+++ Nachrichten im Ukraine-Krieg +++: Viel Misstrauen, aber Einigung über Kriegsgefangene möglich
Bei den Gesprächen in Abu Dhabi sind substanzielle Fortschritte unwahrscheinlich, doch könnte es einen weiteren Austausch von Kriegsgefangenen geben.
Selenskyj: „Wir erwarten Austausch Kriegsgefangener“
Vor dem Hintergrund der laufenden Gespräche mit Moskau und Washington in Abu Dhabi rechnet der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mit einem baldigen Austausch von Kriegsgefangenen. In seiner abendlichen Videobotschaft sagte er, es werde einen wichtigen Schritt geben – hin zum Austausch von Gefangenen. Zuvor hatte auch der Kiewer Chefunterhändler Rustem Umjerow von einem Gefangenenaustausch gesprochen. (dpa)
Misstrauen begleitet Ukraine-Friedensgespräche
Parallel zu den Friedensgesprächen in Abu Dhabi laufen weitere diplomatische Bemühungen. So traf sich laut französischen Diplomaten der wichtigste Berater von Präsident Emmanuel Macron, Emmanuel Bonne, am Dienstag mit Vertretern der Regierung in Moskau. Ziel sei es, den Dialog zu Schlüsselfragen, allen voran der Ukraine, aufrechtzuerhalten. US-Außenminister Marco Rubio äußerte sich am Mittwoch in Washington verhalten optimistisch: „Ich will nicht sagen, dass allein die Gespräche ein Fortschritt sind, aber es ist gut, dass es ein Engagement gibt.“
Der erste Tag der von den USA vermittelten Gespräche in Abu Dhabi wurde von der ukrainischen Seite als substanziell und produktiv bewertet. Daran nehmen neben den Delegationen aus Kiew und Moskau auch der US-Sondergesandte Steve Witkoff und Jared Kushner, der Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump, teil. Die Gespräche sollen an diesem Donnerstag fortgesetzt werden.
Die Verhandlungen werden jedoch von schweren Kämpfen und gegenseitigem Misstrauen überschattet. Die Regierung in Kyjiw wirft Moskau vor, eine von den USA unterstützte Waffenruhe in der vergangenen Woche zur Aufstockung seiner Munitionsbestände genutzt zu haben. Die Positionen der Kriegsparteien liegen nach wie vor weit auseinander. Moskau fordert den Abzug der ukrainischen Truppen aus der gesamten Region Donezk als Vorbedingung für eine Einigung. Kyjiw lehnt dies ab und fordert stattdessen ein Einfrieren des Konflikts entlang der aktuellen Frontlinie. (rtr)
Selenskyj: 55.000 getötete ukrainische Soldaten
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die offiziellen Verluste eigener Truppen seit Beginn des russischen Angriffskriegs vor knapp vier Jahren auf 55.000 getötete Soldaten beziffert. Darunter fielen auch Berufssoldaten und Mobilisierte, sagte er dem französischen Sender France2. Hinzu komme eine große Zahl von Vermissten, sagte der mit den Tränen kämpfende Staatschef.
Während beide Kriegsparteien täglich gegnerische Verluste vermelden, legen sie höchst selten eigene Opferzahlen vor. Es gilt als sicher, dass sowohl Russlands Führung als auch die der Ukraine eigene Verluste herunterspielen und die des Gegners erhöhen. Vor einem Jahr hatte Selenskyj die ukrainischen Verluste in einem Interview auf mehr als 45.000 gefallene und 390.000 verletzte Soldaten seit Kriegsbeginn beziffert. Entsprechend seinen neuen Aussagen wären damit innerhalb eines Jahres 9.000 getötete Soldaten hinzugekommen. Allein beim Austausch der Leichen getöteter Soldaten erhielt die Ukraine von Russland seit 2025 die sterblichen Überreste von mehr als 16.500 Gefallenen zurück. (dpa)
Denkfabrik: Russische Verluste um ein Vielfaches höher
Ein Bericht der US-Denkfabrik CSIS (Center for Strategic and International Studies) ging Ende Januar allein für die Ukraine von Verlusten von 500.000 bis 600.000 Soldaten seit Kriegsbeginn im Februar 2022 aus, darunter 100.000 bis 140.000 Tote. Die Verluste auf der russischen Seite wurden darin mit 1,2 Millionen Soldaten beziffert, davon 325.000 Tote. Das CSIS stützt sich dabei nach eigenen Angaben auf Informationen des Militärs, der Geheimdienste und Regierungen verschiedener Länder.
Es gibt auch Versuche, anhand von Beerdigungen, Todesanzeigen und Posts in sozialen Netzwerken Todesfälle von ukrainischen und russischen Soldaten zu zählen. Das russische Nachrichtenportal Mediazona ging Ende Januar von mindestens 168.000 nachweislich getöteten russischen Soldaten aus. Auf der ukrainischen Website ualosses.org wurde der Stand mit 87.000 toten Soldaten, 86.000 Vermissten sowie 4.400 ukrainischen Kriegsgefangenen in Russland angegeben. Die Macher beider Webseiten gehen allerdings davon aus, dass ihre Zählungen unvollständig sind, weil viele Todesfälle nicht bekannt werden. Wird der Tod eines ukrainischen Soldaten im Kampfeinsatz anerkannt, bekommen Angehörige 15 Millionen Hrywnja ausgezahlt, umgerechnet rund 294.000 Euro. (dpa)
Zwei Verletzte nach Drohnenangriff auf Kyjiw
Bei russischen Drohnenangriffen in der Nacht auf die ukrainische Hauptstadt Kyjiw sind nach Behördenangaben zwei Menschen verletzt worden. Eine 79-jährige Frau sei ins Krankenhaus gebracht, eine 89-Jährige ambulant behandelt worden, teilte die Polizei bei Telegram mit. Demnach schlugen die Drohnen im westlichen Stadtteil Solomjanka ein und beschädigten mehrere Wohnblöcke. Schäden wurden auch aus anderen Stadtvierteln der Dreimillionenmetropole gemeldet. Unter anderem traf es Wohnhäuser und einen großen Parkplatz. (dpa)
Ukraine warnt vor weiteren Stromausfällen nach Angriffen
Der ukrainische Energieminister Denys Schmyhal hat die Bevölkerung am Mittwoch vor einer Verschärfung der geplanten Stromabschaltungen in den kommenden Tagen gewarnt. Zudem bestehe die Gefahr, dass die russischen Streitkräfte die Luftangriffe wieder aufnehmen könnten, um die Strom- und Heizungsnetze weiter lahmzulegen, sagte Schmyhal. Die Lage bei der Energieversorgung bleibe sehr schwierig. In der Hauptstadt Kyjiw seien mehr als 200 Notfallteams im Einsatz, um die Wärmeversorgung nach den russischen Angriffen im Januar wiederherzustellen. Bürgermeister Vitali Klitschko zufolge waren am Dienstag noch mehr als 1.100 Gebäude ohne Heizung. Premierministerin Julija Swyrydenko teilte mit, seit Anfang des Jahres seien 217 russische Angriffe auf das ukrainische Energiesystem verzeichnet worden. (rtr)
Russland: Fast sechs Jahre Haft für Witz über Veteranen
In Russland ist ein Komiker unter anderem wegen eines Witzes über einen Kriegsveteranen zu fast sechs Jahren Straflager verurteilt worden. Ein Moskauer Gericht befand den Stand-up-Comedian Artemi Ostanin am Mittwoch wegen „Anstiftung zum Hass“ sowie wegen „Beleidigung von Gläubigen“ im Zusammenhang mit einem anderen Witz über Religion für schuldig. Die Gesamtstrafe belaufe sich auf fünf Jahre und neun Monate Haft in einer Strafkolonie, zitierte die staatliche russische Nachrichtenagentur RIA Nowosti die Richterin. Der Komiker wurde zudem zu einer Geldstrafe in Höhe von umgerechnet 3.300 Euro verurteilt.
Bei einer Stand-up-Show im März 2025 hatte er einen Witz über einen Kriegsveteranen erzählt: Er sei in der U-Bahn von einem „beinlosen Skateboarder“ angerempelt worden, einem „Idioten, der auf eine Mine getreten ist“, sagte Ostanin, ohne den Ukrainekonflikt direkt zu erwähnen. Der 29-Jährige bestritt, dass sich der Witz auf Veteranen der „militärischen Spezialoperation“ bezogen habe – wie Moskau den Krieg in der Ukraine nennt.
Nach seiner Festnahme im vergangenen Jahr hatten die russischen Behörden Ostanin auf ihre Liste von „Terroristen“ und „Extremisten“ aufgenommen – Bezeichnungen, die Moskau regelmäßig verwendet, um abweichende Meinungen zu unterdrücken und Gegner ins Visier zu nehmen. (afp)
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