Halloween: Der blanke Horror
Narben, Beulen und Schorf sind kein Partylook. Überlegt euch für Halloween was Originelleres. Menschen mit Hauterkrankungen werden es euch danken.
Foto: Jochen Tack/imago
F reitagabend, ich eile durch dm. Wir brauchen Waschmittel, Zahnpasta, Klopapier. Doch in der Kosmetikabteilung packt mich der Horror. Zwischen Schminkspiegeln und Lippenstiften sind Halloween-Artikel aufgereiht. Narben, Beulen, Schorf. „Creepy Wounds – Beulen & Geschwülste“, sechs Stück, 14,95 Euro. Auf den Packungen Models, denen ins Gesicht gemalt wurde, was ich in meiner Jugend nicht abwaschen konnte. Daneben ein kleines rotbraunes Fläschchen: „Wundschorf“.
Als Mensch mit Neurodermitis habe ich früh gelernt, wie es ist, mit Wunden im Gesicht durch die Innenstadt zu laufen. Häufig wurde ich ungebeten beraten, manchmal beschimpft. Nach einem Vorstellungsgespräch bei einer Lokalzeitung bekam ich gesteckt, dass ich für den Job leider nicht geeignet sei. Ich sähe aus wie „drogensüchtig“. Und „ein bisschen Repräsentation“ müsse schon sein.
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Rund um Halloween kamen unsichere Blicke hinzu. In einem Stadtbus starrte mich eine Gruppe Schülerinnen an. Erst erschrocken, dann belustigt.
„Ist das echt?“, rief eine.
Ich nickte.
Damals kam es mir vor, als sei ich mit meinen Erfahrungen allein. Aber das bin ich nicht. Menschen mit sichtbaren Hautveränderungen wie Narben oder Verbrennungen werden angestarrt, nicht bedient, nicht eingestellt.
In einer Umfrage der britischen Organisation Changing Faces gaben 81 Prozent an, von Fremden angestarrt, kommentiert oder angegangen worden zu sein. In einer deutschen Umfrage von 2017 wollte jede fünfte befragte Person nicht mit Menschen mit Schuppenflechte schwimmen gehen. Laut einer US-amerikanischen Studie wurden Gesichter mit Narbe als weniger ehrlich, weniger intelligent, weniger vertrauenswürdig bewertet als ohne. Und wer in der Bewerbung eine Gesichtsauffälligkeit offenlegt, landet seltener im Vorstellungsgespräch.
Erst Pickelcreme, dann Kunstblut
Drogeriemärkte und Kosmetikmarken verkaufen Jugendlichen 365 Tage im Jahr das Versprechen makelloser Haut. Einer Zielgruppe, die besonders häufig von Akne und anderen sichtbaren Hauterkrankungen betroffen ist. Und drei Wochen im Jahr bekommt sie dann obendrauf Wunden als Party-Look angedreht?
Dass es anders geht, zeigt Großbritannien. Dort hat die Beautykette Sephora mit Face Equality International dazu aufgerufen, zu Halloween auf geschminkte Narben zu verzichten. „Fear No Face“ heißt die Kampagne, auf Deutsch „Fürchte kein Gesicht“. Ihr Ziel: die uralte Verbindung zwischen Narben und Bösewichten aufzulösen.
Denn im Wundschorf-Zombie steckt eine Projektion. Menschen mit sichtbaren Hautveränderungen werden als gefühllos, ansteckend, gefährlich gebrandmarkt. Tatsächlich erleben diese Menschen im Alltag die Gefühllosigkeit der Mehrheitsgesellschaft.
Ich wünschte, wir wären gefährlich. Und ansteckend. Wir sollten die Drogeriemärkte plündern. Mit ihrem Kunstblut splattern, den Verantwortlichen in den Kopf beißen. Aber das wird wohl nichts. Leider.
Narben im Gesicht machen nicht hart und gefährlich. Sie haben mich verletzlich, angreifbar, zart gemacht. Aber vielleicht können wir auch mit Feinfühligkeit etwas anstoßen. Face Equality International rät, beim Kostüm darauf zu achten, dass keine Behinderungen, keine sichtbaren Hautveränderungen, keine Rollstühle als Requisiten genutzt werden.
Verkleidet euch also als Einhörner! Als Sumpfmonster! Als Aliens! Es gibt unendlich viele Figuren, denen ihr nicht im Bus oder auf der Straße begegnet. Aus Menschen Masken zu machen – das ist der blanke Horror.
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