+++ Nachrichten im Ukrainekrieg +++: EU hält Ukraine in der Beitrittsfrage hin
Auf dem EU-Gipfel in Zypern kommt Selenskyj mit Blick auf den Beitritt der Ukraine nicht weiter. Bei einem Angriff auf Odessa kommt ein Ehepaar ums Leben.
EU-Gipfel in Zypern: Ukraine-Kredit abgesegnet, aber EU-Beitritt Kyjiws bleibt in der Ferne
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat beim EU-Gipfel in Zypern die Freigabe eines 90-Milliarden-Euro-Kredits für Kyjiw begrüßt – auf konkrete Zusagen für einen EU-Beitritt seines Landes muss er aber weiter warten. Die Ukraine sei „bereit“ für die nächsten Schritte im Beitrittsprozess, betonte Selenskyj bei dem Treffen am Donnerstag. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron forderte die EU-Kommission auf, dafür einen Zeitplan vorzulegen. Mehrere Staats- und Regierungschefs äußerten sich jedoch skeptisch.
Selenskyj hat die EU-Verbündeten bereits mehrfach aufgefordert, der Ukraine ein konkretes Datum für den Beitritt zuzusagen, etwa das Jahr 2027. Er sei sich aber „nicht sicher“, ob alle Beteiligten konkrete Daten so sehr mögen wie er, räumte Selenskyj in Zypern ein. EU-Ratspräsident António Costa erklärte, der nächste Schritt sei die offizielle Eröffnung der ersten Verhandlungskapitel.
„Es ist wichtig, dass die Kommission in den kommenden Wochen einen genauen Kalender und Handlungsempfehlungen für die Ukraine und Moldau vorlegt“, sagte Frankreichs Präsident Macron. Auch die baltischen Staaten drängten auf rasche Fortschritte: „Je eher wir anfangen, desto eher kommen wir ans Ziel“, sagte der estnische Regierungschef Kristen Michal.
Luxemburgs Regierungschef Luc Frieden mahnte, die Ukraine müsse zuerst alle Voraussetzungen erfüllen. Ein Beitritt zum 1. Januar 2027 sei „nicht realistisch“, urteilte auch der kroatische Regierungschef Andrej Plenković. „Kein Erweiterungsprozess war so verkürzt, dass er innerhalb von sieben Monaten stattfinden könnte.“ Er forderte „kreative Schritte“, um in der Zwischenzeit ein politisches Signal an die Ukraine zu senden.
„Die Ukraine braucht keine symbolische EU-Mitgliedschaft“, betonte Selenskyj hingegen. „Wir verteidigen europäische Werte. Ich glaube, dass wir eine vollwertige EU-Mitgliedschaft verdienen.“
Ungarns inzwischen abgewählter Regierungschef Viktor Orbán hatte den Beitrittsprozess in den vergangenen Jahren blockiert – ebenso wie den nun aber beschlossenen 90-Milliarden-Euro-Kredit und die neuen Russland-Sanktionen. Alle 27 EU-Staaten stimmten beiden Entwürfen am Donnerstag in einem schriftlichen Verfahren zu, nachdem Kiew und Budapest zuvor einen monatelangen Streit um die Druschba-Pipline beigelegt hatten.
Die Pipeline transportiert normalerweise russisches Öl durch die Ukraine nach Ungarn und in die Slowakei. Sie war nach ukrainischen Angaben bei russischen Angriffen beschädigt und deshalb stillgelegt worden. Ungarn und die Slowakei warfen Kyjiw jedoch vor, die mutmaßlichen Schäden als Vorwand zu nutzen und Reparaturen zu verzögern. Am Mittwoch floss das Öl wieder und erreichte Ungarn und die Slowakei am frühen Donnerstagmorgen.
Brüssel arbeite daran, sowohl das Sanktionspaket gegen Moskau als auch den Milliardenkredit für Kiew rasch umzusetzen, teilte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Donnerstag mit. Das Sanktionspaket sieht unter anderem ein strengeres Vorgehen gegen die sogenannte Schattenflotte von Tankern mit russischem Rohöl an Bord vor. Die erste Tranche aus dem Kredit für die Ukraine soll voraussichtlich Ende Mai ausgezahlt werden, ursprünglich sollten die ersten Mittel schon im April an Kyjiw fließen.
„Es ist wichtig, dass die Ukraine sich dieses Maß an finanzieller Sicherheit sichert – nach mehr als vier Jahren Krieg“, erklärte Selenskyj. Das Geld soll seinen Angaben zufolge in „Sozialhilfen für unsere Bevölkerung, die Armee, die Drohnenproduktion und die digitale Kriegsführung“ fließen.
In Zypern war auch ein Gespräch Selenskyjs mit Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) geplant. Beim Gipfeltreffen geht es neben der Ukraine um die Lage in Iran und die Auswirkungen auf die Energiepreise in Europa. Am zweiten Veranstaltungstag am Freitag sollen Staats- und Regierungschefs aus dem Nahen Osten und der Golfregion dazustoßen. (afp)
Ehepaar bei russischem Angriff auf Hafenstadt Odessa getötet
In der ukrainischen Hafenstadt Odessa sind bei einem russischen Angriff zwei Menschen getötet worden. Es handele sich um ein Ehepaar, beide seien 75 Jahre alt gewesen, schrieb Militärverwaltungschef Serhij Lyssak bei Telegram. Weitere 15 Menschen seien verletzt worden. Acht von ihnen befinden sich demnach in medizinischen Einrichtungen. Moskaus Militär habe ein Wohnviertel angegriffen, schrieb Lyssak.
Durch Drohneneinschläge seien mindestens drei Wohnhäuser beschädigt worden, teilte Gouverneur Oleh Kiper mit. Auch auf einem Handelsschiff habe es einen Einschlag gegeben. An Bord sei ein Feuer ausgebrochen, das aber schnell gelöscht worden sei. Die Ukraine verteidigt sich mit westlicher Hilfe seit mehr als vier Jahren gegen eine großangelegte russische Invasion. (dpa)
Trump: Putin beim G20-Gipfel wäre „hilfreich“
US-Präsident Donald Trump hat sich grundsätzlich positiv zu einer möglichen Teilnahme des russischen Präsidenten Wladimir Putin am G20-Gipfel diesen Dezember in Miami geäußert. „Wenn er käme, wäre es wahrscheinlich ziemlich hilfreich“, sagte Trump auf eine entsprechende Reporterfrage. Er habe den Ausschluss Russlands aus der G8 immer für eine unkluge Idee gehalten, sagte er. „Ich bin der Meinung, dass man mit jedem reden sollte.“
In der G20-Runde der großen Industrie- und Schwellenländer ist Russland zwar offiziell noch Mitglied. Putin nahm allerdings zuletzt 2019 physisch an einem Gipfeltreffen teil. Der Gruppe der führenden Industrie- und Schwellenländer (G20) gehören 19 Staaten, die Europäische Union und die Afrikanische Union an.
Zuvor hatte die Washington Post unter Berufung auf Regierungsvertreter berichtet, die US-Regierung plane eine Einladung Russlands. Allerdings sei noch keine Einladung versandt worden.
Trump verwies unterdessen darauf, dass eine Einladung nicht notwendigerweise bedeute, dass Putin auch teilnehme: „Um ehrlich zu sein, hätte ich meine Zweifel, ob er kommen würde“. (dpa)
40 Jahre nach der Atom-Katastrophe: Tschornobyl neuer Gefahr ausgesetzt
Die Ukraine begeht am Sonntag den 40. Jahrestag der Atomkatastrophe in Tschornobyl – der Super-GAU ist die schlimmste zivile Nuklearkatastrophe der Geschichte. Die vor mehr als vier Jahren begonnene russische Vollinvasion in der Ukraine hat das AKW erneut in Gefahr gebracht und das Risiko einer weiteren radioaktiven Katastrophe erhöht.
Dabei kam es wegen schwerwiegender Verstöße gegen die Sicherheitsvorschriften während eines Sicherheitstest und aufgrund der bauartbedingten Eigenschaften des Reaktors zu einem unkontrollierten Leistungsanstieg, der am Morgen des 26. April 1986 um 1.23 Uhr zu einer Explosion in Reaktor vier des Atomkraftwerks Tschornobyl im Norden der Ukraine führte, die damals Teil der Sowjetunion war. Die Explosion riss das Innere des Gebäudes auseinander, radioaktiver Rauch strömt in die Atmosphäre. Der Kernbrennstoff brannte mehr als zehn Tage lang.
Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) stellte fest, dass die Hauptursache der Katastrophe „schwerwiegende Mängel in der Konstruktion des Reaktors und des Abschaltsystems“ in Verbindung mit „Verstößen“ gegen die Betriebsvorschriften waren.
In den folgenden Tagen kontaminierte die radioaktive Wolke die Ukraine, Belarus und Russland, ehe sie sich über Europa ausbreitet. Die erste öffentliche Warnung erfolgt erst zwei Tage später, am 28. April, als Schweden einen Anstieg der Strahlungswerte auf seinem Territorium registriert. In Deutschland war vor allem der Süden betroffen.
Ein UN-Bericht aus dem Jahr 2005 bezifferte die Zahl der bestätigten und prognostizierten Todesfälle in den drei am stärksten betroffenen Ländern auf 4.000. Greenpeace schätzte 2006, dass die Katastrophe fast 100.000 Todesfälle verursacht habe.
Russische Truppen besetzten das Atomkraftwerk am ersten Tag der Invasion Moskaus im Februar 2022. Sie eroberten das Kraftwerk kampflos, nachdem sie Zehntausende Soldaten und Hunderte Panzer vom Territorium von Belarus, einem engen Russland-Verbündeten, in die Ukraine entsandt hatten.
Russische Soldaten gruben Schützengräben und errichten Lager in Gebieten wie dem sogenannten roten Wald – benannt nach der Farbe, die seine Bäume durch die Strahlenbelastung angenommen haben.
Die Eroberung des stillgelegten AKW schürte große Befürchtungen, ein militärischer Zwischenfall könnte dort eine katastrophale nukleare Katastrophe auslösen. Nach etwa einem Monat zog sich die russische Armee zurück, nachdem es ihr nicht gelungen war, Kyjiw einzunehmen.
Das Kraftwerk ist von einer Stahl- und Betonkonstruktion bedeckt, die als Sarkophag bekannt ist und nach der Katastrophe von 1986 eilig errichtet wurde.
Eine modernere äußere Schutzhülle, genannt New Safe Confinement (NSC), wurde 2016 über den Reaktor geschoben. Die Hülle soll den Sarkophag, der nicht als langfristige Lösung gedacht war, ersetzen.
Die massive Metallkonstruktion wurde im Februar 2025 von einer russischen Drohne schwer beschädigt.
In einem im April 2026 veröffentlichten Bericht erklärte Greenpeace, dass die Außenhülle „derzeit nicht repariert werden kann, sie nicht wie vorgesehen funktionieren kann und die Möglichkeit radioaktiver Freisetzungen besteht“. Es wird geschätzt, dass die Reparaturarbeiten drei bis vier Jahre dauern.
Bereits im Dezember 2025 hatte der Kraftwerksleiter gegenüber der Nachrichtenagentur AFP gewarnt, ein weiterer russischer Angriff könne zum Einsturz der wichtigen Reaktor-Schutzhülle führen. (afp)
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