: Ein Bildatlasvoller flüchtiger Parallelen
Um die zersägten Motorräder der Bildhauerin Alexandra Bircken kommt man in hiesigen Museen nicht mehr herum. In der Kunststiftung der rheinischen Unternehmerfamilie Langen zeigt sie sich jetzt ungewöhnlich sentimental
Foto: Tino KukuliesCourtesy the artist; Herald St, Maureen Paley, London; Trautwein Herleth, Berlin
Von Jennifer Braun
Smartphone-Nackenstarre kommt nun doch ganz gelegen, um das in einem 23 Meter langen Glasdisplay ausgebreitete Archiv von Alexandra Bircken in der Langen Foundation zu begutachten. Mit „Silver Lining“ präsentiert die bekannte Künstlerin ein seit den 90er Jahren gewachsenes und geschaffenes Konvolut aus Fotos, Magazinseiten, ausgedruckten Screenshots und Objekten. Anstatt eines alles zusammenhaltenden roten Fadens treten nun thematische Inseln hervor.
Bircken, Jahrgang 1967, hat sich vor allem als Bildhauerin einen Namen gemacht. Visuell kräftig – sie zerschneidet auch mal echte Motorräder – arbeitet sie sich am Verhältnis von Ding, Konsum und Körper ab.
Wie sie aber nun in der privaten Kunststiftung der rheinischen Unternehmerfamilie Langen die motivischen Assoziationsketten aneinanderknüpft, hat etwas vom überschätzten Witz eines Poetry Slams: Der aufgedrehte Yves-Saint-Laurent-Lippenstift einer Magazinseite trifft auf eine hölzerne Patronenhülse, deren spitze Form wieder im Foto eines silberfarbenen Rings auftaucht, dessen Form einen Fingernagel imitiert. Die Fingernagelspitze spiegelt sich konzeptuell wiederum in den vier Aimovig-Migränespritzen daneben, und zum Abschluss dieser Kette gibt es einen Kugelschreiber. Der hat schließlich auch ein spitzes Ende …
Das Zusammentragen wiederkehrender motivischer Elemente über Themen und Medien hinweg erinnert an Aby Warburgs 1924 begonnenen und nie abgeschlossenen Mnemosyne-Bilderatlas. Im Gegensatz zu Warburg, der mit akribischem Ehrgeiz die Evolution antiker Bilder von der Kunstgeschichte bis in die Werbebranche nachzuskizzieren versuchte, verfolgt Bircken einen weniger empirischen Ansatz. Es scheint ihr stattdessen vielmehr um flüchtige, sentimentale Parallelen zu gehen, wie in der Gegenüberstellung der Fotos eines gestillten Babys und zweier andockender ICE-Züge deutlich wird. Oder in dem Foto eines Baumes, dessen beständig wachsende Rinde sich stur einem Metallzaun widersetzt, dessen Gitterform wiederum als Abdruck auf einem fotografierten Knie auftaucht. Die Ähnlichkeit zu Wolfgang Tillmans ist unverkennbar, mit dem sie sowohl die fotografische Verliebtheit ins Unscheinbare, Vorbeihaschende als auch die Wurzeln in der Modebranche teilt.
Hin und her gerissen zwischen Poesie und Pathos taucht in der 23-Meter-Vitrine Vergänglichkeit objekthaft auf. An einem Ende – oder Anfang – ein Ei, an dem anderen flachgepresste Orangenschalen, die wiederum an Birckens zurück zu Tierhäuten abstrahierte Motorradanzüge erinnern. Die Platzierung eines Ausschnitts aus einem Artikel zu Longevity und Anti-Aging neben einem frischen Baguette bringt wiederum doch zum Schmunzeln. RIP, Dieter Roth, du hättest in die Hände geklatscht.
Alexandra Bircken: „Silver Lining“. Langen Foundation Neuss, bis 11. April 2027
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