50. Jubiläum des Kulturzentrums in Melle: „Der Schlüssel zum Erfolg liegt in Kooperationen“
Vor 50 Jahren haben junge Menschen das Kulturzentrum Wilde Rose nahe der Kleinstadt Melle gegründet. Heute ist es eine feste Instanz in der Region.
Foto: Archiv Wilde Rose
taz: Frau Daiber, was hat sich in der Wilden Rose über die Jahre bewährt?
Barbara Daiber: Die Idee der verschiedenen Abteilungen unter dem Dach eines gemeinnützigen Vereins, die viel Selbstständigkeit und Kreativität erlauben, aber trotzdem gemeinsam funktionieren. Das ist eine starke Konstruktion, die allerdings auch auf Vertrauen basiert. Wir können den Verein nutzen für unsere Projekte, und die können ganz verschieden sein. Wir sind derzeit acht Menschen im Verein und viele Mitwirkende, aber wir schaffen viel, weil jede*r mit Feuer bei dem ist, was er/sie machen möchte.
taz: Mit welchem Gedanken wurde das Kulturzentrum damals gegründet?
Daiber: Der Aufbruch war in den 70er Jahren, wo es sehr stark darum ging, Leben und Arbeiten zu verbinden – das Persönliche ist politisch und das Politische ist persönlich. Es ging um das Ideal der Ganzheitlichkeit, mit Kopf und Hand zu arbeiten. Das war vor meiner Zeit. Mein Mann, Willem Schulz, war einer der Gründer. Aufgrund der Räumlichkeiten des ehemaligen Altersheimes, das sie als Verein gekauft haben, haben sie es als ein Bildungs- und Freizeithaus gegründet. Das waren junge Leute mit viel Idealismus, die sich keinen Lohn bezahlt haben, alle machten alles – Küche und Hauswirtschaft, Büro, Werkstatt, Kinderbetreuung. Finanzieren konnten sie den Kauf durch Bürgschaften von Freunden und Verwandten.
taz: Wie hat es sich über die Jahre gewandelt?
Daiber: Im Laufe der Zeit hat sich das Projekt durch zahlreiche Gruppenprozesse und verschiedene Interessen immer wieder erneuert. Leute kamen und gingen. Nach etwa zehn Jahren waren nur noch zwei, drei Leute hier. Die haben sich noch mal neu erfunden und ein Künstlerprojekt mit 30 Leuten gemacht. Das hat zu dem künstlerisch-kulturellen Schwerpunkt geführt, den es heute gibt.
Sommer-Camp zum 50-jährigen Bestehen des Kulturzentrums Wilde Rose in Melle: Do., 23. Juli, bis So., 26. Juli, Borgholzhausener Str. 75–79, Melle; Teilnahme an Angeboten ist kostenlos, als Tagesgast oder mit Übernachtung, Preis je nach Unterkunft, Anmeldung über willemschulz@t-online.de, Infos zum Programm unter www.wilde-rose.com
taz: Wird die Arbeit mittlerweile entlohnt?
Daiber: Jede Abteilung sorgt selbst für ihr Geld. Die Wilde Rose bekommt keine institutionelle Förderung, sondern wir akquirieren Projektmittel. Das geht von künstlerischen Großproduktionen über Bildungsarbeit bis zum kommunalen Kultur- und Kinderferienprogramm. Für die Arbeit im Gästehaus bezahlen wir vom Verein aus aber Angestellte, Minijobber und freie Mitarbeiter*innen.
taz: Also wird das Gelände durch das Gästehaus auch von außen belebt?
Daiber: Ja. Viele überregionale Gruppen kommen zu mehrtägigen Proben und Weiterbildungen. Im vergangenen Jahr hatten wir über 3.800 Übernachtungen mit vegetarischer Vollverpflegung.
taz: Was ist Ihre Abteilung?
Daiber: Seit 1995 habe ich das Malatelier, in dem ich Kurse für Kinder und Erwachsene und Fortbildungen für Erzieher*innen gegeben habe. Mittlerweile konzentriere ich mich mehr auf meine künstlerische Arbeit in der bildenden Kunst und Lyrik. Ein Projekt war auch das Einrichten eines „Frauenorts“ für die deutsch-portugiesische Schriftstellerin Ilse Losa in Melle. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in Kooperationen und Netzwerken. Ich organisiere hier zum Beispiel Lesungen, aber ich mache auch bei Lesungen von anderen mit. Die einen organisieren Kultur und die anderen machen sie. Hier machen wir beides und versuchen dabei, dem eigenen künstlerischen Tun genug Raum zu lassen.
taz: Wie blicken Sie auf die Zukunft der Wilden Rose?
Daiber: Ich bin zuversichtlich, dass es weitergeht und sich verjüngt. Die persönliche Frage ist: Kann und will ich hier alt werden? Wenn Leben und Arbeiten verbunden sind, geht man nicht mit 65 in Rente. Als Künstler*in sowieso nicht. Wir haben hier ein großes belebtes Areal und den Verein, der einen guten Namen in der Kulturlandschaft hat. Die Zukunft war hier eigentlich immer offen.
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