Linken-Abgeordneter Ekkehard Spiegel: „Wir sind kein Erich-Honecker-Cosplay-Verein“
Erst Hausbesetzer, dann Gärtner, dann Busfahrer – und jetzt Abgeordneter: Ekkehard „Ekke“ Spiegel erklärt, warum das zusammenpasst – und warum die Linke nicht die SED ist.
Foto: Maria Sturm
taz: Herr Spiegel, Sie haben das Direktmandat im Wahlkreis 5 von Friedrichshain-Kreuzberg gewonnen. Sie sind von Beruf Busfahrer und haben im Wahlkampf gesagt, dass Sie auch weiterhin fahren wollen, wenn Sie gewinnen. Und?
Ekkehard Spiegel: Ich bin ja noch kein Abgeordneter, sondern nur gewählt. Das heißt, bis Ende Oktober bin ich noch im Schichtbetrieb. Ich habe mir jetzt alle Schichten auf Spätdienst legen lassen, damit ich am Nachmittag an den Sitzungen teilnehmen kann, und gehe dann halt direkt auf den Bus. Bei der ersten Fraktionssitzung musste ich in Dienstkleidung erscheinen und auch eher wieder abhauen, weil ich in Schöneweide den 165er fahren musste.
taz: Wie waren die letzten Tage für Sie?
Spiegel: Durch die Doppelbelastung ist es ganz schön herausfordernd. Da muss man sich erst reinfinden, auch familiär. Meine Frau und ich sehen uns im Augenblick gar nicht.
Abgeordneter, Linken-Politiker, Gewerkschafter, Busfahrer, Gärtner, Entwicklungshelfer, Antifaschist und ehemaliger Hausbesetzer wurde 1970 im thüringischen Saalfeld geboren. Vor seiner Zeit als Busfahrer arbeitete Spiegel im Weltacker Projekt in Pankow, davor bis 2019 in der Entwicklungszusammenarbeit in Niger und Tschad. Im November 1992 wurde er zusammen mit seinem Mitbewohner Silvio Meier von Neonazis überfallen – Meier überlebte den Angriff nicht.
Bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus am 20. September trat Spiegel als Direktkandidat der Linken im Wahlkreis 5 von Friedrichshain-Kreuzberg an – und gewann mit 40,9 Prozent der Erststimmen. Damit toppte er sogar noch knapp das Ergebnis des Grünen Vasili Franco bei der Wahl im Jahr 2023. Franco landete diesmal mit 27,6 Prozent abgeschlagen auf Platz 2.
taz: Welche Schwerpunkte möchten Sie bei Ihrer Arbeit im Abgeordnetenhaus setzen?
Spiegel: Wir wollen Leute zusammenbringen und miteinander sprechen. Wir haben schon im Wahlkampf Kiezversammlungen gemacht und wollen das auch weiter tun. Es gibt eine Gruppe, die sich hier in der Schreinerstraße trifft, die haben thematisch zu illegalen Airbnbs gearbeitet. Das finde ich ein schickes Thema. Da gibt es gerade eine günstige Konstellation, wir haben jetzt auch im Bezirk eine Mehrheit, und gerade ist ein neuer EU-Gesetzentwurf zu bezahlbarem Wohnraum vorgelegt worden.
taz: Sie blicken auf ein bewegtes politisches Leben zurück. Was hat Sie bewegt, den Schritt in die parlamentarische Politik zu gehen?
Spiegel: Ein Grund war der Aufstieg der AfD. Für mich war damals absehbar, dass die AfD nicht von selbst wieder weggeht. Sondern dass man eine Politik entwickeln muss, mit der es gelingt, dagegenzuhalten. Bei der Initiative Deutsche Wohnen und Co Enteignen, in der ich aktiv war, habe ich mit sehr vielen Leuten in der Linken zusammengearbeitet. Am Wahlabend 2021 bin ich dann eingetreten. Dass ich Direktkandidat geworden bin, liegt daran, dass mich meine Genoss:innen aus dem Ortsverband gefragt haben. Es gab einen Beschluss, eine Arbeiter:innenquote in den Parlamenten durchzusetzen. Das fand ich richtig. Und wenn man etwas richtig findet, sollte man sich da auch reinhängen, wenn man es kann.
taz: Warum ist es wichtig, mehr Arbeiter:innen in den Parlamenten zu haben?
Spiegel: Die liberale Demokratie steckt in einer Krise. Und Teil dieser Krise ist auch, dass sich ganz viele Leute nicht mehr vertreten fühlen, dass wir ein Jurist:innenparlament haben. Mein Ziel ist es, ganz klar an einer Partei zu arbeiten, die in fünf Jahren in der Lage ist, nicht einen wie mich auf einen einigermaßen aussichtsreichen Platz zu setzen, sondern zwei Krankenpflegerinnen oder einen von Tesla und einen von der BSR auf ähnlich gute Listenplätze setzen kann.
taz: Wie macht sich die mangelnde Repräsentation konkret bemerkbar?
Spiegel: Für mich ist das beste Beispiel Verkehrssenatorin Ute Bonde, die sich während des BVG-Streiks im vergangenen Jahr hinstellte und fragte: „Welche BVG-Krise?“
taz: Wenige Wochen zuvor waren die Takte auf mehreren Buslinien reduziert worden, weil es zu viele Ausfälle bei den Fahrer:innen gab …
Spiegel: Ja. Bondes Kommentar war angesichts der Situation vollkommen lächerlich. Bei uns ist es einfach als Arroganz angekommen.
taz: Sie sind seit 2023 Busfahrer und waren in mehreren Tarifrunden gewerkschaftlich aktiv. Wie nehmen Ihre Kolleg:innen die Landespolitik wahr?
Spiegel: Ganz viele sind wirklich frustriert und wütend. Viele fühlen sich nicht gesehen und nicht gehört. Die Rechten sprechen halt diese Frustration an und zeigen mit dem Finger auf „die Ausländer“. Bei uns in der Kollegenschaft sind solche AfD-Parolen leider schon weit verbreitet. In solchen Situationen, gerade als Gewerkschafter, den Rücken geradezumachen, ist unglaublich wichtig. Zu sagen, hey, das geht so nicht. Du kriegst keine Wohnung dadurch, dass du versuchst, deinen Nachbarn abzuschieben.
taz: Sie sind in den 80er und 90er Jahren in Thüringen aufgewachsen und haben als Punk die rechte Gewalt der Baseballschlägerjahre miterlebt. Sehen Sie da Parallelen zu heute?
Spiegel: Es gibt einen Anstieg von Gewalt. Aber die eigentliche Gefahr sitzt in den Parlamenten. Das erfordert eine ganz andere Form von Kampf. Es steht keine Wiederholung der 90er an, und es steht keine Wiederholung der 30er an. Wir müssen jetzt nach Beispielen gucken, wo erfolgreich gegen solche Regimes gekämpft wurde. Österreich existiert. Polen existiert. Die USA und die Kämpfe, die da jetzt gerade stattfinden, existieren. Und daran sollten wir uns mal ein Beispiel für Berlin nehmen.
taz: Wie wurden Sie politisiert und wie haben Sie die Zeit in Thüringen erlebt?
Spiegel: Ich bin in einem sehr thüringischen, protestantischen Milieu aufgewachsen und war sehr kritisch zur DDR eingestellt. Ich war damals in dieser Punkerszene im Umfeld der Kirche von unten und der offenen Arbeit und habe auch den Wehrdienst verweigert. Wir haben uns immer als irgendwie links verstanden, aber nicht so links, wie die DDR es war. Dieses Milieu in einer Kleinstadt ist dann auf die Baseballschlägerjahre getroffen. Daraus haben Leute halt unterschiedliche Konsequenzen gezogen. Für mich war klar, dagegen muss man kämpfen, da muss man sich zusammentun mit anderen.
taz: Angesichts einer möglichen links geführten Koalition wurde in den sozialen Medien schon wieder der Vorwurf der „Mauerschützenpartei“ laut. Wie viel SED steckt noch in der Linkspartei?
Spiegel: Die sollen mal zu mir kommen und wir unterhalten uns. Ich lad die mal ein in unseren Ortsverband. Da bin ich der Zweitälteste und kein Mauerschütze. Die Politik, die dort vertreten wird, hat mit der Politik der SED sehr wenig zu tun. Die Linke als Partei hat eine Geschichte, aber wir sind kein Erich-Honecker-Cosplay-Verein.
taz: Was hat Sie Anfang der 90er nach Berlin geführt?
Spiegel: Die Nazis sind bei mir in die Wohnung gekommen. Danach war ich im Krankenhaus. Ich habe mich dann entschlossen, nach Berlin zu kommen und bin in die Schreina gezogen.
taz: Die Schreina47 ist ein Hausprojekt in der Schreinerstraße. Als Sie eingezogen sind, war es noch ein besetztes Haus. Ich habe gelesen, Sie haben sich dort mit dem Satz vorgestellt, „Ich will die Regierung stürzen.“ Stimmt das?
Spiegel: Mir ist da einfach nichts Besseres eingefallen. Und außerdem wollte ich damals wirklich die Regierung stürzen – nur wusste ich nicht, wie das geht. Das waren Kohls Hochzeiten der blühenden Landschaften. Natürlich war das eklig für jemanden aus dem Osten. Zu der Zeit sind die ersten schlimmen Pogrome gegen Flüchtlinge gelaufen, genau derselbe Mechanismus, wie wir heute sehen. Es gab eine schwere Wirtschaftskrise, im Osten war in manchen Gegenden auf einmal die Hälfte der Bevölkerung arbeitslos. Und in dieser Situation sagte die Regierung: Ja, die Asylanten nehmen euch die Jobs weg. Natürlich war man da empört. Für mich waren die CDUler Lumpen und Lügner.
taz: Die rechte Gewalt hat Sie auch in Berlin wieder eingeholt. Sie waren mit dem Hausbesetzer und Antifaschisten Silvio Meier befreundet. Und Sie waren Teil der Gruppe, die von Neonazis am U-Bahnhof Samariterstraße mit Messern attackiert wurde. Sie wurden schwer verletzt, Silvio Meier überlebte den Angriff nicht. Wie prägt Sie der Angriff heute?
Spiegel: Was für uns sehr wichtig war: Während des ganzen Prozesses gegen die Täter hat keiner von uns, die direkt betroffen waren, gefordert, dass die Leute besonders schwere Strafen kriegen sollten. Uns war wichtig, dass klargestellt wird, dass das ein rechtsradikaler Angriff war. Silvio wird nicht wieder lebendig, wenn jemand lange in den Knast geht. Wir wollten die Gesellschaft dadurch verändern, dass wir miteinander reden, und uns fragen, wie wir dagegenhalten können. Das ist für mich eine Erfahrung, die meine Perspektive auf bestimmte Debatten heutzutage sehr stark prägt, zum Beispiel darauf, wie man mit der AfD umgeht. Wie können wir vielleicht auch solche Jugendliche, die da so aufgehetzt werden, zurückholen?
taz: Sie waren danach lange in der Entwicklungszusammenarbeit, unter anderem in Tschad und in Niger. Was nehmen Sie davon mit für Ihre politische Arbeit?
Spiegel: Vor allem bin ich unglaublich sensibilisiert für das Thema Klimawandel wiedergekommen. Die Landwirtschaft in Niger verliert ganze Kulturpflanzen. Das hat für alle dort schlimme Auswirkungen. Man kriegt auch ein Verständnis für die krassen Ungleichheiten, die auf der Welt herrschen. Wenn Kolleg:innen von mir, ich bin ja von der Ausbildung Gärtner, sich jeden Tag den Rücken wundschuften und es trotzdem nicht zum Leben reicht.
taz: Zurück in Deutschland, was hat Sie motiviert, Busfahrer zu werden?
Spiegel: Ich hatte das Gefühl, als Gärtner habe ich alles gemacht, was man machen kann. Ich habe was gesucht, was mich reizt. Ich bin ein leidenschaftlicher ÖPNV-Nutzer und ein großer Fan der BVG, auch außerhalb meines Berufslebens. Dann gab es einen Schnuppertag auf dem Betriebshof Lichtenberg, da durfte man mit einem Bus im Kreis fahren. Und danach habe ich gefragt: Wo kann ich unterschreiben?
taz: Wollen Sie auch als Abgeordneter noch Bus fahren?
Spiegel: Ich will noch ein bis zwei Schichten pro Monat machen, das kann und will ich nicht aufgeben. Ich sehe mich als Vertreter für meine Kolleg:innen und will auch weiter ein offenes Ohr für die haben. Und das geht halt am besten, wenn man dort ist.
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