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1.469 Tage Krieg in der UkraineTarnnetze knüpfen in Lübeck

Nadija hat es trotz Krieg jahrelang in Kyjiw ausgehalten. In diesem Winter wurde es ihr zu viel. Jetzt baut sie in Lübeck eine neue Existenz auf.

Nadija aus Kyjiw knüpft jetzt Tarnnetze in Lübeck Foto: privat

I hr Name Nadija bedeutet auf Deutsch „Hoffnung“ und gerade die Hoffnung ist die Kraft, die sie antreibt. Mit über 50 Jahren hat die Ukrainerin noch mal einen Neustart im Leben gewagt: Vor einigen Wochen ist sie aus Kyjiw nach Lübeck gekommen.

„Ich habe gezielt nach einer Stadt mit einer aktiven ukrainischen Gemeinschaft gesucht. Meine Landsleute, die schon früher geflohen sind, haben mir dabei geholfen“, erzählt Nadija. „Sie sagten, dass hier in Lübeck Tarnnetze geknüpft und in die Ukraine geschickt werden, dass die Abläufe bereits etabliert sind. Aber immer noch werden helfende Hände gebraucht“, ergänzt sie.

über leben

Für die Menschen in der Ukraine ist der Krieg zum Alltag geworden. Trotz der Todesangst vor Luftangriffen und Kämpfen geht das Leben weiter: Die Menschen gehen zur Arbeit, zur Schule und zur Uni. Sie lieben, lachen, heiraten, bekommen Kinder, machen Urlaub. Sie trauern, sorgen sich – und hoffen auf Frieden. ➝ zur Kolumne

Tarnnetze knüpfen als Freiwillige

Gleich mit Beginn der russischen Großinvasion 2022 ging Nadija zum Freiwilligenzentrum in ihrer Stadt Kaniw, wo sich gleichgesinnte Frauen versammelten und unter anderem Tarnnetze knüpften.

Als der Schock der ersten Wochen der russischen Aggression vorbei war, wurde ihr klar, dass sie in ihrem eigentlichen Beruf nützlicher sei. Und so begann sie, als Buchhalterin in einer neuen Firma zu arbeiten, die in Kyjiw Schutzhüllen für kugelsichere Westen herstellte. Die Stoffreste aus der Werkstatt nahm sie mit und schickte sie an ihre Freundinnen, die weiterhin Netze knüpften.

Grygorij Palij

wurde 1978 in Tschernihiw geboren und ist in Krywyi Rih aufgewachsen. Später arbeitete er als Journalist und Kommentator in Donezk und Kyjiw. 2015/16 und 2022 meldete er sich zum Dienst in der Armee, nach der Demobilisierung ist er mit seiner Familie nach Berlin gezogen. Seitdem pendelt er hin und wieder zwischen Deutschland und der Ukraine.

So vergingen für sie drei Kriegsjahre. Das Leben wurde jedoch immer schwieriger, Stress und Müdigkeit nahmen proportional zur Zunahme der russischen Angriffe auf ukrainische Städte zu. Als Nadija erkannte, dass sie ein weiteres Jahr in Kyjiw mit ständigen Stromausfällen nicht aushalten würde, beschloss sie, die Ukraine zu verlassen. Sie fand Bekannte, die in Deutschland Wohltätigkeitsveranstaltungen organisierten und Tarnnetze knüpften

Die Gemeinschaft in Lübeck wurde von geflüchteten Ukrainern und solchen, die bereits seit über 20 Jahren in der Stadt lebten, gegründet. Sie bauten selbst eine Maschine zum Knüpfen der Netze und Rahmen, auf die diese gespannt werden. Die Zusammensetzung der Gruppe hat sich im Laufe der fast vierjährigen Kriegshandlungen allmählich verändert. Derzeit besteht ein aktiver Kern von etwa 15 bis 20 Personen, die sich dreimal pro Woche treffen, überwiegend ältere Menschen. Die Jüngeren kommen in ihrer Freizeit nach der Arbeit oder dem Studium.

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Deutsch lernen in der Bibliothek

„In meiner Freizeit gehe ich in die Bibliothek. Dort lerne ich in aller Ruhe selbstständig Deutsch. Ich muss erst im Frühjahr einen Sprachkurs besuchen, aber bis dahin möchte ich meine Sprachkenntnisse so weit wie möglich verbessern.“ Nadija ist 51 Jahre alt und hofft, so schnell wie möglich Deutsch zu lernen, um dann als Buchhalterin arbeiten zu können.

Nach ihrer Ankunft in Deutschland lebte sie in Flüchtlingslagern, jetzt hat sie ein 2 mal 2 Meter großes Zimmer in einem Modulbau und verbringt daher mehr Zeit in der Bibliothek sowie in den Räumlichkeiten, die die Kirchengemeinde dem Freiwilligenzentrum zur Verfügung stellt. Hier unterhält sie sich mit Landsleuten – und knüpft Netze.

„Unser Zentrum arbeitet eng mit Menschen in der Ukraine zusammen, die sich um das Material für die Herstellung kümmern. Was wir mit unseren eigenen Händen hergestellt haben, schicken wir direkt dorthin, wo gerade Schutz gebraucht wird“, erzählt Nadija.

„Jetzt kann ich sagen, dass der Stress und der Burn-out, die ich in der Ukraine hatte, hinter mir liegen. Ich habe mich emotional davon gelöst, kann etwas Neues lernen. Und möchte nun wieder sowohl für die Ukraine als auch für Deutschland, das mich aufgenommen hat, nützlich sein.“

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