf der Insel schuften, welche Umwege sie manchmal fahren müssten.

Und dann sagt Kathi: „In dieses Vakuum, das CDU und SPD hinterlassen haben, ist die AfD gestoßen.“ Eine Alternative für viele, aber bestimmt nicht für sie, sagen die Geschwister. Aber ja, die Stimmung gegenüber Merkel sei gekippt, doch zum Glück auf Rügen nicht so sehr wie etwa auf Usedom. Auch An­drea Köster sagt, dass Merkels Popularität verhindert habe, dass die AfD auf Rügen eine größere Rolle spiele.

Und Landrat Burkhard Lenz meint, selbst 2016, als die „Flüchtlingskrise“ schon ihren Namen hatte, habe man sie in Göhren, unweit der Fischerhütte, in der alles begann, noch mit Jubel empfangen. „Allerdings“, gibt Lenz zu, „auch auf Rügen gibt es in der Flüchtlingsfrage einen Riss. Die Leute stehen entweder hinter Merkels Haltung oder lehnen sie ab. Differenzierte Töne gibt es nicht.“

Das Nautineum am Kleinen Dänholm geht jedes Jahr zum 1. November in die Winterpause. Wenn es im Mai 2019 wieder öffnet, ist nicht nur die Fischerhütte Geschichte.

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