Wissenschaftlerin zu feministischer KI: Wie würde ein feministisches ChatGPT aussehen?
Tanja Kubes kritisiert KI-Systeme und deren Machtstruktur. Ihr Buch zeigt aber auch, wie wir unsere Zukunft feministischer gestalten können.
Foto: Mary Evans Picture Library/picture alliance
taz: Frau Kubes, was war Ihre Motivation für das Buch „Code & Care“?
Tanja Kubes: Der politische Moment. Die mächtigste Technologie unserer Zeit liegt in den Händen weniger Männer, die offen mit autoritären Kräften paktieren. Die USA und China liefern sich ein Wettrennen, in dem Sicherheit und Gleichstellung als Bremsklotz gelten. Wie dringend die Fragen meines Buches sind, zeigt der Digital-Gipfel der Bundesregierung: Bis 2030 sollen vier von fünf Großunternehmen und neun von zehn Bundesbehörden KI einsetzen, und der Digitalminister wünscht sich dafür „mehr Freiraum“ bei der Regulierung. Wer KI so flächendeckend einführt, ohne zu fragen, wer sie gebaut hat und wen sie benachteiligt, digitalisiert die Ungerechtigkeiten von gestern. Deshalb fragt mein Buch: Wessen Zukunft wird hier gerade gebaut?
taz: Sie haben bereits 2025 das „Feminist AI Framework“ (Faif) entwickelt, also eine Art Handbuch wie KI feministisch gestaltet werden könnte.
Kubes: Ja, und es geht über bisherige Ansätze hinaus, auch über feministische. Die fragen meist, wer diskriminiert wird. Faif fragt zusätzlich, was ausgeschlossen wird: Wissenssysteme, Beziehungen, Ökosysteme. Dafür verbinde ich erstmals sechs Perspektiven, von feministischer Machtkritik über indigene Wissenssysteme bis zur Philosophie des Körpers. Daraus habe ich eine dreistufige Faif-Zertifizierung entwickelt, die den EU AI Act dort schärft, wo er vage bleibt.
taz: In Ihrem Buch stellen Sie am Ende jedes Kapitels spekulative Fragen, wie zum Beispiel: „Was wäre, wenn feministische Friedensforscher*innen die ersten KI-Systeme finanziert hätten?“
Kubes: KI wurde mit Pentagon-Geld groß, Kontrolle und Überwachung stecken bis heute in ihrer DNA. Mit feministischer Finanzierung hätten die ersten Maschinen vielleicht nicht Schach gespielt, sondern Gebärdensprache übersetzt oder geholfen, den Hunger in der Welt zu stillen. Solche Fragen zeigen: Nichts muss so sein, wie es ist. Denn Imagination ist der erste Schauplatz, an dem Macht sichtbar wird. Wer andere Geschichten erzählen kann, kann andere Zukünfte bauen.
taz: Im Intro erklären Sie, dass Sie sich bewusst dafür entschieden haben, das Buch in einfacher Sprache zu schreiben und nicht als wissenschaftliche Arbeit. Warum?
Kubes: Weil KI uns alle betrifft, ob wir wollen oder nicht. Sie entscheidet über Bewerbungen, Kredite, Partnersuche. Um zu fragen, wer so etwas baut und für wen, muss man keinen Code lesen können. Ich wollte mein Wissen aus über zehn Jahren Forschung nicht in der akademischen Echokammer lassen, sondern allen an die Hand geben.
taz: Sie schreiben, dass sich Care als roter Faden durch Ihr Buch zieht. Wie kann man das verstehen?
Kubes: Care ist der Gegenentwurf zu einer Industrie, die Menschen, Daten und Natur ausbeutet. Es heißt erstens, unsichtbare Arbeit sichtbar zu machen: Ohne Menschen, die Daten labeln und filtern, funktioniert keine KI, doch sie verschwinden hinter der „intelligenten Maschine“ wie Hausarbeit hinter dem funktionierenden Haushalt. Zweitens heißt es, Beziehungen statt Effizienz. Und drittens endet Care nicht beim Menschen, sondern schließt Flüsse, Böden und Tiere ein. Die Antwort eines Chatbots kommt in drei Sekunden, wie von Zauberhand. Dahinter aber stehen Kobaltminen im Kongo, in denen auch Kinder arbeiten. Rechenzentren wie das von Google in Oregon, das in einem Jahr über eine Milliarde Liter Wasser verbraucht. Menschen in Nairobi, die für weniger als zwei Dollar die Stunde traumatisierende Inhalte sortieren. Der Reichtum fließt nach oben, die Kosten nach unten.
taz: Ist das digitaler Kolonialismus?
Kubes: Ja. Der Globale Süden liefert Rohstoffe, billige Arbeit und Daten, der Globale Norden kassiert Gewinne und schreibt die Regeln. Dazu kommt die Sprache: KI lernt vor allem aus wenigen Weltsprachen wie Englisch und Chinesisch. Tausende kleinere Sprachen kommen kaum vor, und mit ihnen verschwinden das Wissen und die Weltbilder von Milliarden Menschen aus den Systemen.
Das Buch
Tanja Kubes: „Code & Care: Mit Feministischer KI die Welt gerechter gestalten“. Verlag Barbara Budrich 2026, 24 Euro
taz: Viele Menschen argumentieren, dass Technik und KI neutral seien, da sie auf Daten basieren. Was sagen Sie dazu?
Kubes: Dann lade ich sie in mein Seminar ein. Dort geben Studierende in Bildgeneratoren „STEM professor“ ein. Vorher sind fast alle überzeugt, die KI sei neutral. Dann sehen sie nur ältere weiße Männer im Laborkittel. Bei „STEM professors having a party“ servieren ihnen sexy Roboter mit weiblichen Formen Pizza und Drinks. Das ist Sexismus. Bei „STEM professor in Africa“ wird aus der Professorin eine Grundschullehrerin, die Kinder vor einer Lehmhütte unterrichtet. Das ist Rassismus. Der Bildgenerator macht keinen Fehler, er hat einen Standpunkt. Daten sind geronnene Vergangenheit. Und die Vorstellung einer „objektiven Maschine“ ist eine der mächtigsten Illusionen unserer Zeit.
taz: Wie würde ein feministisches ChatGPT aussehen?
Kubes: Ein feministischer Chatbot wäre vor allem kein rein kapitalistisches Produkt. Heutige Chatbots sind darauf getrimmt, dass wir möglichst lange mit ihnen reden und möglichst viele Daten einspeisen. Deshalb bestätigen sie uns ständig und erfinden lieber Quellen, als eine Wissenslücke zuzugeben. Ein feministischer Chatbot würde nicht nach Verweildauer optimiert, sondern danach, ob er uns wirklich weiterhilft. Er würde fragen: Wessen Stimme fehlt in den Daten? Er würde seinen Standpunkt offenlegen und zugeben, wenn er etwas nicht weiß. Er gehörte keinem Milliardär, sondern der Gemeinschaft. Und er wäre kein Ersatzfreund, sondern würde uns zurück zu anderen Menschen schicken.
taz: In Ihrem Buch kritisieren Sie auch die Medienberichterstattung über KI – was genau?
Kubes: Dass sie die Märchen des Silicon Valley oft ungeprüft weitererzählt und viel zu selten nach den Machtstrukturen fragt. Wir erleben eine unglaubliche Machtasymmetrie: Eine Handvoll Konzerne besitzt die Modelle, die Rechenzentren, die Plattformen und unsere Daten. Mit jedem neuen System potenziert sich diese Macht. Gleichzeitig wird Angst geschürt, KI könne die Weltherrschaft übernehmen oder die Menschheit vernichten. Das lenkt ab. Wer KI mystifiziert, macht sie unkritisierbar. Die eigentliche Gefahr ist keine Superintelligenz, sondern ganz gewöhnliche KI in den Händen weniger.
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