Uruguays Holzindustrie auf dem Prüfstand: Ein Abkommen mit grünem Anstrich
Am Río de la Plata zeigt sich die Kehrseite einer monokulturellen Forstwirtschaft. Sie verbraucht riesige Mengen an Wasser und schadet der Umwelt.
Wenn es stark regnet, ist die Mündung des Río de la Plata mit Grünalgen bedeckt. Igor Alexandro kennt das schon. Die giftigen Algen entstehen durch Cyanobakterien, welche sich durch den Einfluss von Agrochemikalien im Fluss bilden. „Die Bakterien sind ein deutlicher Indikator für den Druck durch die Agrarindustrie“, sagt Alexandro.
Wird er danach gefragt, was er vom EU-Mercosur-Abkommen hält, beginnt er zu schimpfen. „Die Asymmetrie des Abkommens wird dazu führen, dass sich nichts ändert“, ist er sich sicher. Jedenfalls wird sie zu nichts Gutem für die Umwelt und die Menschen, die in der Region leben, führen. Stattdessen wird es mehr Forstwirtschaft und schlechtere Böden geben und eine Zunahme der geförderten Rohstoffe, die ohne Mehrwert exportiert werden.
Euromérica-Workshop
15 Journalist:innen aus 12 Ländern Lateinamerikas nehmen am Workshop „Euromérica“ der taz panterstiftung teil. Es geht um Chancen und Herausforderungen des EU-Mercosur-Abkommens und die lateinamerikanisch-europäischen Beziehungen. Am 5. 12. erscheint dazu eine Beilage in der taz, am 9. 12. gibt es einen öffentlichen Talk in der taz Kantine. Alle Texte finden Sie hier.
Alexandro ist ein 69-jähriger pensionierter Seemann, der wenige Minuten vom Río de la Plata entfernt auf seinem Bauernhof in der Nähe von Colonia del Sacramento lebt, wo er Gemüse anbaut, einheimische Obstbäume pflegt und Tiere für den Eigenbedarf züchtet.
EU ist zweitgrößter Holz-Abnehmer
Rinder, Soja und Holz sind die wichtigsten Exportgüter des Einzugsgebiets am Río de la Plata und zugleich die größte Bedrohung für dessen Umwelt. Die Europäische Union ist nach China der zweitgrößte Abnehmer von Holz aus Uruguay und importierte im vergangenen Jahr Holzwaren im Wert von 687 Millionen US-Dollar. Colonia ist eines der fruchtbarsten Departements des Landes und Standort von Montes del Plata, eine der jüngsten Zellstofffabriken. Sie wurde mit chilenischem und finnischem Kapital errichtet.
„In unserem Land werden seit mehr als 35 Jahren Eukalyptus- und Kiefernmonokulturen ausgeweitet, verbunden mit Versprechungen von Arbeitsplätzen und Entwicklung“, warnte im vergangenen Jahr „Ni una Hectárea Más Forestada“ (Kein weiterer Hektar Aufforstung). Das ist ein Bündnis aus 75 zivilgesellschaftlichen Organisationen, die sich Sorgen um die Auswirkungen der Aufforstungsprojekte in Uruguay machen und zu dem Igor Alexandro gehört.
Konzentration von Reichtum und Land
Das Bündnis stellte fest, dass bis heute fast die Hälfte der Beschäftigten in der Forstwirtschaft im informellen Sektor arbeitet. Gleichzeitig ist es der Wirtschaftssektor, in dem sich Reichtum und Land wie in keinem zweiten konzentrieren – mehr als 700.000 Hektar Wald befinden sich allein in den Händen von 39 Großunternehmen.
Es gibt stichhaltige Belege dafür, dass die Forstplantagen die Umwelt in Uruguay schwer schädigen. Wassereinzugsgebiete, die in Aufforstungsarealen liegen, verringern ihren Wasserabfluss um bis zur Hälfte und verlieren bis zu 30 Prozent ihrer Durchflussmenge, wie Studien der Universidad de la República (UDELAR), der größten Universität des Landes, zeigen. Auch die Wiederauffüllungskapazitäten der Grundwasserspeicher werden beeinträchtigt.
Dabei teilt sich Uruguay mit seinen Nachbarn Argentinien, Paraguay und Brasilien das Guaraní-Grundwasserreservoir. Es ist das drittgrößte der Welt und liegt genau dort, wo die forstwirtschaftliche Monokultur am stärksten ausgeprägt ist. Allein die beiden Zellstoffwerke des finnischen Unternehmens UPM in Uruguay benötigen täglich 12.000 Millionen Liter Wasser.
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Wasserknappheit nach Dürre
Das entspricht dem Verbrauch von 96 Millionen Menschen und das in einem Land mit nur rund 3 Millionen Einwohner:innen, das bereits große Probleme mit der Wasserversorgung hat: 2023 litt Uruguay über ein Jahr lang unter einer schweren Dürre – und zwei Drittel der Bevölkerung waren drei Monate lang ohne Trinkwasser.
Die monokulturelle Forstwirtschaft beeinträchtigt aber auch die Artenvielfalt und die Populationen der einheimischen Fauna und Flora. Die von der Forstindustrie eingesetzten Herbizide sind in Europa längst verboten – in Argentinien, Brasilien, Paraguay oder Uruguay jedoch weiter gang und gäbe.
Zwischen 2009 und 2023 wurden Montes del Plata und UPM, die beiden Zellstoffwerke mit finnischer Beteiligung in Uruguay, mindestens 65 Mal mit Geldstrafen oder Sanktionen belegt, sagt der Forscher Daniel Pena von der UDELAR, der die Bußgelder gegen die transnationalen Unternehmen analysierte. Diese hatten „wiederholt gegen Umweltvorschriften“ verstoßen oder ihre „Berichterstattung an die Behörden“ war unzureichend.
Entwicklung, die nur einer Minderheit dient
Dabei nutzen die Werke die vom Staat finanzierte Infrastruktur: Um UPM zum Investieren zu bewegen, übernahm die uruguayische Regierung etwa die Kosten für den Bau eines vorrangig vom finnischen Konzern genutzten Eisenbahnnetzes, dessen Kosten Schätzungen zufolge bei bis zu 3 Milliarden US-Dollar lagen.
Neben „Steuerbefreiungen und Vergünstigungen in Freihandelszonen werden Reichtum, Wasser und Bodenfruchtbarkeit in Form von Holz und Zellulose exportiert“, erklärte die Koordinierungsgruppe gegen die Abholzung in Uruguay dazu.
Nachdem er die Hühner in ihren Stall gebracht und ein frisch geschlachtetes Lamm an der Luft getrocknet hat, spricht Igor Alexandro auf seiner Farm Laguamanda offen über seine Befürchtungen. Dass die Cyanobakterien mit dem EU-Mercosur-Abkommen aus den lokalen Gewässern verschwinden werden, glaubt er nicht. Eher im Gegenteil. Es könnte noch schlimmer werden.
Für Alexandro ist das Freihandelsabkommen allein „Vertiefung eines Entwicklungsmodells, das in unseren Breitengraden nur einer sehr privilegierten Minderheit aus dem Finanzsektor und multinationalen Konzernen Vorteile bringt“.
Guillermo Garat ist ein selbstständiger Journalist aus Uruguay. Er arbeitet u. a. für die genossenschaftliche Tageszeitung la diaria.
Übersetzt aus dem Spanischen von Ole Schulz
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