25. Jahrestag des Massakers in Srebrenica: Der Krieg im Klassenzimmer

Was junge Bosnier*innen in der Schule über Kriegsverbrechen lernen, hängt stark von der Schule ab. Das Bildungssystem vertieft die Gräben.

Eine Schülerin wirft eine Ball über den Zaun, der die kroatischen SchülerInnen von den bosnischen Schülerinnen trennt

Ein Zaun trennt bosnische und kroatische SchülerInnen, um jeglichen Kontakt zu verhindern Foto: Laura Boushnak/NYT/Redux/laif

BERLIN taz | Wer in Bosnien Schulbücher des Fachs Geschichte durchblättert, bekommt ein Gefühl dafür, was es heißt, wenn Geschichte noch längst nicht Geschichte ist.

Denn nicht nur die Verwaltung des Balkanstaates ist seit dem Ende des Krieges 1995 in serbisch, kroatisch oder bosniakisch geprägte Gebiete und Kantone aufgeteilt – sondern auch das Bildungssystem. Während Schulbücher im einen Landesteil zentral festgelegt werden, können im anderen Teil die Schulen frei bestimmen. Das nutzen die nationalen Gruppen für sich, und lehren ihren Kindern nur jene Version der Kriegsjahre der 1990er, die in das eigene Narrativ passt.

In einem Schulbuch für 9. Klassen im serbisch dominierten Teil Republika Srpska liest sich das so: „Die internationale Gemeinschaft hatte kein Verständnis für das serbische Volk, das nur Freiheit und nationale und Menschenrechte wollte.“ In einem Geschichtsbuch einer kroatisch-katholischen Schule steht hingegen: „Unehrenhafte Handlungen wurden größtenteils aus Rache oder Gier durch Einzelpersonen oder kriminelle Gruppen begangen und stehen im Widerspruch zum ehrenwerten Verhalten der überwiegenden Mehrheit der kroatischen Kommandeure, Soldaten und Polizisten.“

Diese Auszüge zeigen beispielhaft, wie umstritten die zwischen 1992 und 1995 begangenen Kriegsverbrechen bis heute sind – auch an Schulen. Eine von der Open-Society-Stiftung finanzierte Untersuchung aus dem Jahr 2017 zeigt, dass Schulbücher in Bosnien überwiegend mit Stereotypen arbeiten, sich auf die eigene Gruppe fokussieren und das Trennende suchen und betonen.

Ministerium in Sarajevo ohne Befugnisse

Im Fach Geschichte scheint das besonders ausgeprägt zu sein: Nur 14 Prozent der untersuchten Geschichtsbücher stellen Sachverhalte differenziert dar, nur 5 Prozent zeigen verschiedene Perspektiven und nur 3 Prozent fokussieren sich auf Lösungen für die angeführten Probleme.

Infografik: infotext-berlin.de

Der Daytoner Friedensvertrag beendete 1995 zwar den Krieg in Bosnien, hinterließ aber ein geteiltes Land: Die beiden neu entstandenen Teilrepubliken Republika Srpska und die Föderation Bosnien und Herzegowina besitzen jeweils eine eigene Exekutive und Legislative, die Kantone zusätzliche Befugnisse. Daraus leiten die nationalen Gruppen auch ihr Recht ab, die Bildung ihrer Kinder eigenmächtig zu gestalten. So kommt es, dass in Bosnien bis zu sechs verschiedene Lehrpläne im Einsatz sind und eine serbische Lehrerin an einer bosniakischen Schule zwar Kunst unterrichten darf, aber nicht Geschichte.

Besonders heikle Themen werden im Schulunterricht gleich komplett ausgeblendet. So findet sich in den Geschichtsbüchern der Republika Srpska kein einziges Wort zum Genozid in Srebrenica vor 25 Jahren, als am 11. Juli 1995 in der ostbosnischen Kleinstadt über 8.000 bosniakische Männer und Jungen von Soldaten der Armee der Republika Srpska ermordet wurden.

Tabuthema Sebrenica

Schulbücher, die diese Tragödie thematisieren, darf es in der Republika nicht geben, stellte 2017 deren Regierungschef Milorad Dodik klar: „Hier ist es unvorstellbar, dass Schulbücher aus der Föderation verwendet werden, in denen steht, dass die Serben einen Genozid begangen haben (…) Es ist nicht wahr und es wird hier nicht gelehrt.“ Srebrenica selbst liegt in der Republik Srpska – so sollen die Schüler*innen nichts über den Völkermord erfahren, der vor ihrer Haustür stattfand.

Blutige Geschichte 1992 brach der Krieg auf dem Gebiet des heutigen Bosnien und Herzegowina (BiH) aus. Zehntausende Mus­lim*innen flohen in die Stadt Srebrenica. Am 11. Juli 1995 marschierten dort nach dreijähriger Belagerung serbische Soldaten ein und ermordeten über 8.000 Bosniaken, die von der UN-Mission angeforderte Nato-Luftunterstützung blieb aus. UN-Gerichte bezeichneten das Massaker später als Genozid.

Geteilter Staat Das Abkommen von Dayton beendete den Krieg und machte BiH zum souveränen Staat mit zwei Teilrepubliken: der serbisch dominierten Republika Srpska und der bosniakisch-kroatischen Föderation. Im Brčko-Distrikt gelten Sonderrechte. In BiH leben rund 50 Prozent Bosniak*innen (größtenteils muslimisch), 31 Prozent Serb*innen (orthodox) und 15 Prozent Kroat*innen (katholisch).

Segregiertes Bildungssystem Die Schüler*innen lernen in der Regel in nach Ethnien getrennten Schulen oder sind während des Unterrichts getrennt. Für Bildungsfragen sind die Teilrepubliken zuständig. Das Bildungsministerium in Sarajevo hat wenig Befugnisse. (jl)

Ervin Peleš, 18 Jahre alt, Sohn einer Bosniakin und eines Serben, hat nur noch ein Schuljahr vor sich. Mittlerweile besucht er in Bihać im Westen der kroatisch-bosniakisch geprägten Förderation eine Schule mit bosniakischem Lehrplan. Doch weder hier noch in seiner vorherigen kroatischen Schule stand der Genozid auf dem Stundenplan. „Ich habe meine Lehrerin danach gefragt, doch sie meinte, wir haben wichtigere Dinge zu behandeln“, sagt er.

Doch Peleš ist geschichtsinteressiert, er hat Bücher über Srebrenica gelesen und Dokumentationen gesehen. „Und meine Oma hat mir viel über Srebrenica erzählt und wie damals serbische Soldaten auch in ihren Heimatort Sanski Most einfielen.“

Die Aufarbeitung der Geschichte geschieht in Bosnien nicht in den Klassenzimmern, sondern zu Hause am Küchentisch – durch Familienmitglieder, die meist selbst auf irgendeine Art Opfer oder Täter waren.

Aleksandra Krstović ist im Rahmen der OSZE-Mission in Bosnien für Bildungsfragen zuständig und findet die Entwicklung problematisch. „Bildung ist wichtig, damit Wissen, Erinnerungen und Vermächtnisse von Konflikten an die nächste Generation weitergegeben werden“, sagt Krstović. „Wenn sie nicht in sicheren Lernumgebungen wie Schulen offen diskutiert werden, können sie möglicherweise wiederkehrende Zyklen von Hass und Gewalt fördern.“

Segregierte Schulen

Das Gegenteil einer solch offenen Lernumgebung ist das Konzept „Zwei Schulen unter einem Dach“. So betreten etwa in der zentralbosnischen Stadt Travnik und in 55 weiteren Schulen bosniakische und kroatische Schüler*innen morgens zwar dasselbe Schulgebäude – jedoch durch separate Eingänge. Die bosniakischen Schü­ler*in­nen nutzen nur einen Teil der Schule, die kroatischen den anderen. Ein Stahlgitter zieht sich durch den Pausenhof, um jeglichen Kontakt zwischen den Schü­ler*innen zu verhindern. In der Republika Srpska sind Schulen gleich komplett nach Ethnien getrennt.

Dieses Konzept wurde nach dem Krieg sogar von der OSZE mitentwickelt. Laut Krstović war es im aufgeheizten Nachkriegskontext die einzige Möglichkeit, die Eltern dazu zu bewegen, ihre Kinder wieder in die Schulen zu schicken. „Es sollte nur eine vorübergehende Lösung sein“, erklärt Krstović. „Leider ist das Temporäre dauerhaft geworden.“ Selbst in gemischten Schulen werden die Schüler*innen oft getrennt, sobald Fächer wie Geografie oder Geschichte auf dem Stundenplan stehen.

Politisch ist das durchaus gewollt. Verschiedene Bemühungen, die Trennung an den Schulen zu beenden – etwa durch ein initiiertes Antidiskriminierungsgesetz oder das Urteil des bosnischen Verfassungsgerichts, das das Zwei-Schulen-Modell für diskriminierend und verfassungswidrig erklärte –, konnten bislang nichts ausrichten. Denn im Streben der politischen Eliten um Macht und Einfluss sind Bosniens Schulen ein umkämpftes Feld. So erklärte die damalige bosnische Bildungsministerin Greta Kuna im Jahr 2007: „Äpfel zu Äpfeln und Birnen zu Birnen.“

Nationalist*innen an der Macht

An dieser Einstellung hat sich kaum etwas geändert: Nationalistische Politiker*innen, wie sie in Bosnien-Herzegowina fast nur an der Macht sind, arbeiten lieber mit Ressentiments gegenüber den anderen nationalen Gruppen, um schnell Wählerstimmen zu sammeln, als mit langwierigen Reformen.

Dabei hätte das bosnische Bildungssystem sie dringend nötig: In der letzten Pisa-Studie von 2018 lagen die Schüler*innen in allen Fachbereichen weit hinter dem OECD-Durchschnitt. Doch bislang werde Geld lieber in die Aufrechterhaltung des kostspieligen getrennten Schulsystems gesteckt, anstatt in Unterrichtsmaterialien oder Leh­rer*innenausbildung zu investieren, kritisiert Bildungs­expertin Aleksandra Krstović.

So liegt es heute an einzelnen Lehrkräften, ihren Schüler*innen die jüngere Geschichte differenziert zu vermitteln. Für sie haben Historiker*innen und Ge­schichts­lehrer*innen aus Bosnien auf der Plattform Devedesete.net [devetesete = Neunziger] Unterrichtsmaterialien gesammelt, die die Geschehnisse der 1990er Jahre behandeln, darunter Dokumentarfilme über den Genozid von Srebrenica oder eine interaktive Webseite. Andere NGOs organisieren etwa Exkursionen zum Gedenkort in Potočari.

Solche Bemühungen sind wichtig. Denn nach dem Krieg ist bisher eine ganze Generation getrennt voneinander aufgewachsen – mit kaum Kontakt zu serbischen, kroatischen oder muslimischen Bosniern, dafür mit Schulbüchern voller Feindbilder. Beim 18-jährigen Peleš ist das anders. In seine Klasse gehen auch einige kroatische und serbische Bosnier, der Unterricht findet nicht getrennt statt. „Einer meiner besten Freunde ist Kroate“, sagt er. „Er ist einer der ehrlichsten Menschen, die ich kenne.“

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