3sat-Dokureihe „Ab 18!“: Von Liebe, Tod und Arbeit

Die Dokureihe „Ab 18!“ begleitet Heranwachsende und zeigt ihre unterschiedlichen Realitäten. Der Wunsch nach Selbstbestimmung eint sie alle

Junge Frau an einer Maschine

Die erste Folge begleitet die Leiharbeiterin Seda Foto: Jonas Heldt/3sat

Das Durchschnittsalter der Zuschauer der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender liegt hierzulande inzwischen bei über 60 Jahren. Es besteht also Handlungsbedarf, wenn man die „jüngere Zielgruppe“ doch noch irgendwie erreichen will. Beim ZDF hatten sie dafür 2015 die mitternächtliche Nachrichtensendung „heute+“ erfunden – und in diesem Sommer auch schon wieder eingestellt. Der Sendeplatz um die Geisterstunde (im Sommerloch) herum ist den hauseigenen Förderprogrammen für Nachwuchsfilmer – ob „FilmDebüt im Ersten“ oder „Shooting Stars“ im Zweiten – vorbehalten. Meistens handelt es sich um Abschlussfilme von Filmstudenten: ihre erste und vielleicht auch letzte Gelegenheit, einen ambitionierten Autorenfilm zu drehen, bevor sie bald nur noch Krimi-Massenware für die Primetime herstellen.

Die Nachwuchsreihe des kleinen Bruders 3sat ist da niederschwelliger angelegt: „Wir suchen Dokumentarfilmprojekte, die in die Erlebnis- und Gefühlswelt von 18- bis 28-Jährigen eintauchen und spannende Geschichten von Erwachsenwerden heute […] erzählen“, heißt es in der Ausschreibung für „Ab 18!“. Das formale Kriterium, die „Länge von 30 Minuten“, scheinen die 3sat-Filmredakteure, wie die Altersangabe von 18 Jahren, eher als Mindestgröße zu verstehen. Inhaltlich zeugen die sechs in diesem Jahr geförderten Projekte von durchaus unterschiedlichen „Erlebnis- und Gefühlswelten“:

„Seda baut Autos“, manchmal. Manchmal wird sie von ihrer Leiharbeitsfirma an einen Zulieferer ausgeliehen. Manchmal arbeitet sie auch an einer Tankstelle. Oder gar nicht. Ein Staplerschein als Chance: „Gabelstaplerfahrer oder Gabelstaplerfahrerin – welche Zukunftschancen sehen Sie für den Beruf?“, fragt der altgediente Ausbilder rhetorisch. Die Filmbilder (von Jonas Heldt) zeigen einen selbstfahrenden Stapler in einer menschenleeren Werkshalle. Kein Wunder, wenn sich Seda die Sinnfrage stellt: „Arbeit ist auch voll das verspulte System. Du machst irgendwas und bekommst dafür Geld. Die ganze Zeit. Bis zur Rente, dann bist du eh schon 60.“

In „Ich habe dich geliebt“ (Rosa Hannah Ziegler) merkt man schnell, dass es mit der Liebe Katharinas zu Ben vorbei ist. Spätestens wenn man sich seine endlosen Vorwürfen ein Weile lang angehört hat. Aber irgendwann hält man inne. Was hat der da gerade gesagt: „Und was ist mit unserem Sohn? […] Ich geh jedes Mal alleine hin. Jedes Mal sag ich ihm, nächstes Mal kommst du vielleicht mit. […] Aber das Einzige ist, dass ich alleine da bin und die Erinnerung an ihn in ’nem Karton verscharrt. Warum kommst du nicht mit?“

„Ab 18!“, Mo., 26.10., Episoden 1-3, ab 22.30 Uhr und am Mo., 2.11., Episoden 4 – 6, ab 22.25 Uhr, 3sat

Der Tod ist auch auf den Reisen der Kriegsberichterstatter Dennis und Patrick Weinert allgegenwärtig. Die Erzählung eines Rohingya-Mädchens von der Ermordung von Onkel, Vater und Mutter vor ihren Augen treibt auch den abgehärteten Profis die Tränen in die Augen. Die Kamera ist ihr Mittel, um die Welt „Hinter unserem Horizont“ zu entdecken. In der Zentralafrikanischen Republik kommen sie selbst nur knapp mit dem Leben davon: „Aber warum suchen wir nach immer extremeren Situationen?“ Die philosophischen Reflexionen aus dem Off klingen manchmal ein bisschen schlauer, als sie sind: „Ich glaube, wenn wir aufhören zu suchen, verstehen wir letztendlich, dass die Antworten oft direkt vor uns liegen.“

Es zeichnet sich dann doch ein gemeinsames Zentrum der Filme ab. Alle kreisen irgendwie, irgendwo um das Thema Selbstbestimmung: Sei es die einer trans Person in einem binären Geschlechtersystem („Being Sascha“ von Manuel Gübeli) – sei es die der „stärksten Frau Österreichs“ in einem männerdominierten Umfeld („Die Gewichtheberin“ von Constantin Hatz und Annelie Boros).

Sei es die von Luisa Neubauer (von Regisseurin Romy Steyer), die sie das deutsche Gesicht von Fridays for Future nennen. Rastlos eilt „Luisa“ von Streik zu Demo, von Macron zu Merkel, von Talkshow zu (Grünen-)Parteitag. Und dann will auch noch der Kreisvorsitzende in Osterholz etwas von ihr, und der besorgte Vater einer Mitstreiterin muss am Telefon beruhigt werden.

Das ist anstrengend, klar, aber klar wird auch, dass Luisa Neubauer die enorme Aufmerksamkeit, die ihr zuteil wird, sehr genießt. Eine selbstbestimmte junge Frau hat ihre Bestimmung gefunden.

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