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Jazz aus RioHeilung am Strand von Ipanema

Statt Bossa Nova und Samba sind in Rio de Janeiro auf einmal überall Jazzklänge zu hören. Es gibt sogar einen neuen Mix aus Jazz und Baile Funk.

Herab von den Hügeln Santa Teresas: Antonio Neves und Thiaguinho Silva Foto: Far Out Recordings

Rio de Janeiro überwältigt jedes Mal aufs Neue: Der Ausblick auf Buchten und Sandstrände, die von Wunderhand abgerundeten Granitfelsen, die üppigen Tropen. Die bürgerlichen Viertel unten auf dem asfalto in Meeresnähe und die comunidades an den Berghängen liegen nur einen Steinwurf voneinander entfernt.

Auf einer Anhöhe oberhalb der Stadt ist das barock anmutende Bohèmeviertel Santa Teresa gelegen. Die Jazzdrummer Antonio Neves und Thiaguinho Silva haben ihre Hommage an das Viertel gleich „Ladeiras de Santa Teresa“ genannt, „Hügel von Santa Teresa“. Neves, der auch Posaune spielt, ist einer der Vorreiter des Rio Jazz (sein facettenreiche Platte „A pegada agora é essa“ von 2021 wurde zurecht gefeiert), Silva ein Meister der sanften Percussion. Ihr weitgehend ruhiges, im Samba verwurzeltes Jazzalbum ist genau das Richtige für einen lauen Abend am Strand von Ipanema.

Rios Jazzheads auf Platte

Antonio Neves: „A pegada agora é essa“ (2021). Tunico: „Tunico“ (Far Out Recordings, 2023). Neves e Silva: „Ladeiras de Santa Teresa“ (Far Out Recordings, 2026)

Rio de Janeiro ist derweil wieder in Mode. Es kommen mehr Touristen, und In­flu­en­ce­r:in­nen erzählen von den besten Favela-Beatyshops oder üben sich im „altinha“, dem Ballhochalten, mit den Cracks von der Straße. Auch hier tragen junge Männer inzwischen vorzugsweise Schnurrbart, Gewagtere gar Tattoos auf der Glatze.

In Mode gekommen ist in Rio auf einmal auch der Jazz. Auf den engen Straßen Lapas spielen regelmäßig junge Jazzer mit ihren Kombos auf. In der Spielart der Cariocas, der Be­woh­ne­r:in­nen Rios, ist das meistens ziemlich funkig, mit Orgel, Bläsern, viel Percussion. In Brasilien, wo das Publikum eigentlich jedes Lied von Anfang bis Ende mitsingt (was dem Hörgenuss nicht immer förderlich ist), ist die Geduld, längeren Instrumantalsoli zu lauschen, nicht unbedingt zu erwarten.

Jeden Tag Jazz live

Doch weit gefehlt. Die Leute kommen in Scharen, die Szene blüht. Eine der wichtigsten Figuren der Szene ist Tunico. In Venues wie der Comuna Lapa ist der Multinstrumentalist und Komponist Stammgast – meist mit seinem talentierten Ensemble im Schlepptau. Sein Album „Tunico“ (2023) ist eine Samba-Funk-Jazz-Fusion, die mal an Banda Black Rio erinnert, mal Ry-Cooder-Vibes verströmt.

Am besten ist es aber, Rio de Janeiros Jazzheads selbst live zu sehen. An einem Tag geht man ins Viertel Laranjeiras, wo der Bassist Ney Conceição ins Armazém Cardosão zum Konzert bittet, an einem anderen aufs Dach der Bar Macuna in Botafogo oder zur Praça São Salvador, wo die Band Salvador Jazz mit Klassikern aufwartet, umsonst – aber nur, wenn es nicht regnet.

Seit fast einem Jahr gibt es sogar einen Schulterschluss zwischen dem Jazz – und Rios Jugendkultur. Bei der Partyreihe „Jazz Proibidão“ („Verbotener Jazz“) treffen Jazz­künst­le­r:in­nen auf Rios Baile Funk – jenen populären Elektro-Sound, der für ungeübte Ohren ziemlich monoton wirkt und dessen MCs oft so klingen, als würden sie um ihr Leben schreien.

Doch wenn dort der wahnwitzige Baile-Funk-Dekonstruktivist DJ Ramon Sucesso auf den Mandolinenvirtuosen Hamilton de Holanda folgt, erinnert das an einen Ausspruch des Freejazzers Ornette Coleman: „Ich versuche nicht zu gefallen, wenn ich spiele. Ich versuche zu heilen.“

Dieser Text erschien in der Verlagsbeilage taz thema global pop am 2. Mai 2026.

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