5 Jahre Ahrtal-Katastrophe: „Ursachen der Flut sollten nicht in Vergessenheit geraten“
Der Klimastammtisch Ahr informiert über die Auswirkungen des Klimawandels in der Region, nachhaltiges Leben und einen klimafreundlichen Wiederaufbau.
Rudolf May ist für seine Stelle beim Bundesamt für Naturschutz schon 1989 nach Altenahr gezogen. 2021 wurde auch sein Haus trotz Hanglage von der Flutkatastrophe im Ahrtal getroffen. Drei Jahre später gründete er mit anderen Anwohner*innen den Klimastammtisch Ahr – „damit die Ursachen der Flutkatastrophe nicht in Vergessenheit geraten“.
Seitdem hat die Gruppe schon Repaircafés, Klima-Rundgänge, Veranstaltungen zur energetischen Gebäudesanierung und Mobilität organisiert und mit einem Vortrag von dem Meteorologen und Moderator Sven Plöger 400 Menschen angezogen. Doch das Thema Klima rückt im Ahrtal wieder weiter in den Hintergrund.
„Die Leute sind ein bisschen erschöpft“, sagt Jutta Pürling, die die Idee zum Klimastammtisch hatte und Fraktionsvorsitzende der Grünen im Verbandsgemeinderat ist. Viele im Ahrtal sind nach der Katastrophe noch immer mit der Dorfentwicklung, dem Wiederaufbau ihrer eigenen Häuser und Schwierigkeiten mit Anträgen und Versicherungen beschäftigt.
Auch die Lokalregierungen sind mit der Aufgabe überfordert: „Für so eine Katastrophe ist eine Gemeinde mit ehrenamtlichen Bürgermeistern nicht gemacht. Da sind viele verschlissen worden und haben wenig Unterstützung bekommen“, sagt Hans-Dieter Villmow, der selbst jahrzehntelang in der Behörde gearbeitet hat und in seiner Rente einen Minijob in der Verbandsgemeindeverwaltung macht.
Klimawandel wird verdrängt
Villmow musste sein Haus nach der Flutkatastrophe wieder aufbauen lassen – an Ort und Stelle, weil die Versicherung sonst nicht gezahlt hätte. Das ist für ihn wie für die anderen Klimastammtisch-Mitglieder unverständlich. „Es ist ein Drama, dass den Leuten das überhaupt erlaubt wurde“, sagt Jutta Pürling. Viele Ahrtaler*innen würden das Thema Klima verdrängen und denken, dass sie mit den geplanten Rückhaltebecken oberhalb des Tals vor künftigen Flutkatastrophen sicher seien. Doch deren Aufbau wird noch Jahrzehnte dauern.
Für den Klimastammtisch stehen der Wiederaufbau, die Verarbeitung der Katastrophe und der Klimaschutz nicht in Konkurrenz zueinander. Trotz Verständnis für die überforderte Verwaltung sorgen sich die Mitglieder wegen des wenig umweltfreundlichen Wiederaufbaus: Eine Turnhalle würde mit Aluminiumblech wiederaufgebaut; ein Fahrrad-Rastplatz ohne einen einzigen Baum für Schatten, und ein anderes Gebäude bekäme zwar einen weinroten Anstrich, um sich optisch ins Weinbaugebiet einzufügen, aber keinen klimafreundlichen Baustoff. Sie alle kennen solche Beispiele und diskutieren bei ihrem Stammtisch im Juni über die Bauprojekte und nachhaltigere Materialien.
Die etwa 15 Mitglieder des Klimastammtisch-Kernteams versuchen der Klimamüdigkeit mit Ortsrundgängen zu den Auswirkungen des Klimawandels und Infoveranstaltungen zur nachhaltigen Mobilität, Gebäudesanierung und Balkonkraftwerken entgegenzuwirken. Im Schnitt sind die Klimastammtisch-Mitglieder um die 60 Jahre alt. Die Begeisterung fürs Radfahren, die Sorge um die umliegenden Wälder, die Klimakrise und bisherige Klimastammtisch-Veranstaltungen haben sie in die Runde gebracht.
Auch sie waren persönlich von der Flutkatastrophe betroffen. Pürling sagt: „Ich habe es als Pflicht gesehen, für mehr Klimaschutz zu werben, nachdem wir die Klimakatastrophe selbst erlebt haben.“ Nach der Veranstaltung mit Sven Plöger wollen sie andere prominente Wissenschaftler anfragen und mittlerweile komme im Ahrtal an, dass der Stammtisch gute Veranstaltungen bietet – mit veganem Essen. Letzteres würde besonders die jüngeren Anwohner*innen freuen, sagt Pürling.
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