1.504 Tage Krieg in der Ukraine: Mit der Bahn durch die Ukraine – Beschuss inklusive
Seit vier Jahren gibt es keinen Flugverkehr mehr in der Ukraine. Die Bahn ist die bequemste Alternative. Doch richtig sicher sind auch Zugreisen nicht.
S ollten Sie in nächster Zeit in die Ukraine reisen wollen, werden Sie wahrscheinlich auf die Dienstleistungen der ukrainischen Eisenbahngesellschaft Ukrsalisnyzja zurückgreifen. Denn seit Kriegsbeginn vor vier Jahren gibt es keine Flugverbindungen mehr in die Ukraine und innerhalb des Landes. Reisen kann man deshalb nur noch mit Bussen, Autos und Zügen. Meiner Meinung nach ist die letzte Variante die bequemste.
Ich persönlich liebe Bahnreisen. Nicht zuletzt, weil es mich immer auch ein bisschen in meine Kindheit zurückbringt. Bis heute wird dort wie seit Jahrzehnten Tee in Gläsern mit Metallhaltern serviert. Zwar hat die Ukrsalisnyzja versucht, Pappbecher einzuführen, aber die Fahrgäste waren empört und haben die klassische Variante zurückgefordert. Denn das sind nicht einfach nur Gläser, sie sind auch nostalgischer Teil des Reiseerlebnisses.
Ukrainische Journalistin und Produzentin aus der Region Cherson, 28 Jahre, lebt in Kyjiw. Master in Kulturwissenschaften. Seit 2022 arbeitet sie an einem Nachrichten- und Analyseprojekt über das Leben der Menschen im Süden der Ukraine während des Krieges. Als Produzentin erstellt sie das Geschichtsprojekt „Deokupowana istoriia“ (Befreite Geschichte) über russische Mythen im Süden der Ukraine.
Welche Züge gibt es in der Ukraine
In der Ukraine gibt es heute zwei Zugreisemöglichkeiten: Schnellzüge vom Typ Intercity und Nachtzüge. Intercity-Züge funktionieren in der Regel wie in Deutschland.
Nachtzüge sind eine ganz andere Geschichte: Dort gibt es überwiegend Schlafplätze und so kann man relativ bequem die Nacht verbringen. Neulich bin ich zum Beispiel von Kyjiw nach Lwiw in der Westukraine gefahren: eine Fahrt von acht Stunden, die nur etwa 700 Hrywnja (umgerechnet 14 Euro) gekostet hat.
Tickets bekommt man am Bahnhof oder über die Ukrsalisnyzja-App. Sehr benutzerfreundlich übrigens, es gibt sie auch auf Englisch.
Dieser Artikel wurde möglich durch die finanzielle Unterstützung des Recherchefonds Ausland e. V. Sie können den Recherchefonds durch eine Spende oder Mitgliedschaft fördern.
Wie ist das mit der Sicherheit
Bei all dem Lob für die Bahn sollte man aber nicht vergessen, dass sich die Ukraine im Kriegszustand befindet. Immer häufiger müssen Züge aufgrund von Raketenangriffen anhalten und Fahrgäste werden aufgefordert, die Waggons zu verlassen und in Schutzräume zu gehen (wenn es welche gibt).
Das kann sehr unbequem sein – niemand möchte gerade im Winter mitten auf einem Feld auf das Ende des Luftalarms warten. Aber Menschen, die bereits in wirklich gefährlichen Situationen waren, in denen Raketen oder Drohnen ganz nahe vorbeiflogen, sehen solche Maßnahmen mit anderen Augen.
Für die Menschen in der Ukraine ist der Krieg zum Alltag geworden. Trotz der Todesangst vor Luftangriffen und Kämpfen geht das Leben weiter: Die Menschen gehen zur Arbeit, zur Schule und zur Uni. Sie lieben, lachen, heiraten, bekommen Kinder, machen Urlaub. Sie trauern, sorgen sich – und hoffen auf Frieden. ➝ zur Kolumne
Wie kommt man an die Fahrkarten
Tickets für besonders beliebte Verbindungen, vor allem in Richtung Grenzen, sind schnell ausverkauft. Deswegen sagt man in der Ukraine jetzt umgangssprachlich „Tickets ergattern“. Um die Chancen darauf zu erhöhen, muss man die Regeln kennen: Der Vorverkauf beginnt 20 bis 21 Tage vor der geplanten Reise, gewöhnlich morgens um acht. Das ist der verlässlichste Zeitpunkt für den Ticketkauf. Manchmal werden Fahrkarten auch noch kurz vor der Abreise frei – aber das ist dann echt Glücksache.
Mit dem Zug kann man nicht nur innerhalb der Ukraine reisen. Die Ukrsalisnyzja bietet Verbindungen nach Polen, in die Slowakei, nach Ungarn, Österreich, Moldau und Rumänien an.
Ich selbst war per Bahn bislang nur in Polen. Meine Lieblingsverbindung ist der Nachtzug Kyjiw-Chelm und dann weiter mit einem Regionalzug bis Warschau. Das ist bequem, relativ schnell und, besonders wichtig, ziemlich zuverlässig. Die längste Verzögerung, die ich bisher erlebt habe, betrug etwa zwei Stunden. Das lag aber nicht an der Bahn, sondern an russischem Beschuss.
Als ich das erste Mal von der direkten Zugverbindung nach Westeuropa erfuhr, hatte ich das Gefühl, dass eine bestimmte historische Kontinuität zurückkehrt. Denn noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Zugreisen aus ukrainischen Städten nach Wien, Krakau oder Budapest ganz alltäglich und die Ukraine damit Teil des europäischen Raums.
Ein Tipp zum Schluss
Wenn Sie eine Zugreise durch die Ukraine planen – nehmen Sie ein Buch mit, bestellen Sie beim Schaffner einen Thymiantee und gönnen Sie es sich, mal einen Gang runterzuschalten … Manchmal ist das Wertvollste auf Reisen die Möglichkeit, das Leben einfach mal nur zu beobachten.
Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey
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