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Abgang eines großen Ski-AbfahrersSpäter Triumph

Mit Romed Baumann verabschiedet sich der letzte Athlet einer großen deutschen Abfahrts-Ära. Bei den Frauen könnte Emma Aicher indes Großes gelingen.

Ein letzter Gruß von Romed Baumann in Garmisch-Partenkirchen Foto: Giovanni Auletta/ap

Aus Garmisch-Partenkirchen

Elisabeth Schlammerl

Den letzten Auftritt genießen, feiern, sich feiern lassen. Das war der Plan von Romed Baumann beim Heim-Weltcup in Garmisch-Partenkirchen. Aber das Wetter meinte es nicht gut mit dem 40-Jährigen, sein letztes Rennen am Sonntag fiel aus, wegen Nebels auf der Strecke. Die Entscheidung, die Karriere zu beenden, „ist gereift“, sagte Baumann. „Es hat sich richtig angefüllt, dass ich es hier in Garmisch mache.“ Geplant war, dass er dies kurz vor dem Rennstart verkündet, aber angedeutet hatte er es bereits einen Tag zuvor.

„Ich habe nicht mehr ganz die Bereitschaft, wie ich sie noch vor drei, vier Jahren gehabt habe“, sagte er. Und das habe nichts mit fehlender Motivation zu tun. Baumann will, aber kann nicht mehr. Bei der Abfahrt am Samstag musste er an einem Tor fast abbremsen, nahm es dann doch noch und kam mit 15 Sekunden Rückstand auf Sieger Marco Odermatt aus der Schweiz ins Ziel. „Ich habe es mir nicht zugetraut, dass ich da nochmal draufsteige“, sagte er. Baumann gab 2004 sein Weltcup-Debüt, schaffte in 387 Rennen zwei Siege und gewann zwei WM-Medaillen.

Seine Entscheidung vertuschte ein wenig das Abschneiden der Deutschen beim Heim-Weltcup. Am Samstag landete der einzige Starter, Simon Jocher, auf Platz 37. Derjenige, der vor Olympia als Achter von Kitzbühel für einen kleinen Lichtblick gesorgt hatte, bewegte sich auf Krücken durch den Zielraum. Luis Vogt hatte sich beim Abschlusstraining das Kreuzband überdehnt und musste die Saison beenden.

Während die deutschen Abfahrer gerade sprichwörtlich an Krücken gehen, gab es für die Frauen im andorranischen Skiresort Soldeu Erfolgserlebnisse. Emma Aicher verließ die Pyrenäen mit einem Sieg und einem zweiten Platz in den beiden Super-G-Rennen am Wochenende. Am Freitag hatte sich die zweimalige Silbermedaillengewinnerin bei den Olympischen Spielen bereits mit einem vierten Platz an die in der Weltcup-Wertung noch führenden Lindsey Vonn aus den Vereinigten Staaten herangepirscht. „Ein paar Mini-Fehler“ habe sie gemacht, und im Steilhang „nicht ganz durchgezogen“, aber sonst war Aicher, wie fast immer, „ganz zufrieden“ mit ihrem Skifahren in diesen Tagen.

Wechsel zum deutschen Verband

Mit Baumann verabschiedet sich der letzte Athlet einer großen deutschen Abfahrts-Ära. Der Österreichische Skiverband hatte ihn, der bei der WM 2013 noch Kombinations-Bronze geholt hatte, aussortiert. Weil er sich mit 33 noch zu jung fühlte, um aufzuhören, fragte er 2019 im Nachbarland an. Baumanns Frau ist Deutsche, er lebte ohnehin bereits im bayerischen Kiefersfelden. Baumann erlebte beim Deutschen Skiverband zum ersten Mal so etwas wie Nestwärme, das kannte er im von Konkurrenzkampf dominierten ÖSV nicht. Und dieses gute Betriebsklima sorgte dafür, dass er noch einmal zu den Besten aufschloss – und mit Silber im Super-G bei der WM in Cortina 2021 seinen größten sportlichen Erfolg schaffte.

Das Niveau konnte Baumann noch ein, zwei Jahre halten, aber dann war ihm immer mehr die Mühe anzumerken. Dennoch, sagte Cheftrainer Christian Schwaiger, sei Baumann noch ein wichtiger Teil der Mannschaft gewesen, als wertvoller Ansprechpartner für die Jüngeren.

Noch mehr profitierte der DSV vom Nationenwechsel bei Emma Aicher, die schon mit 16 nach Deutschland kam und nicht erst im sehr reifen Skirennfahreralter. Wer schon in so jungen Jahren den Verband wechselt, ist meist unzufrieden, sieht woanders bessere Entwicklungsmöglichkeiten. Emma Aicher redet nicht groß über die Gründe, warum sie vor sechs Jahren von Schweden nach Deutschland zog, sagt nur, es habe wegen des deutschen Vaters eben die Möglichkeit gegeben. Womöglich gibt es tatsächlich keinen Anlass für Kritik am schwedischen Verband. Andererseits: Wenn alles ganz prima gewesen wäre, hätte sie sich mit dem DSV vermutlich gar nicht beschäftigt.

Ziemlich sicher aber würde Aicher ohne diesen Wechsel nicht schon mit 22 Jahren eine erfolgreiche Vier-Disziplinen-Fahrerin sein. In Schweden liegt der Fokus beim Nachwuchs auf Slalom und Riesenslalom. Als Andreas Puelacher 2022 die deutschen Frauen als Cheftrainer übernahm, erkannte er auf Anhieb, dass Aicher auch großes Talent für Abfahrt und Super-G besitzt – und führte sie langsam heran. Und nun könnte sie die jüngste Gewinnerin des Abfahrtsweltcups seit Katja Seizinger werden. Die war einst sogar erst 19 Jahre.

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