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1. Mai in BerlinIkkimel, die Rattenfängerin der Linken

Lilly Schröder

Kommentar von

Lilly Schröder

Die Berliner Linke mobilisiert am 1. Mai die Massen, auch dank Rapperin Ikkimel. Der Vorwurf, Protest würde durch Party ersetzt, greift aber zu kurz.

Mariannenplatzfest am 1. Mai: die Show von Ikkimel zieht Massen an Foto: Ben Kriemann/pic one/picture alliance

V on rechts außen über die bürgerliche Mitte bis in linke Kreise hinein wird lamentiert: Die Rechtsextremen haben die sozialen Medien fest im Griff, sie schlagen die Jugend via Tiktok in den Bann ihrer menschenfeindlichen Ideologie. Tatsache – auch in Berlin: Mehr als 4.000 Tiktok-Follower hat die AfD-Spitzenkandidatin für die Abgeordnetenhauswahl 2026, Kristin Brinker. Elif Eralp dümpelt derweil bei weniger als einem Zehntel dessen herum: Die Linken-Spitzenkandidatin kommt gerade mal auf 250 Follower.

Das Mariannenplatzfest am 1. Mai unter dem Motto „Friedrichshain-Kreuzberg tanzbar machen“ markiert für die Hauptstadt-Linke eine Zäsur: Am Arbeiterkampftag gelang es der Partei, die jugendlichen Massen anzuziehen. Ihre Rattenfängerin von Kreuzberg: die „größte Fotze Europas“ – Ikkimel. Tausende feierten beim Konzert der Tempelhofer Rapperin, ein Instagram-Post des Landesverbands mit Eralp und Ikkimel bekam 21.000 Likes.

Darüber müssten sich Linke freuen – würde man meinen. Doch die linke Bewegung wäre nicht die linke Bewegung, wenn sie nicht konsequent ihrem Selbstzersetzungsfetisch erliegen würde. In den sozialen Medien wird kritisiert: Die Partei würde sich für Party statt Demo entscheiden und biete der jungen Zielgruppe eine unpolitische Alternative zum Kampftag. Die Einladung von Ikkimel sei eine Befriedigungstaktik der Partei, um den Protest der Revolutionären-1.-Mai-Demo zu schwächen.

Der politische Part, etwa die zahlreichen Reden der Parteimitglieder, wird in der Kritik bewusst ausgeblendet. Statt den Mobilisierungserfolg zu feiern und auszuhalten, dass Kultur und politischer Protest koexistieren können, werden zwei linke Veranstaltungen gegeneinander ausgespielt – und Künst­le­r*in­nen aus dem eigenen Milieu attackiert. Der Vorwurf: Sie würden mit ihren Konzerten zur Eventisierung und Partyatmosphäre am Arbeiterkampftag beitragen.

Die Rap­pe­r*in­nen stehen nicht für Entpolitisierung, sondern für scharfe Gesellschaftskritik, die niedrigschwellig politische Teilhabe ermöglicht

Die Feiermenge, die die Rap­pe­r*in­nen anzogen, hatte in der Tat den Demonstrationszug in der Oranienstraße über Stunden blockiert. Zwar lässt sich über das Timing streiten, dennoch verkennt dieses Jammern den Kontext: Die Rap­pe­r*in­nen stehen nicht für Entpolitisierung, sondern für scharfe Gesellschaftskritik, die niedrigschwellig politische Teilhabe ermöglicht.

Und von Künst­le­r*in­nen mit dem Anspruch boomt es derzeit in der Hauptstadt: Mitverantwortlich für den Stau in der Oranienstraße war das systemkritische Kreuzberger Rap-Trio RAPK, das wie jedes Jahr am 1. Mai ein Soli-Konzert im Kiez veranstaltete. Die Schöneberger Rapcrew BHZ folgte dem Beispiel in diesem Jahr und spielte bereits am Vorabend à la Peter Fox ein Soli-Konzert für ihren Kiez. Der Moabiter Rapper Apsilon, der über Rassismus und Klassismus rappt, kündigte am 1. Mai seine kostenlose „Null-Euro-Tour“ an, während Teuterekordz im Görli „Merz leck Eier!“-Gesänge anstimmte. Die kurdischstämmige Rapperin Ebow veröffentlichte am 1. Mai ihren Song „ARBAYT“, in dem die Tochter eines Müllmanns und einer Postfrau klassistische Erfahrungen und Klassenkampf thematisiert.

An wen sich ihre Kritik richtet? „Das hier geht straight an Merz, diesen Bastard.“ Und wer das verstanden hat? Die Linke.

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Lilly Schröder
Redakteurin für Feminismus & Gesellschaft im Berlin-Ressort Schreibt über intersektionalen Feminismus, Popkultur und gesellschaftliche Themen in Berlin. Studium der Soziologie und Politik.
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